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Andreas Lust spielt als Bernd Kranzbühler einen Mann, der um jeden Preis seinen kranken Bruder schützen will.

TV-Kritik zum Tatort

„Treibjagd“: Die Verunsicherung des Mittelstands

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Explosives Thema komplex aufbereitet: Ein erschossener Einbrecher ruft Kommissar Thorsten Falke auf den Plan. Und der wiederum bringt durch seine Ermittlungen Wutbürger auf Trab.

Die Situation scheint klar: Der Einbrecher wurde in dem Haus auf frischer Tat erwischt, zog seine Waffe und wurde vom Hausbesitzer erschossen. Keine unerwartete Situation, zumal der junge Mann bereits bei der Polizei bekannt war. Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und seine Kollegin Franziska Weisz (Julia Grosz) hatten ihn erst kurz zuvor auf der Wache, mussten ihn aber wieder laufenlassen.

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Dass die Waffe nicht echt ist, die der Einbrecher benutzte, konnte der Hausbesitzer ja nicht ahnen. Nur dass er sie in der falschen Hand hatte, macht Falke stutzig. Wie kam die Waffe an den Tatort und was ist in dem Haus wirklich vorgefallen? Als Falke die Ermittlungen aufnimmt, macht er sich keine Freunde: Die Nachbarn können ihre Freude über den Tod des Einbrechers nicht verhehlen. Sehr bald gerät Falke selbst ins Visier der Wutbürger. 

Die Verunsicherung des Mittelstands

Es ist ein recht aktuelles Thema, das der neue Falke-„Tatort“ aufgreift. Er findet in einem Milieu statt, mit dem sich sicher viele Zuschauer identifizieren können: Es sind die Besitzer kleiner bis mittlerer Eigenheime, die hier den Hintergrund bilden. Solide, arbeitssame, steuerzahlende Bürger. Der Mittelstand also, die kleinen, aber fleißigen Rädchen im Getriebe, die eine große Maschinerie am Laufen halten. Und ihre kleine, übersichtliche Welt bedroht sehen.

Weswegen die Hamburger Polizei sich neuerdings besonders bemüht, den Eindruck zu vermitteln, sie hätte alles im Griff. Dabei scheinen sich die Bürger zunehmend lieber auf sich selbst zu verlassen – und auf ihre Kontakte übers Netz. Der Krimi macht die Verunsicherung, die Wut, das Verdrängte und Aufgestaute spürbar.

Den Einbrecher musste die Polizei laufen lassen, doch jetzt ermitteln sie gegen den Mann, der ihn zur Strecke gebracht hat. Einen Mann, der so gar nichts Selbstbewusstes ausstrahlt und der mehr als erschrocken wirkt über das, was er getan hat.

Nicht immer glaubwürdig

Kommentare im Online-Forum einer Bürgerwehr zeugen schnell vom blanken Hass. Dass dabei auch Falke selbst ins Visier der Wutbürger gerät – obwohl er schon im Umfeld der Bürgerwehr ermittelt – und sogar sein Sohn körperlich massiv attackiert wird, gehört freilich nicht zu den glaubwürdigen Bestandteilen dieser Geschichte. Zumal diese Attacke auch noch durch ein ziemlich groteskes Erpressungsmanöver vom Bruder des Todesschützen eingeleitet wird.

Deutlich geschickter und ambivalenter hat das Drehbuch das Verhältnis der beiden Brüder in die Geschichte eingeflochten. Samira Radsi (Regie) hat dadurch eine Reihe überzeugender Szenen herausgeholt. Wobei sie mit Andreas Lust als einem Mann, der vor allem seinen schuldig gewordenen und herzkranken Bruder schützen will, auch einen entsprechend facettenreichen Schauspieler zur Verfügung hatte.

Auch der Verbrecher wird zur Identifikationsfigur

Aber auch der erschossene Kriminelle gerät nicht gänzlich zur Randfigur, wenn er am Anfang mit seiner Freundin intim wird und zur Identifikation einlädt. Speziell durch die Freundin fügt die Geschichte ihre Bestandteile insgesamt doch ganz ordentlich zusammen: Sie wird beim Einbruch angeschossen und anschließend gejagt.

Die Menschenjagd baut eine ordentliche Spannung auf, die bis zum Ende hält. „Treibjagd“ ist ein Krimi, der sich auf ein komplexes Thema einlässt und dadurch überzeugt, dass er auf einfache Zuweisungen und Antworten verzichtet.

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