+
Mahnwache zum Prozess zum Schlachthof in Kassel vor dem Kasseler Landgericht

Zeugen sagen vor Gericht aus

Quälerei am Schlachthof Kassel: Tierarzt bewertete Situation schon 2013 als „tierschutzrechtlich verdächtig“

  • schließen
  • Frank Thonicke
    schließen

Der Schlachthof Kassel soll Schweine nicht richtig betäubt haben. Deshalb steht ein Geschäftsführer vor Gericht. Ein Tierarzt bewertete das Vorgehen bereits 2013 als „verdächtig“.

  • Geschäftsführer des ehemaligen Schlachthofs in Kassel vor Gericht
  • Schweine wurden vor der Schlachtung nicht richtig betäubt
  • Mangelhafte Betäubung nicht nur in Kassel ein Problem
  • Hersteller der Elektro-Betäubungsmaschine und weitere Zeugen sagt aus

Update vom Freitag, 21.02.2020, 11.05 Uhr: Schweinen im Kasseler Schlachthof sind „erhebliche, länger anhaltende und vermeidbare Schmerzen“ zugefügt worden. Das sagte am Donnerstag Prof. Gerhard Breves von der Tierärztlichen Hochschule Hannover vor dem Kasseler Landgericht aus. Breves tritt in einem

Berufungsverfahren wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz gegen einen ehemaligen Geschäftsführer des Schlachthofs als Sachverständiger auf.

Dem ehemaligen Geschäftsführer, der zwischen 2011 und 2013 im Schlachthof tätig war, wird vorgeworfen, dass in diesem Zeitraum den Schweinen durch eine fehlerhafte Elektro-Betäubungstechnik unnötiges Leid zugefügt wurde. In einem ersten Verfahren vor dem Amtsgericht war der heute 39-jährige Angeklagte wegen des

Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz

in sechs Fällen verwarnt worden. Gegen dieses Urteil hatten sowohl sein Verteidiger Axel Dohmann als auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt.

Schlachthof Kassel: Schweine sollen nicht richtig betäubt worden sein

Der Sachverständige, der bereits vor dem Amtsgericht auftrat, hat sich in seinem Gutachten auf Datenmaterial eines Veterinärs der Stadt Kassel bezogen. Bei diesen dokumentierten Fällen habe es massive Probleme gegeben, so Breves. Ziel der Elektrobetäubung sei es, bei dem Tier das Bewusstsein, die Empfindungs- und Wahrnehmungsfähigkeiten auszuschalten, so der Sachverständige. Ähnlich wie bei einer Narkose.

Um dies erfolgreich zu machen, müsse innerhalb von einer Sekunde eine Mindeststromstärke von 1,3 Ampere erreicht werden, für eine Dauer von vier Sekunden. Wenn es zu einer Abweichung dieser Frequenz komme, würden die Tiere unzureichend betäubt.

Symptome einer fehlerhaften Betäubung seien zum Beispiel, wenn die Schweine noch blinzelten, den Vorderkörper aufbäumten, aufschreien würden, alles in Verbindung mit einer regelmäßigen Atmung. Laut Sachverständiger sind diese Symptome im Kasseler Schlachthof in zahlreichen Fällen aufgetreten.

Kassel: Tierquälerei im Schlachthof - Tierarzt: "tierschutzrechtlich verdächtig"

Anfang 2013 war zudem ein Amtstierarzt aus dem Schwalm-Eder-Kreis, der sich mit Schlachtungen auskennt, von dem Geschäftsführer beauftragt worden, die Betäubung der Tiere in Augenschein zu nehmen, weil es immer Schwierigkeiten gegeben habe. Zwischen Januar und Juli 2013 habe er neun Mal für 90 Minuten die Betäubungen der Schweine und das Entbluten der Tiere begutachtet. 

Standort ehemaliger Schlachthof Kassel (Grafik HNA)

„Es hat mich irritiert, dass viele Tiere eine Auffälligkeit zeigten“, sagte der Tierarzt. Er habe Dinge festgestellt, die „tierschutzrechtlich verdächtig“ waren. Allerdings sei es im Laufe der Zeit besser geworden. Die Beteiligten im Schlachthof hätten sich „nach ihren Möglichkeiten bemüht, die Situation zu verbessern“.

Allerdings sagte der Tierarzt auch, dass er sich wundere, dass der Kasseler Schlachthof aufgrund von früheren Mängelberichten nicht schon längst geschlossen worden war. Das wäre eigentlich die logische Konsequenz gewesen. Im Prinzip hätte das Betäubungsgerät abgerissen werden müssen. „Es war aber strukturell kein Geld da, um den Kaden auf Vordermann zu bringen.“

Der Prozess wird am Mittwoch, 26. Februar, 9 Uhr, fortgesetzt.

Prozess um Schlachthof Kassel: Geldmangel als Begründung für fehlenden Tierschutz

Update vom Freitag, 14.02.2020, 14.21 Uhr: Im Prozess um den Schlachthof Kassel, in dem Schweine nicht ordnungsgemäß betäubt wurden, sagte nun der Hersteller der Elektro-Betäubungsmaschine aus. In dem Fall wird gegen einen ehemaligen Geschäftsführer des Betriebes wegen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz verhandelt.

Auf dem Schlachthof soll es über längeren Zeitraum zu Fehlbetäubungen bei den Schweinen gekommen sein. Wodurch den Tieren unnötig Leid zugefügt wurde. Der 57-jährige Elektrotechniker hatte vor Gericht allerdings auf viele Fragen keine klaren Antworten oder konnte sich nicht mehr erinnern. 

Mit seinen Diensten sei er immer auf dem aktuellen Stand der Technik und Forschung gewesen sein. Mögliche Fehlerquellen bei der Betäubung sah er im "Tiermaterial" - etwa Hautwiderstände oder zu schmutzige Schwarten. Erst im Sommer 2013 hatte der Elektrotechniker dem Schlachthof Kassel eine verbesserte Betäubungsanlage verkauft. Warum das nicht schon viel früher geschah, beantworteten der frühere Wirtschaftsprüfer des Unternehmens sowie ein Mitarbeiter der Stadt Kassel mit Geldmangel.

Kassel: Schweine im Schlachthof nicht richtig betäubt - Berufungsverfahren

Erstmeldung vom 31.01.2020: Am Schlachthof in Kassel, der 2018 wegen Insolvenz geschlossen werden musste, sind über Jahre Schweine vor derSchlachtung nicht ordnungsgemäß betäubt worden. Es gab offenbar große Probleme mit der Elektrobetäubungsmaschine. 

Das ist jetzt im Rahmen eines Berufungsverfahrens gegen einen ehemaligen Geschäftsführer des Schlachthofs in Kassel an die Öffentlichkeit gekommen. Der heute 39-jährige Angeklagte war zwischen 2011 und 2013 Geschäftsführer des Schlachthofs. Während dieses Zeitraums soll es wiederholt zuMängeln bei der Hygiene und derBetäubung der Tiere gekommen sein. 

Kassel: Schweine nicht betäubt - Veterinär erstattete Anzeige 

Letztlich hat ein Veterinär des Amts für Lebensmittelüberwachung und Tiergesundheit der Stadt Kassel deshalb Anzeige erstattet. Damals gab es laut Staatsanwaltschaft wohl auch Überlegungen, den Schlachthof schließen zu lassen. 

Nach jahrelangen Ermittlungen war der ehemalige Geschäftsführer aber erst im Dezember 2017 vor dem Amtsgericht Kassel wegen des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz in sechs Fällen verwarnt worden. Gegen dieses Urteil hatten sowohl sein Verteidiger Axel Dohmann als auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. 

Betäubungsmaschine im Schlachthof Kassel war fehlerhaft

Dohmann bestreitet gar nicht, dass die Zustände im Schlachthof Kassel schlecht gewesen seien. Dafür sei aber nicht sein Mandant verantwortlich gewesen, sondern dessen Vorgänger. Sein Mandant habe versucht, eine neue Betäubungsmaschine für den Schlachthof anzuschaffen. Das habe der Verwaltungsrat aus Geldmangel aber abgelehnt, erklärte der 39-Jährige bei der Verhandlung am Donnerstag vor der neunten Strafkammer. 

Zeuge berichtet von Zuständen im Schlachthof Kassel

Dass es seit vielen Jahren Schwierigkeiten mit der Betäubung vor der Entblutung der Schweine gegeben hatte, wurde durch Zeugenaussagen belegt. „Es hat nie funktioniert“, sagte zum Beispiel ein 64-jähriger Mann, der im Schlachthof für das Stechen der Schweine zuständig war. 

Als er 1989 dort angefangen habe, seien bereits wiederholt Fehlbetäubungen aufgetreten. Tiere, die nicht richtig betäubt worden wären, hätten mit den Augen gezwinkert, gezappelt und hätten versucht, aufzustehen, berichtete der Zeuge. 

Früher habe sich aber kein Mensch beziehungsweise Tierarzt darum gekümmert, so der 64-Jährige. Das sei erst der Fall gewesen, als der Veterinär der Stadt Kassel sich der Sache angenommen habe. 

Kassel: Letzter Schlachttag im Schlachthof war 2018

Der letzte Schlachttag im Schlachthof Kassel fand am 26. Februar 2018 statt. Die Schließung des Schlachthofs wegen Insolvenz war vor allem für die Hausschlachter ein Problem, die zum Beispiel Schweine für den Eigenbedarf auf ihrem Hof verarbeiten. 

„Selbst ein Schwein zu schlachten, dauert eineinhalb Stunden“, sagt ein Landwirt. „Im Schlachthof dagegen nur drei Minuten.“ Hinzu kommt, dass etliche Metzger zu kleine Brühtröge haben, in die nur Schweine mit weniger als fünf Zentnern Gewicht passen. 

Kassel: Schließung hatte keine Auswirkung auf nordhessische Spezialität

Allerdings: Ein halbes Jahr nach der Schließung meldete die Fleischer-Innung Kassel Entwarnung: Die Produktion von Ahler Wurscht etwa habe keinen Schaden genommen. Das war vor allem befürchtet worden – ohne Schlachthof würde es bald die Ahle Wurscht nicht mehr geben. Diese Befürchtung wurde zur Freude von tausenden Konsumenten nicht Wirklichkeit. Die regionalen Metzger schlachteten in anderen Schlachthäusern, etwa in Warburg, Schwalmstadt-Ziegenhain und Heiligenstadt

Bis zu seiner Schließung hatte der Kasseler Schlachthof jede Woche etwa 450 bis 500 Schweine geschlachtet. Größte Anteilseigner am Schlachthof waren die S tadt Kassel (73,7 Prozent) und der Landkreis Kassel (19,7 Prozent). Kurioserweise hatten sie in der Gesellschafterversammlung kein Stimmrecht

Mangelhafte Betäubung nicht nur in Kassel ein Problem 

Mangelhafte Betäubung vor dem Töten machte bundesweit immer wieder Schlagzeilen. Im Visier der Tierschützer waren zum Beispiel bayerische Schlachthöfe, von denen zwei Drittel Probleme mit der Betäubung hätten, heißt es. 

Eine Tierschützerin: „Die Tiere spüren ihren eigenen Tod“. Im Normalfall müssten Mitarbeiter des Schlachthofes die Tiere während des Sterbens beobachten, ihre Reflexe beobachten und gegebenenfalls nachbetäuben. So sieht es die Schlachtordnung vor. 

Schlachthof Kassel investierte in Technik

Im Schlachthof in Kassel wurde nach den ganzen Problemen mit der Betäubung der Schweine immerhin im Mai 2013 ein neuer Trafo für die Elektrobetäubungsanlage für 12 500 Euro angeschafft.

Prozess in Kassel wird Anfang Februar fortgesetzt

Am Mittwoch, 5. Februar, 10.30 Uhr, wird der Prozess am Gericht in Kassel fortgesetzt. Dann wird ein Sachverständiger gehört.

Nachdem kein Investor gefunden werden konnte, musste der Schlachthof in Kassel 2018 schließen. Auf die Produktion der Ahlen Wurscht - eine bekannte nordhessische Spezialität - hatte das Aus des Betriebs in Kassel keine Auswirkung.  Zunächst war die Sorge um die Ahle Wurscht nicht nur in Kassel groß.

Video: Schweine sind sensible Lebewesen

Von Ulrike Pflüger-Scherb und Frank Thonicke

Auch in der privaten Tierhaltung kommt es immer wieder zu Vernachlässigungen bis hin zu Misshandlungen von Tieren: Im vergangenen Jahr musste das Tierschutzamt der Stadt Kassel 13 Mal einschreiten und den Haltern die Tiere wegnehmen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare