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ARCHIV - ILLUSTRATION - 29.05.2012, Berlin: Eine Organtransportbox wird in den Räumen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Berlin übergeben. (zu dpa "Gesundheitsminister für grundlegende Neuregelung der Organspende" vom 03.09.2018) Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Kommentar Pro Organspenden-Pläne: Die Freiheit, Nein sagen zu müssen

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Sehe ich mich als lebendes Ersatzteillager, nur weil Bundesgesundheitsminister Spahn mich grundsätzlich als Organspender einstufen will, so

Sehe ich mich als lebendes Ersatzteillager, nur weil Bundesgesundheitsminister Spahn mich grundsätzlich als Organspender einstufen will, so lange ich nicht widerspreche? Mitnichten. Bisher hatte ich die Freiheit, Ja sagen zu müssen zur Organspende. Jetzt habe ich die Freiheit, Nein sagen zu müssen. Der Unterschied: Endlich muss sich jeder damit beschäftigen, ob er im Falle des Falles Organe spenden möchte. Kein Desinteresse, keine Gleichgültigkeit, keine Faulheit kann mehr verhindern, dass schwerstkranke, auf eine Organspende angewiesene Menschen Hilfe erhalten.

Wie viele Leben könnten gerettet werden, stünden mehr Organspender zur Verfügung? Keine 800 Spender waren es im vergangenen Jahr, bei mehr als 80 Millionen Einwohnern in Deutschland. Ein Armutszeugnis, wie ich finde. Und ein Offenbarungseid für jene, die stets auf Aufklärung und die Zustimmungslösung mittels eines Organspendeausweises gesetzt haben.

Ja, ich verstehe die Bedenken jener, die hinter Organspenden vor allem ein großes Geschäft wittern. Und ja, ich respektiere den Wunsch nach körperlicher Unversehrtheit bis ins Grab. Was ich aber ganz und gar nicht akzeptieren kann, sind die Schwarzmaler, die Ärzte nur zu gerne mit Schlachtern gleichsetzen und so tun, als würden diese schon mit gewetzten Messern neben jedem Sterbenden stehen, der als potenzieller Organspender infrage kommt.

Natürlich muss es auch bei der Widerspruchslösung strenge Regeln und Kontrollen geben, ab welchem Zeitpunkt Organe entnommen werden dürfen. Und zu gerne würde ich Herrn Spahn noch mitgeben, dass von der Organentnahme über die Organisation und Verteilung bis zur Aufsicht alles in die Hände ganz und gar unabhängiger Akteure gehören muss. Aber so, wie ich mich vor Operationen von Ärzten aufklären lasse, mich ihnen anvertraue und unter Narkose in ihre Hände begebe, so vertraue ich auf die Kontrollmechanismen.

Es ist nicht mein Körper, der mich ausmacht, sondern meine Intelligenz, meine Seele und meine Fähigkeit zu lieben. All das wird nicht mehr sein, wenn mein Hirn tot ist. Könnte nur eines meiner Organe in diesem Falle ein Menschenleben retten helfen – mich grundsätzlich als Organspender einzustufen, hätte seinen Sinn gehabt.

kerstin.schellhaas@fnp.de

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