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Investor Frank Thelen sieht das Gründen eines Unternehmens als einen der schönsten, aber auch der härtesten Wege.

Interview

Unternehmer Frank Thelen: "Scheitern muss eine Option sein"

Die Start-up-Szene in Deutschland ist im Vergleich zu den USA und China unbedeutend, beklagt Unternehmer Frank Thelen, der durch die Show „Die Höhle der Löwen“ bekannt ist. Das liege auch an der Politik. Im Gespräch mit Redakteurin Pia Rolfs erläutert er, was sich seiner Ansicht nach ändern müsste – und wann er sich vorstellen könnte, Bundespräsident zu werden.

Die „Höhle der Löwen“ ist so erfolgreich, dass es zur Sendung sogar ein Magazin gibt. Wie erklären Sie sich das in einem Land, in dem die meisten jungen Leute am liebsten im öffentlichen Dienst arbeiten wollen?

FRANK THELEN: Ja, dieser Widerspruch ist erstaunlich. Ich glaube, wir hatten Glück, dass so langsam der Gründergeist in Deutschland wächst. Außerdem ist die Sendung sehr gut gemacht. Der wirklich überraschende Erfolg freut mich sehr, aber macht nicht mein Leben aus. Mir geht es mehr um Technologie als um TV-Quoten.

Werden nun Unternehmensgründungen in Deutschland realistisch eingeschätzt?

THELEN: Früher war es so, dass Gründen für viele gleichbedeutend mit Arbeitslosigkeit war. Jetzt gibt es eine positivere Einstellung, zu der die Sendung einen Teil beiträgt. Aber andererseits wird die Start-up-Szene auch oft gehypt, und viele glauben, Gründer hätten ein besseres Leben. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Gründen ist die Entscheidung, einen Lebensweg zu gehen, wenn man etwas entdeckt hat, das einen sehr bewegt. Es ist einer der schönsten, aber auch der härtesten Wege. Das versuche ich immer wieder ehrlich zu erzählen.

Liegt Ihr Erfolg in dieser Authentizität begründet?

THELEN: Keine Ahnung, ob ich sympathisch rüberkomme. Ich ecke auch viel an. Wenn mir jemand Blödsinn über sein Start-up erzählt, dann werde ich wahnsinnig – im echten Leben wie in der Show. Ich will ja auch keinen Beliebtheitspreis gewinnen, sondern das Gründen fördern.

Sie schreiben, dass in Deutschland gilt: Einmal gescheitert – immer gescheitert. Ist das auch der Grund für oft mangelnde Risikofreude?

THELEN: Ich glaube, dass man hier schnell gebrandmarkt ist. Scheitern muss aber eine Option sein, wenn man etwas Herausragendes produzieren will. Auf der anderen Seite haben wir „Fuck-up-nights“, wo das Scheitern mit Champagner begossen wird. Das ist auch nicht gut. Man sollte das Scheitern nicht feiern, sondern daraus für das nächste Mal lernen.

Wer als Unternehmer scheitert, reißt oft auch seine Mitarbeiter rein. Wie gehen Sie damit um?

THELEN: Das ist menschlich eine superharte Belastung. Man hat ja die Mitarbeiter mit gutem Wissen und Gewissen ins Boot geholt. Wenn man ihnen das Scheitern mitteilen muss, ist das eine der unschönsten Situationen.

Sie nennen die Start-up-Szene in Deutschland rückständig. Fehlt es da an Ideen oder an Mut?

THELEN: Es fehlt mehr an Mut. Die Start-up-Szene wächst zwar, ist aber im Verhältnis zu der in den USA und China unbedeutend.

Was müsste sich politisch ändern?

THELEN: Erst mal müsste die Groko abgelöst werden. Wir brauchen junge Politiker, die sich trauen, Entscheidungen zu treffen und unbequeme Wahrheiten zu verkünden – statt immer den kleinsten gemeinsamen Kompromiss zu finden. Wir brauchen den Mut für einen großen Wurf. Wir müssen Fragen beantworten, die sich angesichts der neuen Technologien stellen.

Gibt es Politiker, denen Sie das zutrauen?

THELEN: Ja, zum Beispiel Christian Lindner, Dorothee Bär oder Jens Spahn.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst in die Politik zu gehen?

THELEN: Nein. Ich habe nicht die Geduld, die notwendig ist, um einen Konsens zu finden. Ich gebe gern meinen Input rein, aber ich will nicht Teil dieses Systems werden. Das funktioniert so anders als mein Handeln, das ist nicht kompatibel. Ich könnte mir vorstellen, dass ich vielleicht mit 60 oder 70 Jahren Bundespräsident werde. Dann bin ich hoffentlich etwas ruhiger.

Sie schreiben viel über die Zukunft der Arbeit. Was sehen Sie da als größte Veränderung?

THELEN: Zunächst einmal wird es nicht mehr für alle Jobs geben. Es ergibt keinen Sinn, dass Menschen Taxi fahren, wenn die Technik hier bald sicherer ist. Und bald können Maschinen Krebs besser erkennen als Radiologen.

Aber um die Nachricht von einer Krebserkrankung dem Patienten zu überbringen, braucht es doch einen Menschen …

THELEN: Die Kommunikation ist ein anderes Thema. Aber wenn die Maschine Krebs früher erkennen kann, erhöht das entscheidend die Überlebenschance der Patienten. Dann haben natürlich die Radiologen keinen Job mehr.

Was aber machen all die Menschen, wenn sie nicht arbeiten?

THELEN: Das ist die Frage nach dem Sinn des Lebens, da gehört für viele die Arbeit dazu. Es ist tatsächlich fraglich, ob man ihnen diese Struktur nehmen darf – darüber müssen wir endlich eine breite gesellschaftliche Debatte führen.

Unter welchen Voraussetzungen würden Sie das Grundeinkommen befürworten?

THELEN: Die Bedingung muss sein, dass der Betreffende anderen nicht schadet und keine Straftaten begeht. Es sollte aber nicht an Schulabschlüsse geknüpft sein oder daran, ob er gearbeitet hat.

Sie sind jetzt 43 Jahre alt. Wie lange möchten Sie arbeiten?

THELEN: So lange, wie ich Sinn stifte. Ich bin ja schon in einer Situation, wo ich mein Überleben nicht mehr finanzieren muss, sondern arbeite nur noch, weil ich es möchte. Es wäre nicht gut für mich, wenn ich nur noch auf Mallorca Cocktails trinken würde.

Was würden Sie denn gern noch verwirklichen?

THELEN: Ich habe das erste Mal in meinem Leben einen Zehn-Jahres-Plan: Ich möchte ein relevantes Technologieunternehmen in Deutschland finanzieren und als Investor und Mentor mit aufbauen. Es wäre doch toll, wenn wir etwa den Weltmarktführer im Quantencomputer aufbauen würden.

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