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Kommentar: Ein Neustart mit alten Bekannten

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Einen Neustart stellt man sich eigentlich anders vor, jedenfalls nicht mit so vielen alten Bekannten. Gut möglich, wenn man die Töne aus dem Lager der entthronten deutschen Titelverteidiger nachhallen

Einen Neustart stellt man sich eigentlich anders vor, jedenfalls nicht mit so vielen alten Bekannten. Gut möglich, wenn man die Töne aus dem Lager der entthronten deutschen Titelverteidiger nachhallen lässt und richtig deutet, dass sie heute ihre weltmeisterlichen Nachfolger aus Frankreich mit zehn Spielern in der Startelf empfangen, die schon die schmachvolle und viel zu früh beendete Russland-Reise mitgemacht haben. Und wer weiß: Hätte nicht Jonas Hector kurzfristig eine kleine Auszeit eingelegt, wäre hinten links vielleicht noch das elfte gewohnte Gesicht zu finden gewesen. Das muss ja nun nicht grundverkehrt sein, und es muss ja auch nicht alles, was vor nicht allzu langer Zeit noch gefeiert wurde, über den Haufen geworfen werden, nur um Zeichen der Veränderung zu setzen. Gleichzeitig aber passt diese treue Personalpolitik zu der sogenannten Aufarbeitung der WM-Blamage, die wirkte, als wäre sie fast schon widerwillig betrieben worden. Wenn hier jemand Aufbruchstimmung erwecken wollte: Dieser bleierne DFB-Sommer ist ein Paradebeispiel dafür, wie es nicht geht.

Ein Zauberer wiederum ist Bundestrainer Löw auch nicht. Das war er nie, selbst wenn man das im Überschwang der nach dem WM-Titel 2014 betriebenen Beweihräucherung fast schon glauben musste, und das muss er gar nicht sein. Wieder etwas mehr Sinn für handwerkliche Detailarbeit wäre indes schon hilfreich. Vielleicht sind fürs Erste dann tatsächlich ein paar Kniffe genug, um bereits im symbolträchtigen Duell gegen Frankreich die Kurve zurück in die Erfolgsspur zu kriegen. Kleinere taktische Anpassungen, und vor allem: Mehr Hingabe, weniger Überheblichkeit – dafür gibt es wirklich keinen Grund mehr.

Große Zukunftsfragen sind im Hintergrund zu klären. Wie etwa dem führungsschwachen Verband mehr Kompetenz zugeführt werden kann, als Korrektiv für die sportliche Alleinherrschaft von Löw und Teammanager Bierhoff. Oder in der Ausbildung, um statt systemtreuer Kombinationsmaschinen vielleicht auch ein paar Freidenker heranzuziehen. Die Trendwende in der Gegenwart indes soll nicht mit grundlegenden Veränderungen gelingen, sondern eher mit einem Weitermachen unter leicht veränderten Vorzeichen. Ob es damit getan ist, nach dieser historischen Enttäuschung, dem ersten deutschen Vorrunden-Aus bei einer Weltmeisterschaft?

Wenn Toni Kroos über aus seiner Sicht offenbar überdrehte Spielstil-Diskussionen spottet, wenn Thomas Müller das WM-Debakel launig auf eine Ergebniskrise verkleinert oder DFB-Kapitän Manuel Neuer auf die Frage nach einer vom „Spiegel“ kolportierten Spaltung im Kader zwischen „Kanaken und Kartoffeln“ eine Stellungnahme und das Einnehmen einer Haltung verweigert – dann hofft man nur, dass die gefallenen Weltmeister beim fußballerischen Versuch der Wiedergutmachung besser in Form sind als bei den Wortmeldungen zuvor. Und darf gespannt sein, ob sie heute Taten auf dem Platz sprechen lassen. Es ist an der Zeit.

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