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Wie anonyme Probanden stehen die Kinder in einem klinisch wirkenden Raum: Szene aus ?Das weiße Band? am Staatstheater Darmstadt.

Staatstheater Darmstadt

Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ kommt auf die Bühne

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Bei der Uraufführung der Bühnenadaption von Hanekes Meisterwerk „Das weiße Band“ am Staatstheater Darmstadt folgt der Regisseur einer Art Tonwertumkehr – und scheitert daran.

Wenn ein Filmstoff auf die Schauspielbühne kommt, muss die Regie nachvollziehbar zeigen, dass der Stoff unbedingt auch ins Theater gehört. Besonders geglückt sind solche Bühnenadaptionen, wenn das Theater die Filmvorlage noch um spezifische Erlebensdimensionen bereichert und den Stoff so weiterspinnt, dass Aussage und Erkenntnis noch weiter gehen als das Original. Michael Thalheimer beispielsweise ist mit seiner Bühnenadaption des Dogma-Films „Das Fest“ von Thomas Vinterberg ein solcher Glücksfall gelungen.

Am Staatstheater Darmstadt hat man nun nach dem mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film „Das weiße Band“ gegriffen. Das ist nicht nur mutig wegen der historischen Genauigkeit, mit der der Filmregisseur gearbeitet hat, sondern auch, weil Haneke eine große Besetzung zur Verfügung stand und er für den Film, dessen Untertitel „Eine deutsche Kindergeschichte“ lautet, größte Sorgfalt auf die Auswahl der Kinder gelegt hat. Spielten sie doch gewissermaßen die Hauptrolle – obwohl Haneke bei den Erwachsenen die erlesensten deutschen Schauspieler aufzubieten hatte.

Auch, wenn bei der Uraufführung der Bühnenadaption von „Das weiße Band“ am Staatstheater Darmstadt Szenen und Erzählung mit leichten Änderungen dem Drehbuch folgen, wirkt es so, als suche Regisseur Christoph Frick nicht nur möglichst große Distanz zum Film und beschritte formal geradewegs den entgegengesetzten Weg. Bei der Entwicklung eines Negativs würde man von einer Tonwertumkehr sprechen: Schwarzes wird weiß und umgekehrt.

In Fricks Inszenierung spielen erwachsene Schauspieler die Kinder (auch wenn der Jugendchor des Theaters u. a. singend aufmarschiert). Außerdem schlüpfen alle nicht nur in mehrere Rollen, sondern sprechen auch immer wieder Passagen der im Film vorkommenden Erzählerstimme. Und die Bühne ist alles andere als historisch-naturalistisch, sondern ein weißer Raum, mit einer übergroßen Tür und einem etwa menschhohen Tisch, der an einen Obduktionstisch aus der Gerichtsmedizin erinnert, samt zwei überdimensionalen Arbeitsstühlen. Die schmalen Fensterschlitze im Bühnengrund lassen an Projektionsräume im Kino denken. In diesem aseptischen Ambiente mit seinen etwas verrückten Proportionen untersucht Frick also die Folge von Gewalttaten, die im Film irgendwo im protestantischen Norddeutschland am Vorabend des Ersten Weltkriegs in einer dörflichen Gesellschaft geschehen. Geht es doch um rigide Strukturen, Misshandlung, Missbrauch und Verhältnisse, aus denen Gewalt und letztlich Krieg erwachsenen.

Dass Frick sie auf und um den Oduktionstisch indes genau seziert, kann man leider nicht sagen. Denn die monströse und verstörende Geschichte von Haneke ächzt auf der Darmstädter Bühne unter Fricks Zugang. In dem realitätsenthobenen Einheitsbühnenraum sind die Orte wie Gutshof oder Haus des Pfarrers nicht klar gesetzt – was noch zu verkraften wäre. Schwerer wiegt, dass die Schauspieler die Rollen wechseln. Und nicht immer wird dabei sofort deutlich, in wen sich jemand von einer auf die andere Sekunde verwandelt. So windet sich beispielsweise der Pastor von Ben-Daniel Jöhnks eben noch auf dem übergroßen Tisch, um schon kurz darauf als Sigi seine erhobene Position zu verlassen. Das erschwert nicht nur das Verständnis. Auch das rigide System, das Haneke im Film so meisterhaft in Szene gesetzt hat, kann auf der Bühne gar nicht erst entstehen. Zu sehr nehmen die häufigen Rollenwechsel den einzelnen Figuren immer wieder die scharfen Konturen.

Dennoch bleiben einige eindrückliche Bilder und Szenen: Da ist das Pferd, das wie eine Art Menetekel gleich zu Beginn durch die Decke kracht und die Schlachten des Ersten Weltkriegs vorwegzunehmen scheint. Die Felder des fiktiven Ortes Eichwald lassen auch an Gräber und Schützengräben denken (Bühne und Kostüme: Viva Schudt). Und Ben-Daniel Jöhnk beispielsweise gelingt es, seinen Pfarrer so zu spielen, dass man ihm glaubt, dass er sich moralisch und menschlich auf der richtigen Seite wähnt, wenn er seine Kinder züchtigt. Schön auch Matthias Znidarec als Lehrer, der sich trotz aller Vorkommnisse doch eine naive und fast hoffnungsfrohe Gutmütigkeit bewahrt.

Doch das Monströse und Verstörende, das Haneke aus seinem Soziotop entstehen lässt, findet auf der Darmstädter Bühne keine wirkliche Entsprechung. Wo der Film trotz seiner historischen Genauigkeit in der Entfaltung der rigiden und repressiven Systeme über die erzählte, zeitlich genau verortete Geschichte hinausweist, bringt ausgerechnet die in einen weißen Raum versetzte Inszenierung trotz ihres Laborcharakters unseliges Durcheinander in die ursprünglich strenge Ordnung. Schade!

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