Ausstellung

Die Kultur des Understatements

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In seinem Kabinettraum „meet asian art“ zeigt das Museum Angewandte Kunst eine Ausstellung über „Die Farbe von Jade und die Ewigkeit“.

Bestimmte Aspekte der mehr als 5000 Asia-Objekte umfassenden Sammlung des MAK zu beleuchten, ist die Aufgabe des kleinen, von der benachbarten Michael-Riedel-Ausstellung offen abgetrennten Pavillons. Mit Tageslicht und Blick auf den bepflanzten Innenhof des Richard-Meier-Baus können dort zwar keine empfindlichen Grafiken gezeigt werden – Porzellan hingegen schon.

Die neue Schau spannt einen weiten Bogen, der mit einer schlichten Schale aus dem 7. Jahrhundert vor Christus beginnt: Wer sie genau anschaut, wird, wie bei so manchem Objekt, überrascht. Eine leichte Glasur überzieht das graue Steinzeug. Sie entstand dadurch, dass sich bei hoher Temperatur Holzasche auf der rotglühenden Oberfläche niederschlug und dort zu Glas wurde. Eine Technik, für die besonders hohe Temperaturen vonnöten waren – für die Alltagstauglichkeit von Gebrauchsgegenständen war die Glasur natürlich von Vorteil.

Einen Sprung von fast 1000 Jahren, ins 3. Jahrhundert nach Christus, macht man zur nächsten Vitrine, zu einem mit filigranem Model bearbeiteten Henkelkrug. Skurril ist ein Gefäß in Form eines sumo-artig voluminösen Tigers, in dessen weit aufgesperrtes Maul Herren des Nachts ihren Urin entleeren konnten. „Tigerchen“ heißt dieses Objekt im Chinesischen. Gleich daneben das Modell einer Scheune. Der Getreidespeicher diente als Grab-Beigabe.

Feine zurückhaltende Strukturen, manche erst auf den zweiten Blick zu sehen, das milchig-diffuse Grün: Das war auch künstlerische Strategie, galt als vornehmer als bunte, volkstümliche Hervorbringungen. Jade, in China wertvoller als Gold, brachte eine Kultur des Understatements hervor. Das Kalmierende hat in China eine lange Tradition. Der französische Sinologe und Philosoph Francois Jullien hat das Fade in der chinesischen Kunst gar in einem Essay besungen.

Bekam ein Objekt einen Riss, wurde es gekittet mit Goldlack – solch ein Goldfaden im Jadegrün verleiht manchem Objekt eine apart wirkende Einmaligkeit. Die Vergänglichkeit wird gewissermaßen veredelt, „der Verfall nobilitiert“, sagt Sammlungsleiter Andreas von der Schulenburg, der die Vitrinen und Wandkästen bestückte.

Was gibt es nicht alles: Ständer und Sockel, eine Flaschenvase und einen kleinen Weihrauchbrenner. Aus einem vor Java gesunkenen Wrack stammt eine Schale mit Inschrift. Ob sie für chinesische Auswanderer gedacht war, die dorthin vor den Mongolen geflohen waren?

Einen Pinselwascher zum Reinigen der Schreibinstrumente beim Kalligraphieren zieren zwei Fische: Glückssymbole seien sie, weil der chinesische Laut für Fisch der gleiche wie für Überfluss sei, sagt von der Schulenburg. Die paarige Anordnung, wie beim Ying-Yang-Symbol, bestärkt diese Aussage. Auch Leihgaben und Schenkungen aus Frankfurter Sammlungen finden sich unter den Objekten – darunter ein großes Dekorgefäß mit prachtvollen Reliefs. Es stammt von dem Frankfurter Diplomaten Alfons Mumm von Schwarzenstein, Abkömmling der Sektdynastie im Rheingau. Nach dem blutigen chinesischen Boxeraufstand gegen den Imperialismus im Jahr 1900 wurde er, der als verständiger Landeskenner und Gegner der wilhelminischen Kolonialpolitik galt, nach China geschickt, um die Lage dort zu befrieden.

Auch von solchen Ereignissen erzählen diese stillen Objekte, deren jüngste in der Quing-Dynastie entstanden – genauer: im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts. Von „kaiserlicher Qualität“ sind diese Schalen, und so hauchfein, dass man mit einer Lampe durch sie hindurchleuchten kann. Die eine, Leihgabe der Hauk-Stiftung, lässt feinste Muster erkennen, sorgsam gearbeitete Formen – so zart sind sie in das Material gearbeitet, dass man die Kunst erst sieht, wenn man die Schale nahe vor Augen hält. Versteckte Malerei nennt sich das.

Wer zu sehen vermag, entdeckt Fledermäuse zwischen Wolken und Meereswogen. Alle Uneingeweihten sehen: nichts. Künstlerische Meisterschaft für Kenner ist das, subtil bis zur Unsichtbarkeit. Frisch aus dem Feuer in Asche gewendet, tritt das Craquelé der anderen noch plastischer hervor. Hier wieder: ein Spiel mit der Vergänglichkeit.

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