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Treibjagd auf der Insel: Kaja (Andrea Berntzen) versucht, noch im Chaos des Gemetzels zu helfen.

„Utøya 22. Juli“

72 Minuten in der Hölle

Der norwegische Regisseur Erik Poppe rekonstruiert in „Utøya 22. Juli“ das Blutbad in einem Feriencamp im Jahr 2011 – 72 Minuten ohne Schnitte. Auf der Berlinale sorgte der Film bereits für heftige Kontroversen.

Die Bilanz ist erschütternd. 77 Tote bei den Anschlägen in Oslo und Utøya am 22. Juli 2011, dazu Dutzende Schwerverletzte. 72 Minuten Treibjagd auf die 560 Teilnehmer eines Feriencamps auf der kleinen Insel im Nordwesten der norwegischen Hauptstadt. Mehrere Hundert abgegebene Schüsse, 182 Körpertreffer. Am Ende ergibt sich der Täter den Sicherheitskräften, ohne Widerstand zu leisten. In Norwegen gilt die Tat als die schlimmste Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der Blick ist durchdringend und frontal in die Kamera gerichtet, die Schwere des Folgenden bereits in dieser Einstellung eingeschrieben. „Das wirst du nie verstehen“, lautet der erste Satz der 19-jährigen Kaja. In der Situation ist er Teil des Versuchs, ihre Mutter am Telefon zu beruhigen. Es ist der Spätnachmittag des 22. Juli 2011. Zwei Stunden zuvor ist in Oslo eine Autobombe explodiert, die acht Menschen tötet. Auch Kaja ist sichtlich aufgewühlt, verlässt sich aber auf den vermeintlichen Schutz, den ihr das Sommerlager auf der Insel Utøya bietet.

Sie brauche sich keine Sorgen zu machen, versichert Kaja ihrer Mutter. Die anderen Jugendlichen teilen ihre Haltung: In dieser Situation sei eine Insel der sicherste Ort überhaupt. Es sind die letzten Minuten einer trügerischen Ruhe, bevor die Hölle losbricht.

Wie verfilmt man ein Gemetzel? Wo liegt der Fokus? Auf den privaten Geschichten, in die das Böse blitzartig einschlägt – wie in Gus Van Sants „Elephant“, der 2003 das Columbine-Massaker aufarbeitete? Oder auf einer radikal reduzierten subjektiven Erfahrung – wie in László Nemes’ markerschütterndem „Son of Saul“ über die Nazi-Gräuel in Auschwitz?

Regisseur Erik Poppe („The Kings Choice – Angriff auf Norwegen“) tendiert eher zu Letzterem, wenn auch weniger kunstvoll, weniger stilisiert. Sein „Utøya 22. Juli“ bedient sich eher beim Vokabular des Horrorkinos. Zugleich hat sich Poppe drei strenge Prämissen auferlegt. Der rechtsextreme Massenmörder und Islamhasser Anders Behring Breivik wird weder namentlich erwähnt noch im Bild gezeigt (abgesehen von einer Silhouette, die einmal kurz in der Ferne auftaucht). Die Figuren des Films beruhen nicht auf realen Personen, sondern sind Verdichtungen auf der Grundlage von Gesprächen, die mit Überlebenden geführt wurden. Und: Die Ereignisse auf der Insel werden in 72 qualvollen Echtzeitminuten in einer einzigen Einstellung geschildert.

Es geht darum, die Situation der Opfer unmittelbar erfahrbar zu machen, ihre Überraschung, ihre Ahnungslosigkeit. Zugleich will Poppe nicht das Risiko eingehen, den Täter potenziellen Nachahmern auch nur ansatzweise „cool“ erscheinen zu lassen. Breiviks Motive bleiben ebenso im Dunkeln wie sein Vorgehen; präsent ist er nur akustisch, im nervenaufreibenden Stakkato seines Dauerfeuers. Der Film beginnt mit einem kurzen Vorspiel – dokumentarische Aufnahmen vom Bombenattentat im Zentrum von Oslo –, dann mit einem langen, leeren Blick in den Wald von Utøya.

Eine junge Frau, Kaja, bleibt stehen und schaut direkt in die Kamera. „Du wirst das nie verstehen“, sagt sie. „Hör mir doch einfach zu.“ Ein ungeheurer Moment, Überschrift und Appell in einem. Doch Poppe bricht ihn gleich wieder – die Frau telefoniert per Freisprechkabel mit ihrer Mutter. Den Dialog mit dem Publikum wird sie danach nicht mehr suchen, obwohl die Kamera ihr fortan nicht mehr von der Seite weicht.

Wir begleiten Kaja (fulminant gespielt von der jungen Andrea Berntzen) ins Zeltlager, wo es ein Streitgespräch mit ihrer Schwester Emilie (Elli Rhiannon Müller Osbourne) und mit einigen anderen Jugendlichen eine Diskussion über die Explosion in Oslo gibt. Schon fallen irgendwo die ersten Schüsse, verzweifelte Teenager laufen um ihr Leben, und für Kaja beginnt eine atemlose Flucht vor den einschlagenden Kugeln des Killers.

Es sind echte Gänsehautmomente, wenn den eben noch herumalbernden Feriencampern ihre Situation klar wird. Poppe hat es genau auf diesen Effekt abgesehen: auf das Spürbarmachen von Angst, Ohnmacht und Panik, auf die extrem eingeengte Perspektive, die dem realen Empfinden der Betroffenen vermutlich sehr nahe kommt.

Der inszenatorische Ansatz ist so herausfordernd wie zwiespältig und hat bereits bei der Berlinale Debatten ausgelöst. Die nervöse Handkamera von Martin Otterbeck heftet sich an Kaja, die zur Identifikationsfigur wird: eine kluge, idealistische junge Frau, die sich auch im Chaos für andere verantwortlich fühlt.

Mitmenschlichkeit und Empathie werden Angst und Terror entgegengehalten, dem Schrecken dieses Tages antwortet die

Botschaft der Hoffnung

. Diese wäre noch überzeugender, wenn der Film sich nicht letztlich doch an der perfiden Dramaturgie des Mörders orientieren und die Opfer nicht nur in jenen Minuten zeigen würde, in denen sie rennend, kriechend oder schwimmend nach einem Ausweg suchten, während ihr Verfolger einem nach dem anderem das Leben nahm. Sehenswert

In diesen Kinos

Frankfurt: Harmonie D + OmU, Mal seh’n OmU

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