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Elisabeth (Anabel Möbius) findet in der Darmstädter Inszenierung von Horváths Drama ?Glaube Liebe Hoffnung? ein tragisches Ende im Wasser.

Wer im Regen steht, ist ziemlich verloren

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Christoph Mehler zeigt in seiner Inszenierung von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt eine gespaltene Gesellschaft.

Nass und nass gesellt sich zwangsweise in Christoph Mehlers Inszenierung von „Glaube Liebe Hoffnung“. Elisabeth (Anabel Möbius) steht schon bevor die ersten Worte fallen im Regen. Und der Schupo (Daniel Scholz), mit dem sie später eine kurze Verbindung eingeht, kommt durchnässt auf die Bühne. Etwas wie Glück gibt es dabei für die, die dem Regen ausgesetzt sind, allenfalls kurz: dann nämlich, wenn es mal etwas weniger regnet.

Wer wie Elisabeth von Anfang an im Regen steht, wird den Kampf gegen den sozialen Abstieg nicht schaffen – egal, wie sehr sie sich müht. Und als Beziehungskitt wird das Wasser auch nicht taugen. Im Gegenteil. Es höhlt die Verbindung zwischen Menschen eher noch aus. Und der Titel, den Ödön von Horváth seinem Stück gab, klingt wie Ironie angesichts Elisabeths Geschichte: Die selbstständige Miederverkäuferin will aus Not ihren Körper für 150 Mark an die Anatomie verkaufen und landet wegen einer Kleinigkeit im Gefängnis.

Als sie wieder frei ist, lernt sie einen Polizisten kennen, der sie verlässt, als er von ihrer Vorstrafe hört. Schließlich geht sie ins Wasser. In Darmstadt ist ausgerechnet das der Moment, in dem Elisabeth zusammengekauert wie ein im Fruchtwasser geborgener Embryo in dem pfützenhohen Wasser auf dem Bühnengrund liegt.

„Glaube Liebe Hoffnung“, das den Untertitel „Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“ trägt und ein paar Parallelen zum Hier und Heute aufweist, schrieb Horváth 1932. Passenderweise gibt es auf der nackten Bühne im Kleinen Haus keine Kulisse, die auch nur einen Hauch von Illusion erzeugen würde (Bühne und Kostüme: Jennifer Hörr). Der Dauerregen ist die Kulisse. Eine, die es Mehler erlaubt, eine geteilte Gesellschaft vor Augen zu führen, denn er setzt nicht alle Figuren dem Nass aus. Einige von Horváths Charakteren wissen nämlich im wahrsten Sinne des Wortes sich und ihre Schäflein ins Trockene zu bringen: qua Amt, fein abgezirkelten Wegen, Empathielosigkeit, Ausbeutung anderer oder durch alles zusammen. Sei es, weil sie sich wie die (meisten) Männer des Stücks ohnehin in etwas besseren Positionen eingerichtet haben, oder wie einige Frauen Möglichkeiten gefunden haben, Vorteile aus dem Lauf der Dinge zu ziehen. Gabi Drechsels Irene Prantl wirkt schrecklich selbstzufrieden in ihrem schwarzen Kleid, das zeigt, dass sie einträglich von dem lebt, was andere erwirtschaften.

Nicole Kersten meistert es, als Frau Amtsgerichtsrat eine durchaus auf ihre Vorteile bedachte Frau zu spielen, die sich aber auch geschickt den Zudringlichkeiten ihres Mannes erwehren muss. Und der Oberpräparator (Christoph Bornmüller), der in seinem weißen Kittel eher wie ein Schlachter aussieht, echauffiert sich aus seiner sicheren Position heraus, dass zu viele Menschen immer sofort nach dem Staat rufen.

Dabei zeigt Horváth an Elisabeth dass eben nicht alles besser wird, wenn man sich nur müht. Und Möbius’ Elisabeth ist mit ihrem Bubikopf, dem weißen T-Shirt und roten Röckchen keineswegs ein hilfloses ätherisches Wesen. Sie versucht und versucht – nur wird ihr alles nichts nützen in dieser mitleidslosen, dumpfen und gespaltenen Gesellschaft.

Kalt und unerbittlich ist Mehlers Zugriff auf die etwas kantigen Charaktere. Das nackte Bühnenbild lässt das Spiel des Ensembles dabei umso schärfer erscheinen.

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