Hanna Bekker vom Rath

Unbekannte Bilder einer berühmten Frau

Die Gründerin des Frankfurter Kunstkabinetts ist als Galeristin und Sammlerin bestens bekannt. Ihr eigenes malerisches Werk wird bis heute unterschätzt – zu Unrecht, wie die Schau zeigt.

Für andere kämpfte sie leidenschaftlich. Schon 1918 hielt sie, gerade 25 Jahre alt, in der Frankfurter Paulskirche eine Rede für die Emanzipation der Frau. Auch für viele Künstler engagierte sie sich und quartierte sie sogar zu Hause ein. Um ihr eigenes malerisches Werk aber machte sie nicht viel Aufhebens. Erst spät, wenige Jahre vor ihrem Tod im August 1983, stimmte sie einer ersten Ausstellung ihrer Bilder im Rathaus von Hofheim im Taunus zu, dort, wo sie seit 1920 gelebt und gewirkt hatte. Jetzt widmet das Museum Wiesbaden der unterschätzten Malerin Hanna Bekker vom Rath eine Kabinettschau mit 20 Gemälden, pünktlich zum 125. Geburtstag und 35. Todestag.

Viel bekannter geworden ist Hanna Bekker vom Rath aber als Sammlerin und Galeristin des 1947 von ihr gegründeten Frankfurter Kunstkabinetts, das nun in anderen Händen ist und unter dem Namen der Gründerin firmiert. Fast alle heute als Klassiker der Moderne bezeichneten Künstler gingen in ihrem Landhaus in Hofheim ein und aus, das sie in den Farben der Expressionisten Blau und Gelb streichen ließ. Für viele wurde dieser Treffpunkt auch ein Ruhepol, besonders für Alexej von Jawlensky, Karl Schmidt-Rottluff und Ernst Wilhelm Nay. So wuchs die Sammlerin und Mäzenin allmählich in die Rolle der Galeristin, die noch in der Nazizeit viele Werke von Künstlern mit Mal- oder Ausstellungsverbot vermittelte.

Aber davon später mehr. Widmen wir uns zuerst Hanna Bekkers eigenen Bildern. Die Kabinettschau macht an frühen Beispielen die sachlichen Einflüsse der ersten Lehrerinnen Marie Steinhausen und Ottilie W. Roederstein deutlich. Die Schau zeigt aber auch die beim Kunststudium in Stuttgart von Adolf Hölzel und Ida Kerkovius ausgehenden, abstrakten und expressiven Impulse. Dieses Studium und auch schon den ersten Malunterricht in Hofheim musste sich Hanna Beckker vom Rath mühsam bei ihren Eltern erkämpfen, obwohl sie begütert waren. Hannas Urgroßvater war übrigens der Genremaler Jakob Becker (1810–72), der am Frankfurter Städel lehrte und dessen Schüler später die Kronberger Malerkolonie gründeten. Die Bilder des Uropas hatten sie schon als Kind tief beeindruckt.

Doch die Malerin bleib zeitlebens eine Suchende, „zwischen expressivem Ausdruck und neusachlicher Klarheit mäandernd“, so Roman Zieglgänsberger, der Kurator der Schau. Erst nach den dunklen Molltönen der 30er Jahre kamen gegen Kriegsende die kräftigen Farben stärker ins Spiel. Ohnehin durchzieht viele Bilder ein warmer Rotton. Erstaunlich kühn und zugleich schon sehr sicher wirkt das kleine Ölbild „Roter Fuchs“, das um 1920 ein stark abstrahiertes Tier vor unklarer Landschaft zeigt. Doch Hanna Bekker widmete sich bevorzugt (Blumen-)Stillleben und Porträts, die Landschaft spielte nur zeitweise eine Rolle.

All diese Genres sind in Wiesbaden vertreten, die kleine Schau vermittelt also durchaus einen guten Überblick. Leider wird nicht dokumentiert, dass die Leinwände oft beidseitig bemalt sind, griff doch Hanna Bekker gern impulsiv zum Pinsel. Auch datierte sie nur selten oder erst dann, wenn sie die Bilder verschenkte. Folglich eine Sisyphosarbeit für die Forschung bei einem Schaffen von rund 300 Gemälden, zumal das Frühwerk oft nur durch Fotos dokumentiert werden kann.

Hanna Bekker vom Rath benötigte keine Skizzen, Fotos oder andere Vorlagen. Meist malte sie aus der Erinnerung, nutzte dabei aber die Stilmittel der porträtierten Freunde. So fiel Karl Schmidt-Rottluffs Konterfei im Jahr 1955 in glühenden Farben aus. Den Schauspieler Albert Steinrück hingegen malte Hanna Bekker 1918 mit einem expressiv zerklüfteten Gesicht, wie eine Neuerwerbung des Museums Wiesbaden verrät.

Ebenfalls neu erworben wurde das 1929 entstandene Bild „Viktoria-Luise-Platz“, das einen Blick aus Bekkers Atelier-Wohnung in Berlin zeigt und deutlich inspiriert ist von Max Beckmann, im Stil und in der Farbgebung. Im Berliner Atelier lebte Bekker von 1940 bis 1943 und organisierte voller Courage einige Ausstellungen von verfemten Künstlern wie Schmidt-Rottluff, Willi Baumeister oder Erich Heckel. Damit machte sie ihnen Mut in der dunklen Zeit. Aber nicht jeder durfte Wind bekommen von diesen Ausstellungen, sie waren, so Kurator Roman Zieglgänsberger, „versteckt, verborgen, geheim“.

Die Malerin nahm auch sich selbst prüfend unter die Lupe: 1923 kubistisch zerlegt, 1948 dann – ein Jahr nach Gründung der Galerie – optimistisch in die Zukunft blickend, den kleinen rot-violetten Hut mit feinem Schleier keck auf dem Haupt thronend. Denn Hanna Bekker hatte „ein Feuer für die Kunst und eine Liebe für die Künstler“, schrieb einst der Kunsthistoriker Lucius Grisebach treffend.

Als sie 1983 starb, umfasste ihre Sammlung noch knapp 120 Werke, vorwiegend von Künstlern ihrer Zeit. Damals wurde die Sammlung vorübergehend im Frankfurter Städel untergebracht, verließ aber bald wieder das Haus. Denn vor nunmehr 30 Jahren war das Wiesbadener Museum viel mutiger und schneller als das Städel und erwarb 30 Bilder aus der Sammlung.

Jetzt wird ein Teil dieser Sammlung im zweiten Raum der Schau vorgestellt. Eines der wichtigsten Bilder ist Max Beckmanns „Weiblicher Akt mit Hund“ von 1927, das dank seiner kühnen Perspektive auffällt. Der Künstler stand nämlich beim Malen am Kopfende des Bettes, auf dem die Frau liegt und zu ihm aufblickt. So rückt der Betrachter nah an die sinnlich wirkende Frau und wird damit unwillkürlich zum Voyeur. Eine Rolle, die den Betrachter heute eher irritiert.

Museum Wiesbaden, Friedrich-Ebert-Allee 2. Bis 3. Februar 2019, geöffnet Di/Do 10–20 Uhr, Mi und Fr–So 10–17 Uhr. Eintritt 10 Euro. Tel.: (0611) 335 22 50. Internet:

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