Porträt

Meron Mendel: "Ich habe einen Schrank voll mit Hass-Briefen"

Ein neuer Antisemitismus bedroht das friedliche Zusammenleben in Deutschland. Was bewegt Jüdinnen und Juden, die in Frankfurt und der Region leben? Woran arbeiten sie? Was bedeutet ihnen das Jüdischsein? In einer Serie stellen wir in den kommenden Wochen in loser Folge Menschen aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft und Religion vor. Heute: Meron Mendel.

„Frankfurt ist für mich eine Heimat“, sagt der Erziehungswissenschaftler und Historiker Meron Mendel. Seit acht Jahren leitet Mendel, der 1976 in Israel geboren wurde, die Bildungsstätte Anne Frank. Die Einrichtung mit Standorten in Frankfurt und Kassel versteht sich als „Zentrum für politische Bildung und Beratung“. Sie bietet Workshops für Jugendliche, Schüler und junge Erwachsene an, berät Pädagogen sowie Betroffene von Diskriminierung und rechter oder rassistischer Gewalt.

Ein zentraler Teil der Bildungsstätte ist das kürzlich wiedereröffnete Lernlabor „Anne Frank. Morgen mehr“. Der interaktive Parcours im Frankfurter Stadtteil Dornbusch, wo Anne Frank 1929 geboren wurde, richtet sich vor allem an Jugendliche.

Die Arbeit der Bildungsstätte soll zu mehr Toleranz beitragen, sagt Meron Mendel: „Die Botschaft von Anne Frank, die gegen Hass und für eine offene Gesellschaft eintritt, wollen wir auch heute verbreiten.“ Mendels Team bezieht sich auf die Biografie des 1945 von den Nazis ermordeten, durch ihr Tagebuch postum berühmt gewordenen jüdischen Mädchens.

Die Bildungsstätte mischt sich auch in aktuelle Debatten um Antisemitismus, Rassismus, Rechtspopulismus, Flucht und Migration ein. „Ich habe einen Schrank voll mit Hass-Mails und Hass-Briefen“, verrät Meron Mendel. Nichtsdestotrotz wirkt er bedacht, ruhig und freundlich. Seinen Umgang mit Anfeindungen hat er inzwischen gefunden. „Wenn ich aufgrund solcher Reaktionen aufhöre, meine Meinung zu sagen, dann haben sie ihr Ziel erreicht“, sagt Mendel.

Als Direktor einer landesweiten Einrichtung mit zwei Standorten hat Meron Mendel viele Aufgaben, die über die Pädagogik hinausgehen. „In meinem Alltag habe ich leider wenig mit Jugendlichen zu tun“, beklagt er. Mit seinen Mitarbeitern entwickelt Mendel Konzepte und diskutiert mögliche Themen. Zudem gehört die Repräsentation der Bildungsstätte in Öffentlichkeit und Politik zu seinen Aufgaben. Dass Mendel die deutsche Sprache erst im Studium zu lernen begann, ist dabei kaum zu erkennen. Ein nur noch leichter hebräischer Akzent färbt sein Deutsch. „Ich bin noch auf dem Weg“, sagt Mendel dennoch und schmunzelt.

Er erzählt dann, wie er erst deutsche Geschichte in Haifa studierte, um anschließend die Master-Arbeit an der Münchner Universität fertigzustellen. „Richtig deutsch zu sprechen habe ich erst in München gelernt“, erinnert sich Mendel. Seine Doktorarbeit zur Identität jüdischer Jugendlicher in Deutschland entstand in Frankfurt. Es folgte eine Stelle an der Goethe-Universität. Mendels Frau arbeitete zu dieser Zeit schon bei Opel in Rüsselsheim, das erste Kind kam auf die Welt. Aus dem anfänglichen Provisorium wurde die eingangs erwähnte Heimat. An Frankfurt musste sich Meron Mendel zwar drei bis vier Jahre lang gewöhnen. Heute schätzt er die Weltoffenheit und für wie normal hier die Vielfalt gilt.

Mit ihren inzwischen zwei Kindern sprechen Mendel und seine Frau zu Hause Hebräisch. Dennoch gehen die Kinder nicht in den jüdischen Kindergarten oder zur jüdischen Schule. „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden“, sagt Mendel. „Meiner Frau und mir ist es ein großes Anliegen, dass die Jugendlichen Teil der Gesamtgesellschaft sind“, erläutert er die Entscheidung. Das Feiern jüdischer Feiertage im Familien- und Freundeskreis sieht Mendel indes als einen wichtigen Teil seiner jüdischen Identität. Als weiteren Aspekt nennt er „die Liebe und den Bezug zum Land Israel, zum Staat, zu den Leuten, zur Landschaft und zur hebräischen Sprache“. Mendels Geschwister, Eltern und Großeltern leben in Israel. Zumeist verbringt die Familie ihre Ferien dort.

Im Familienleben spielt aber auch der Holocaust eine Rolle. „Das kann ich gar nicht ausklammern“, sagt Meron Mendel. Seine Vorfahren stammten aus der europäischen Diaspora. Ein Großteil der Familie sei im Holocaust umgekommen, erzählt Mendel. So habe er zwar Großeltern gehabt, die aber keine direkten Verwandten hatten. „Das hat natürlich den Blick auf die Welt sehr geprägt“, sagt er und berichtet von der Flucht seines Großvaters als Jugendlicher. Dennoch schafft es Meron Mendel, Deutschland und Frankfurt im Alltag als Zuhause zu betrachten: „Ich denke nicht jeden Tag daran, was hier vor siebzig Jahren passierte.“

Eine Art Zuhause ist für ihn der Glaube. Mendel betont, er sei zwar kein religiöser Jude. Er achte nicht auf koschere Ernährung, halte den Ruhetag Schabbat nicht ein und trage auch keine Kippa. Er könne aber auch nicht sagen, dass Religion für ihn keine Bedeutung habe. „Ich fühle mich als gläubiger Mensch“, bekennt Meron Mendel. An etwas zu glauben, sei eine existenzielle Frage: „Für mich ist das ein Teil meiner Persönlichkeit.“

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