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12.05.2018, Lissabon, Portugal: Michael Schulte singt "You Let Me Walk Alone" für Deutschland im Finale des 63. Eurovision Song Contest. Foto: Armando Franca/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

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Kommentar zum ESC: Endlich wieder ein Grund zum Feiern

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Im Jahr acht nach Lena hat Michael Schulte in Lissabon einen fantastischen vierten Platz erreicht. Das ist nach Zeiten, in denen manchmal nur über die besseren und schlechteren null Punkte diskutiert wurde, wirklich ein Quantensprung.

Im Jahr acht nach Lena hat Michael Schulte in Lissabon einen fantastischen vierten Platz erreicht. Das ist nach Zeiten, in denen manchmal nur über die besseren und schlechteren null Punkte diskutiert wurde, wirklich ein Quantensprung.

Das neue, aufwendige Konzept des deutschen Vorentscheids, bei dem sowohl ein eigens ausgewähltes Panel als auch das Publikum über den Kandidaten abstimmen, hat sich offenbar ausgezahlt – ebenso wie das Songwritercamp. Er habe gleich gemerkt, dass Schulte das größte Potenzial habe, sagte das Frankfurter Panel-Mitglied Jochen Christian Werth. Und tatsächlich überzeugte der norddeutsche Lockenkopf dann auch beim Finale Jury und Publikum gleichermaßen – anders als etwa Schweden, das nur bei den Experten vorn landete, oder die Dänen, die lediglich Publikumslieblinge waren.

Zum Erfolg trug aber vor allem Michael Schultes glaubwürdige Präsentation bei und ein Bühnenbild, das mit Familienfotos die Emotionen der Zuschauer weckte. Das machte „You Let Me Walk Alone“ zur stärksten Ballade des Finales.

Hat Deutschland also seine neue ESC-Formel gefunden? Das wird die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall ist zu hoffen, dass der Wettbewerb hierzulande wieder einen höheren Stellenwert bekommt. Dass Künstler nicht mehr Angst haben müssen, ihren guten Ruf bei einer Teilnahme aufs Spiel zu setzen. Denn genau das macht den Unterschied zu vielen anderen europäischen Ländern aus.

Endgültig widerlegt ist zudem das Vorurteil, dass Deutschland mangels Beliebtheit von anderen Ländern keine Punkte erhält. Mutige, authentische Beiträge werden honoriert – das kann ein Lied über Trauer sein oder ein schriller Song, der auf die #MeToo-Debatte aufspringt. Der ESC glänzte diesmal durch eine große musikalische Vielfalt, die von Heavy Metal bis Oper reichte. Und auch dadurch, dass mehr Teilnehmer – inspiriert durch Vorjahressieger Salvador Sobral – wieder in ihrer Landessprache sangen.

Dass Europa seine Vielfalt beim ESC feiert, ist seine große Gemeinsamkeit und Stärke. Es hat vielleicht sogar eine neue Identität gefunden – in Abgrenzung zu China, das den irischen ESC-Beitrag über eine homosexuelle Liebe verbot, zu den autoritären Strukturen in Russland und der Türkei, zum intoleranten US-Präsidenten Trump.

Und wenn dann doch Israel gewinnt, das nicht zu Europa, aber zur Europäischen Rundfunkunion EBU gehört, ist das dazu kein Widerspruch. Das Lissaboner ESC-Motto „All aboard“ trifft auf alle zu, die die Werte der Toleranz teilen. Und damit kann und sollte Europa auch weiterhin punkten.

pia.rolfs@fnp.de Bericht Seite 32

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