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Ein Hit für die Ewigkeit: Das britische Pop-Duo ?Wham!? ? Andrew Ridgeley (links) und George Michael lieferten ihn vor Jahrzehnten mit ?Last Christmas?.

Musikalische Zwangsgedanken

Warum Ohrwürmer nerven

Wenn das Gehirn sich langweilt, schlägt er zu. Dann setzt sich der Ohrwurm in den grauen Zellen fest. Gerade in der Weihnachtszeit gibt es viele Songs, die sich nicht mehr abstellen lassen.

Der Gemeine Ohrwurm ist ein Fluginsekt. Von der Antike bis in die frühe Neuzeit hinein wurden die Tiere pulverisiert als Medizin gegen Ohrkrankheiten und Taubheit verabreicht. Weit weniger nützlich ist der musikalische Ohrwurm, der dem Hörer quasi ins Ohr kriecht. Vor allem auf den jetzt beginnenden Weihnachtsmärkten ist sein Aufkommen hoch.

„Ich summ den ganzen Tag das immer gleiche Lied, es sitzt in meinem Kopf und geht nicht weg“, heißt es im Ohrwurm-Song der Kölner A-Capella-Gruppe „Wise Guys“. „Hab alles ausprobiert, damit es sich verzieht, doch leider hat das alles keinen Zweck.“

„Umweltverschmutzung“

Gerade in der Adventszeit schlagen die penetranten Ohrwürmer zu. Auf Weihnachtsmärkten und in Kaufhäuser dudeln so eingängige Songs wie „Last Christmas“, „Feliz Navidad“, „Wonderful Dream“ und „Christmas In My Heart“. Als „riesige Umweltverschmutzung“ hat Rolando Villazon (46), mexikanisch-französischer Startenor, diese Praxis kritisiert. Advents- und Weihnachtslieder könnten Menschen in einen Geist des Teilens und Umarmens versetzen. Doch den Dauerschleifen in den Kaufhäusern sei man wehrlos ausgeliefert. Das sei „einfach unerträglich“.

Doch wie kommen Ohrwürmer in die Köpfe? Und vor allem: Wie kommen sie wieder heraus? „Ohrwürmer sind musikalische Zwangsgedanken, halten aber das Hirn wach“, sagt Christoph Reuter, Musikwissenschaftler der Uni Wien. Und Jan Hemming, Musikwissenschaftler und Ohrwurmforscher von der Universität Kassel, vermutet, dass das Gehirne die Endlosschleifen bevorzugt dann produziert, wenn es sich langweilt. Nach seinen Untersuchungen entstehen Ohrwürmer zu mehr als 70 Prozent in Alltagssituationen wie Abwaschen und Aufräumen beziehungsweise in Leerlauf- und Wartephasen.

Ist ein Zuhörer mit einem bestimmten Titel gut vertraut, so erhöht dies die Chancen des Musikstücks, zum Ohrwurm zu werden. In einer Versuchsreihe am Kasseler Institut für Musik zeigte sich, dass zwei Drittel der Stücke, die sich bei den Probanden zum Ohrwurm entwickelten, bei den Betroffenen bereits bekannt und beliebt waren.

Auslöser Assoziation

Pure Wiederholung reicht aber nicht aus, um das Gehirn zu infizieren. „Das Auftreten eines Ohrwurms ist immer unwillkürlich“, erklärt Hemming. Ein Musiker kann ihn nicht planen, ein Musikkonsument kann ihn nicht vorhersehen. Manchmal stellt sich die akustische Endlosschleife im Kopf schon nach einmaligem Hören ein, manchmal erst nach Tagen. Auslöser kann eine Assoziation sein, vielleicht ein Geruch oder ein Klang. Dann verbindet sich das „Last Christmas“ im Ohr mit dem Glühweinduft in der Nase.

Ebenso unmöglich zu kalkulieren ist die Dauer. Bei der Untersuchung am Kasseler Institut für Musik berichteten einige Probanden, dass der Ohrwurm nach einigen Minuten verschwand. Manche wurden von der immer wiederkehrenden Melodie im Kopf bis zu drei Wochen heimgesucht.

Hemming verweist darauf, dass professionelle Songschreiber gezielt versuchen, eingängige Elemente und Passagen in ihren Liedern einzusetzen. Diese sogenannten Hooks sollen den Wiedererkennungswert und so letztlich den Erfolg eines Songs steigern. Drei Faktoren sind wesentlich: Einfachheit, Wiederholung und Überraschung. Eine „Ohrwurmformel“ aber lässt sich daraus nicht ableiten, betont der Kasseler Forscher.

Und wie wird man die klebrigen Lieder wieder los? „Indem man sich auf anderes konzentriert, etwa auf die Steuererklärung, die Hausaufgaben oder andere Musik“, sagt Hemming. Befunde aus England legen nahe, dass auch das Kaugummikauen helfen kann, um sich abzulenken und die Dauerschleife zu unterbrechen.

Der Musikwissenschaftler verweist aber zugleich darauf, dass zwei Drittel aller Ohrwürmer als angenehm empfunden werden. „Unangenehme Ohrwürmer bleiben allerdings stärker in der Erinnerung. Belastend wird die Sache erst, wenn uns der Ohrwurm gar nicht mehr loslässt.“

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