Musik

Die Opernspielzeit beginnt – in Darmstadt mit dem ersten Werk der Operngeschichte

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Kein anderer Stoff ist so oft vertont worden wie die von Orpheus. Die Geschichte, die antike Autoren wie Vergil und Ovid und viele andere erzählten, braucht einfach das Theater mit Musik.

Es geht um Gesang, genauer: um die Macht des Gesangs oder, wie man früher gerne sagte, Glanz und Elend des Gesangs. Der Sänger Orpheus singt, natürlich, von Liebe, ein Gesang, der um so schöner daherkommt, je mehr sie noch von Sehnsucht durchdrungen ist. Hirten, Nymphen, ja: Die ganze Natur preist seinen Gesang, bisweilen in Form von schönen Madrigalen oder auch unbeschwerten Tänzen.

In Darmstadt singen alle Darsteller mit, einige erheben sich, in Form eines Solistenensembles, sogar aus dem Zuschauerraum. Sie tragen abenteuerliche, hier biedere, dort poppige Kostüme (Geraldine Arnold), Orpheus wie ein Rockstar mit knallgelbem Pilzkopf. Ihr Reich ist ein rundes, mit Moos, Farn und Gras begrüntes Eiland (Bühne Geelke Gaycken). Orpheus Heirat ruft die erste Krise hervor, denn die Sehnsucht will nun durch Erfüllung ersetzt werden, die Qualität des Gesangs kann und soll darunter nicht leiden.

Während der halbgöttliche Sänger diese Metamorphose erfolgreich durchlebt, betritt eine Botin den Raum; sie kann gar nicht grell genug berichten (beeindruckend: Elisabeth Hornung, Urgestein des Staatstheaters), wie Eurydike, Orpheus’ Braut, an einem Schlangenbiss gestorben ist. Sie ist nicht tot, sondern, hat Eingang in die Unterwelt gefunden. Das wussten Römer und Griechen ebenso wie die mythenbewanderten Italiener der Renaissance.

Hier spielt, wortwörtlich, die Darmstädter Inszenierung von Andreas Bode: in der Unterwelt des Staatstheaters, den gänzlich schwarz ausgeschlagenen Kammerspielen gleich neben dem Parkhaus. Orpheus muss also gar nicht erst hinabsteigen, der Kahn des Fährmannes Charon (ein rabenschwarzer Bass mit knallroten Gummistiefeln: Marko Spehar) liegt schon an der Seite.

Eigentlich ist er ein Zyniker, der keine Menschen mehr herüberfahren will, doch Orpheus singt, begleitet von einer „Speranza“ (Hoffnung) genannten Allegorie, auch ihn in Trance. Wieder die Macht des Gesangs also, die nun vor der letzten Herausforderung steht: Pluto (Christian Tschelebiew) und Proserpina (Cathrin Lange) zu überzeugen, Eurydike wieder freizugeben. Sogar das gelingt. Der Herr der Unterwelt willigt ein, stellt aber eine Bedingung: Orfeo darf Eurydike nicht sehen, bevor er das Reich des Finsteren verlassen hat.

Man denkt an Richard Wagner-Lohengrins „Nie sollst Du mich befragen“ – soviel Entsagung kann kein liebender Mann aufbringen, und wenn er noch so schön singt. Interessant, dass Monteverdi diesen Moment des Scheiterns so wenig dramatisch auskostet. Orpheus beweist nur wenig Standhaftigkeit, schaut und singt sich ins Verderben. Man sieht ihn, wie er verzweifelt die runde Insel an Stricken ins Kreisen bringt und glaubt schon an die Verbindung mit einem weitern Mythos, dem des zu ewiger und zugleich sinn- und erfolgloser Arbeit verdammten Sysiphos.

Indes: Orpheus’ rasende Ohnmacht kleidet der Komponist wieder in schöne Musik; Apoll, sein Vater, bietet ihm ein Leben auf dem Olymp an, dem Ort der Unsterblichkeit. Die Gesellschaft rund um den Fürsten von Mantua – hier wurde die erste erhaltene Oper der Musikgeschichte im Februar 1607 aufgeführt – wird nun, einhundert Minuten lang gerührt und getröstet, zum Essen geschritten sein.

Auch das Publikum in Darmstadt hat eine schöne, kompakte Aufführung erlebt, hautnah und fast körperlich am Geschehen beteiligt. Sie stellt erstens unter Beweis, dass man Monteverdis Musik auch mit modernen Instrumenten gut und stilgerecht aufführen kann (umsichtig: der Dirigent Joachim Enders), links der Bläserchor aus Trompeten und Posaunen, das Orchester mittig im Hintergrund, reich grundiert von allerlei gezupften Continuo-Instrumenten, dazu Orgel und das schneidig schnarrende Regal für special effects.

Und zweitens: Nicht jede Rolle braucht einen gesonderten Darsteller, denn ein antiker Mythos ist kein Stück individueller Tragik, sondern eine Grundkonstellation menschlichen (Fehl-)Verhaltens, in Abhängigkeit von Gott und der Natur. Da darf auch ein männlicher Altist Frauenrollen singen, wie der wunderbar wandlungsfähige Robert Crowe (Eurydike, Speranza, Apollo und La Musica, die eingangs die Macht der Musik preist, um die es hier geht.

Musa Nkuna und Mark Adler geben vielfältig agierende Hirten und Geister. Nur Orpheus darf als Individuum auftreten – eine dankbare Rolle für jemanden, der Monteverdis Rezitationston so mit Leben und, ja: auch Gefühl erfüllen kann wie David Pichlmayer. Die Macht des Gesangs eben. Herzlicher Beifall.

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