+
Ein Schild mit dem Schriftzug „Jugendamt”.

Kommentar

Kommentar zu Jugendämter: Eine Blamage

  • schließen

Wenn der „Skandal!“-Schrei nicht längst entwertet wäre durch inflationären Gebrauch, dann wäre dies Skandal zu nennen: Knapp zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen die Sozialarbeiter der deutschen

Wenn der „Skandal!“-Schrei nicht längst entwertet wäre durch inflationären Gebrauch, dann wäre dies Skandal zu nennen: Knapp zwei Drittel ihrer Arbeitszeit verbringen die Sozialarbeiter der deutschen Jugendämter mit – Dokumentationspflichten. Für die Kinder, Jugendlichen, auch deren Eltern, denen sie helfen wollen, bleiben von jeder Stunde gerade mal 22 Minuten.

Gut ein Drittel dieser Experten hat kein Einzel-Büro, kann also das Persönlichkeitsschutzbedürfnis der Klienten nicht erfüllen. Und mehr als zwei Drittel verfügen nicht einmal über das Standardgerät moderner Arbeits-Kommunikation: ein vom Dienstherrn gestelltes Mobiltelefon. Was, wenn ein Kind sich in Not fühlt, akut? Was, wenn der Helfende selbst in Not gerät, bei einem Hausbesuch etwa?

Die Studie über den Alltag des sogenannten Allgemeinen Sozialen Diensts (ASD) ist ein Buch des Versagens. Nicht der ASD-Fachkräfte, auch nicht der Kommunen, denen die Jugendämter zugeordnet sind. Es versagt, in diesem Fall, das föderale System. Weil wegen ihm die Jugendämter strukturell am Rand der Grundgesetzwidrigkeit balancieren. Nur in der Theorie nämlich sind alle Kinder, Jugendlichen, Eltern vor dem Jugendhilfegesetz gleich.

In der Praxis kommt es darauf an, ob sie in einer reichen Gemeinde zu Hause sind – oder in einer armen Stadt. Ob sie einer von weniger als 50 Fällen sind – „Fall“ ist noch immer die Zähleinheit – oder von mehr als 100, für die ihr Experte zuständig ist. Und man soll ja nicht glauben, nur die Klienten litten unter den im Schnitt lausigen Bedingungen. Auch ihre Betreuerinnen und Betreuer sind erzürnt und erschöpft und frustriert und verunsichert; all das lässt sich nachlesen. Und auch, dass sie sich genau deshalb gern rasch wieder verabschieden aus diesem System der Unzulänglichkeit. Und nein, Olaf Scholz wird es nicht gerne hören, dass Wissenschaft und Praktikerinnen und Kinderlobby in engstem Schulterschluss Bundestag und Bundesregierung im Zentrum der finanziellen Pflicht sehen. Dass sie eine bundesweit gültige „Fallzahlbegrenzung“ von maximal 35 fordern. Und endlich einen Kinderbeauftragten, der oder die dafür sorgt, dass sich die tiefe und weite Kluft zwischen Gesetz und Wirklichkeit schließt. Außerdem, dass die aktuell 13 355 Pädagogen mindestens 16 000 weitere Kolleginnen und Kollegen bekommen, damit den derzeit mehr als eine Million Betreuten wirklich so geholfen werden kann, wie es der viertgrößten Wirtschaftsmacht der Welt entspricht.

Dass es nicht längst so ist: ein Skandal, ein wirklicher. Und eine Blamage obendrein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare