Staatstheater Mainz

Tanz ist eine ziemlich persönliche Sache, zeigen sechs junge Charakterdarsteller faszinierend flink

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Felix Berners Mainzer Tanzstück „Krawall im Kopf“ stellte junge Tänzer auf dem Weg ins professionelle Tanzen vor.

Der Spielort „U 17“ in den unterrheinischen Verliesen am Staatstheater Mainz ist nicht völlig, doch vielfach auf Jugendtheater abonniert. Auch „Krawall im Kopf“ zielt auf Jugendliche „ab 11 Jahren“ und klingt im Titel halb nach Halfpipe, halb nach Rappelkiste. Doch was ein Stück soll und was es umtreibt, sind zweierlei Schuh.

„Krawall im Kopf“ kam bei den vielen Schülern in der Premiere großartig an: kein Hauch von Schwellenangst. Nanna Neudecks Bühnenelemente aus unedlen Stoffen schlossen jede Einschüchterung durch Klassizität aus.

Zum Einsatz kam neben einem gelben Treppchen, einem hellblauen Schnürhimmel und der Alarmtröte plus Musik vor allem Pappmaché mit Innenlamellen wie Pakete-Füllstoff: zum Schmücken am Gestänge, als Requisite und Kostümteil, als improvisiertes Brücken- oder Insel-Symbol. Dazu Kartons mit den Vornamen und ein buntes Gesamtbild aus Kostümen und Turnschuhen.

Berners Choreografie bietet klar mehr als ein Jugendstück. Schließlich haben „Neulinge“ im Erst-Engagement einen vieljährigen Drill hinter sich und stehen in ihrer physischen Blüte. Das sehr persönliche, Tanztheater-nahe Stück gewährte jedem Tänzer einige Solo-Minuten, in denen eine Off-Stimme in Ich-Form Kernsätze über Erfahrungen mit dem Tanz aussprach. Benoît, Maddy, Cristel, Jorge, Nora und Eliana tanzten das allein und im Ensemble nochmals aus, mit einem Fokus auf den Erwartungen und Regeln, an denen sie sich in der Ausbildung stießen. Nichts gegen diese dramaturgische Grundidee: der junge Tänzer auf Kollisionskurs mit dem Regelwerk. Im Grunde war das aber nur die nötige Geisterfalle, um die Einfühlung eines pubertierenden Publikums einzufangen, das sich ohne solche Tricks schnell langweilen könnte.

Viel faszinierender war das Ich-Betonte, das mit dem klassischen Tanz-Rahmen so wenig zu tun hatte wie mit der Abstraktheit modernen Konzepttanzes. Man kann ja Tanzstück um Tanzstück sehen und durch die Tänzer hindurchblicken oder sie gleichsam auf ein Sammelsurium von Merkmalen und Fähigkeiten reduzieren: namenlose Träger des Eigentlichen. „Krawall im Kopf“ lässt genau das keinen Moment lang zu, sondern zwingt uns, den Tänzer als Menschen und wahrhaft Eigentliches im Tanz zu sehen: das Charakteristische an Körper, Psyche und Ausstrahlung.

Benoît Couchot zum Beispiel: in seiner schmächtigen Struktur, dem kraftvoll knochigen Gesicht kommt er uns in grauer Frauenkleidung mit der Geschichte des Androgynen an ihm. Madeline Harms gibt im rosa Faltenrock den australischen Klassenclown und testet die Kollegen mit dem „Peter-Piper“-Zungenbrecher. Klar, dass sie als Clown mit „starken Schultern“ auch den Ernst des Lebens aufbringen darf, bis hin zum Schild und Umstand: „arbeitslos“.

Cristel de Frankrijker mit ihrem „guten Ballettkörper“ fürchtet, „wie Bambi“ auszusehen und infiziert fließend-burschikos die ganze Truppe. Jorge Soler Bastida mag nicht immer „George“ und „Giorgio“ genannt sein und animiert die Kinder im Chor, es besser zu machen. Die nordische Nora Monsecour ist der athletische Typ und nur im Kopfstand fixierbar, wenn die Tanzleidenschaft sie gepackt hält: ein dramatisches Naturell. Eliana Stragapede müsste gar nichts tun, um mit ihrem italischen Teint, MonaLisa-Gesicht und selbst dem psychedelischen Gehopse im Punk-Finale Gedanken an den Idealtypus der romantischen Tänzerin zu wecken.

Jede(r) einzelne weckt Sympathie und Neugier. Als Gruppe fasziniert, wie sie das rasante Überspringen von Bewegung, diesen Zaubertrick trainierter Ballerino-Spiegelneuronen, traumhaft flink vorführen. Tanz, oder: das Einfache, das schwer zu machen ist.

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