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Ein neuer Abschnitt beginnt: Andrea Nahles übernimmt den SPD-Vorsitz.

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SPD Wahlergebnis versetzt Partei in Schockstarre

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Das Wahlergebnis war ein herber Schlag für Andrea Nahles. Mit 80 zu 20 Prozent hatten viele Beobachter gerechnet. Doch ein so schlechtes Ergebnis versetzte den Parteitag kurzzeitig in Schockstarre.

Das Wahlergebnis war ein herber Schlag für Andrea Nahles. Mit 80 zu 20 Prozent hatten viele Beobachter gerechnet. Doch ein so schlechtes Ergebnis versetzte den Parteitag kurzzeitig in Schockstarre. Als Olaf Scholz schließlich das Wort ergriff, um Nahles zur Wahl zu gratulieren, war auch ihm der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Er wünschte der enttäuschten Wahlsiegerin viel Kraft. Die wird sie auch dringend brauchen. Nach Oskar Lafontaine musste kein Parteichef mehr mit so viel Gegenwind aus der eigenen Partei an den Start gehen. Gerade in dieser schwierigen Zeit, in der die Zukunft der Sozialdemokratie als Volkspartei auf dem Spiel steht, ist es ein verheerendes Signal und eine schwere Bürde für die neue Vorsitzende.

Schon vor dem Parteitag war bekannt, dass Andrea Nahles nicht sehr beliebt ist in der Bevölkerung. Eine aktuelle Umfrage hatte dies vor wenigen Tagen in bedrückende Zahlen gefasst. Dass aber auch nur rund zwei Drittel der Delegierten ihrer eigenen Partei hinter ihr stehen, ist trotz der schwierigen Vorgeschichte überraschend. Und das nachdem die stellvertretenden Vorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel und Manuela Schwesig in ihren Eröffnungsreden für ein neues Zeitalter der Solidarität gewoben hatten. Es ist schwer vorstellbar, wie einer Partei dieser Aufbruch gelingen soll, die so gespalten ist, wie es dieses Wahlergebnis vermuten lässt.

Nach der emotionalen und kämpferischen Rede von Andrea Nahles, in der sie sehr persönlich für sich warb und zugleich staatsmännisch den Bogen spannte von Kinderarmut bis hin zur Globalisierung, war die Erwartung im Saal gewachsen, dass sie ein starkes Ergebnis bekommen würde. Hatte Nahles doch ihre Herausforderin Simone Lange rhetorisch und inhaltlich klar in den Schatten gestellt. Ihr Applaus war nicht fulminant, aber deutlich lauter als der für Lange.

Doch die geheime Abstimmung hat offenbart, dass es eben doch nach wie vor offensichtlich einen großen Unmut über die schnelle und diskussionsfreie Nominierung von Andrea Nahles durch die Parteispitze gibt. Ja, dass insgesamt ein tiefer Riss durch die Partei geht, der noch längst nicht gekittet ist, wie es Gastgeber Schäfer-Gümbel in seinen Eröffnungsworten noch optimistisch beschworen hatte.

Der Aufbruch, der von dem gestrigen Parteitag für die deutsche Sozialdemokratie ausgehen sollte, geriet fast schon zu einem Schiffbruch für die Parteiführung. Zwar ist die Wahl der Wunschkandidatin Nahles nicht gescheitert, doch der Rückenwind für die Parteichefin als Erneuerin ist nur ein laues Lüftchen. Nach diesem Parteitag wird die SPD so schnell nicht zur Ruhe kommen. Zumal auch der Leitantrag der Parteiführung zur Erneuerung bei vielen Delegierten auf Skepsis stieß.

So steht wohl eine sehr lebhafte Diskussion über die Zukunft der Partei bevor. Und einer hat gestern deutlich gemacht, dass er auch in Zukunft ein erhebliches Wörtchen mitreden möchte: der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert, der schon das Zustandekommen der großen Koalition zum Scheitern bringen wollte.

christiane.warnecke@fnp.de

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