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Erst jüngst offenbarte sich ein Gartenzwerg als Fußballfanatiker.

Ausstellung in Bad Schwalbach

Die Liebe zum Gaddezwersch

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Rund 120 Gnome aus Privatbesitz sind mit Zipfelmützen und sonstigen üblichen Erkennungszeichen im Apothekenmuseum der Stadt versammelt.

Lange Zeit musste man sich ernsthaft Sorgen machen um den Gartenzwerg und sich fragen, ob es ihn überhaupt noch gibt. Zuletzt hatte man ihn mit einem Messer im Rücken angetroffen, in einem von Nachbars Beeten. Trotz des Meuchelangriffs von unbekannter Täterhand schien der Gnom zwar in bester Stimmung. Er schmunzelte vor sich hin und tat so, als wäre nichts geschehen. Doch vielleicht lag gerade in diesem Gebaren die Heimtücke. Schon immer galt der Gartenzwerg schließlich als Urgestalt der Scheinheiligkeit. Als würde er über den Gartenzaun hinweg den vorbeigehenden Spaziergängern noch ins Gesicht lächeln, während er in seiner Zwergenhütte bereits an der Vorbereitung eines Kapitalverbrechens mitwirkte. Wer weiß also, ob ihm noch zu trauen war und er sich nicht auf und davon machen würde. Fluchtgefahr. Verdunklungsgefahr. Spurenverwischung. Verschwinden auf Nimmerwiedersehen.

Der Argwohn war nicht ganz unberechtigt. Bereits kurze Zeit später war der Gartenzwerg nicht mehr da. Auch hatten die Gardinen und die Bewohner des Einfamilienhauses hinter ihm gewechselt. Dort, wo der Zwerg seinen Stehplatz gehabt hatte, hockten jetzt Tontauben, umringt von Metallvögeln mit Flittergefieder, das im Wind raschelte und kosmische Gefühle bei der Mutter der eingezogenen Familie erzeugte. Aber wohin hatte der Gartenzwerg sich verzogen? Eine Adresse hatte er nicht hinterlassen.

Es mussten mindestens drei Jahrzehnte vergehen, bevor sich wieder ein Zwerg in der Nachbarschaft zeigte. Ob es derselbe war, ist schwer zu sagen. Zwerge altern und wachsen nicht, sie bleiben märchenhaft zeitlos und klein. Auffällig nur, dass der Zipfelmützenmann jetzt ganz jungen Hausbesitzern gehörte, während er früher bei älteren Gartenbesitzern wohnhaft war. Was einst einer jahrhundertelangen Tradition folgte, nämlich Zwerge im heimischen Grün zu platzieren, scheint jetzt als Mode zurückgekehrt zu sein, von der man noch nicht weiß, wie lange sie anhalten wird. Wie Erinnerungsstücke aus Opas und Omas Zeiten wirken die bunten Figuren. Vielleicht bald erneut gekillt und mitsamt Schubkarre und Gießkanne von der Rasenfläche verbannt.

Vorerst aber macht sich der Zwerg auffallend breit. Überall ist er wieder zu sehen, etwa jetzt auf der Landesgartenschau in Bad Schwalbach. Eine ganze Ausstellung ist dem Wicht dort im Apothekenmuseum gewidmet. Rund 120 Mal liegt er da oder posiert, zur Verfügung gestellt von dem saarländischen Gärtnermeister und Sammler Sven Berrar. Die guten alten Figuren sind noch aus Ton statt aus Plastik und handwerklich hochwertig hergestellt. Dass der Gartenzwerg als solcher aus Thüringen stammt, ist kein Geheimnis. Erstmals soll er in Gräfenroda zwischen 1870 und 1880 fertig gebrannt aus dem Keramikofen getreten sein. Der letzte seiner Art wird zu noch unbekanntem Datum die einzige in Ostdeutschland verbliebene Zwergenfabrik verlassen.

Das gestalterische Vorbild des Gartenzwergs war angeblich der deutsche Bergmann mit der Laterne in der Hand und dem Strohpolster in der Mützenspitze, wenn nicht der deutsche Michel höchstselbst, dieser ebenso verträumte wie verschlafene Kerl, der sich biedermeierlich in die Federkissen drückt, um in die Gemütlichkeit zu entschlummern, die er sich als höchstes Glück vorstellt. Eine Weltanschauung, die nicht jedem gefällt. Und so sah sich der Gartenzwerg in den 70er Jahren dem Vorwurf der Spießbürgerlichkeit und Kleingeistigkeit ausgesetzt. Die 68er Rebellen verhöhnten den Gnom. Strickweste, Filzschlappen, Rauschebart und Tabakspfeife sind seit jeher die Kennzeichen dieses Hausvaters, der das Erkunden und Erobern dem Kämpfer, Ritter und Abenteurer überlässt. Ein bisschen Unkraut jäten im Garten, einen Spatenstich setzen, Blumen und Kräuter aussäen und anschließend immer gut wässern: Das ist die höchste Berufung des Zwergs, das verleiht ihm Stolz ohne Tadel, macht ihn einem brummigen Öko-Freak ähnlicher als einem verwegenen Helden. Das Sammeln von Nüssen, die Jagd auf Eichhörnchen und Schnecken sind weitere vornehme Aufgaben des Wichtels. Er pickt mit den Hühnern und käme niemals auf die Idee, mit den Adlern zu fliegen. In eben dieser Genügsamkeit liegt seine Seligkeit.

Und gerade die weiß vielleicht eine jüngere Generation wieder zu schätzen, die in ihrer globalisierten endlosen Unbehaustheit die alte Heimeligkeit vermisst und im Gartenzwerg symbolisiert sieht. Denn nichts ist so unsicher wie die Zukunft. Und nichts scheint standhafter und überlebensfähiger als eine Keramikfigur, die bei Wind und Wetter draußen verbleibt, sich nicht von der Stelle rührt, das Gras wachsen und die Bäume rauschen hört.

Sollte diese Figur schon etwas angejahrt sein, ihr Farbguss aber noch gut erhalten, dann räumt vielleicht ein Liebhaber sie ab. Denn ihr Verkaufswert, so heißt es aus dem Bad Schwalbacher Museum, ist gerade merklich im Steigen. Zählt man alte und neue Gartenzwerge zusammen, so soll es von ihnen noch 250 Millionen in deutschen Gärten geben. Das wären dreimal so viele wie Bürger im Land.

Die bunte Welt der Gartenzwerge

Kur-Stadt-Apothekenmuseum, Pestalozzistraße 16a, Bad Schwalbach. Bis 7. Oktober, Mittwoch bis Sonntag 14–18 Uhr. Eintritt 3 Euro. Telefon (0 61 24) 72 37 60. Internet

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