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Marlo (Charlize Theron) steht kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes. Schon jetzt spürt sie, dass sie mit den Aufgaben einer Mutter und Hausfrau, die zudem berufstätig sein will, völlig überfordert ist.

Thriller „Tully“

Zwischen Wehen und Windeln

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Unter der Regie von Jason Reitman kommt ein Kindermädchen ins Haus, das immer mehr die Herrschaft über die Familie übernimmt.

Wenn Marlo morgens in der Küche steht, hinter sich eine Nacht mit wenig Schlaf, vor sich einen Tag mit viel Durcheinander, dann sieht man ungeschönt, was die Mutterschaft ihr angetan hat. In ihrem weiten Schlafanzug steckt ein Körper, der völlig aus der Form geraten ist und aussieht „wie eine Reliefkarte in einem Bürgerkriegsland“. Die Haare hängen stumpf herab, die Gesichtsmuskulatur ist erschlafft, und in den Augen liegt ein Blick, der von unendlicher Müdigkeit erzählt. Gerade erst hat Marlo (Charlize Theron) ihr drittes Kind zur Welt gebracht. Dass sie weiterhin als Personalmanagerin arbeiten kann, scheint unvorstellbar. Zumal Söhnchen Jonah an einer neurologischen Krankheit leidet und Ehemann Craig zwar gelegentlich fragt, ob alles klappt, sich aber bei Hausarbeit und Kinderbetreuung im Hintergrund hält.

Mehr und mehr sackt Marlo in ein Gefühl völliger Überforderung ab. Sie ist zum Muttertier geworden, das nur noch aus Bauch und Brust besteht und zwischen Windeleimern und Babybrei vergeblich nach den Resten ihres unbeschwerten früheren Lebens sucht. Als ihr gut verdienender Bruder ihr eine Nacht-Nanny spendiert, zieht allerdings eine neue Heiterkeit ins Haus. Die quietschfidele Tully bringt abends die Kinder ins Bett, verschafft Marlo die ersehnte Ruhe und übernimmt überhaupt das Familienmanagement. Anfangs ist das eine riesige Erleichterung. Doch dann wird die Sache unheimlich.

Schon einmal hat die Südafrikanerin Charlize Theron mit

Mut zur Hässlichkeit

beeindruckt. In „Monster“ war das frühere Model als selbstzerstörerische Obdachlose zu sehen, und diese großartige Leistung setzt die Schauspielerin nun auf andere Weise in „Tully“ fort. Wenn sie sich schwerfällig in einen Sessel fallen lässt, wird die gesamte Last erkennbar, die Marlo in jeglicher Hinsicht mit sich schleppt. Ohne Charlize Theron jedenfalls wäre der Film von Jason Reitman höchstens halb so viel wert. Der Regisseur weiß, was er an seiner Hauptdarstellerin hat. Gemeinsam haben sie bereits den Frauenfilm „Young Adult“ gedreht.

Mit Erscheinen des quirligen Kindermädchens (Mackenzie Davis) entwickelt sich Reitmans Film von der Geschichte über eine frustrierte Frau weg und hin zu einem Thriller, in dem sich verwischt, ob Tully tatsächlich eine Nanny ist oder nur ein zweites Ich, das Marlo in Form einer Persönlichkeitsspaltung selbst geschaffen hat. Dann wäre die 26-jährige Tully die jüngere fröhliche Zweitausgabe der 40-jährigen traurigen Marlo und sowohl eine Entlastung als auch eine Bedrohung, weil sie Marlo an ihre verpassten Chancen als Literaturwissenschaftlerin erinnern würde. Also sollte Marlo vielleicht besser eine Freundschaft mit Tully eingehen, um den entstandenen inneren Zwiespalt, der in der Psychologie „Kognitive Dissonanz“ heißt, wieder zu schließen.

Interessanterweise erinnert „Tully“ an Roman Polanskis jüngstes Kinowerk „Nach einer wahren Geschichte“. Letzteres handelt davon, wie eine Schriftstellerin mit drohendem Identitätsverlust eine junge Frau kennenlernt, die ihr erstaunlich ähnlich sieht und die Herrschaft in ihrem Dasein übernimmt. Wird die Schizophrenie etwa zur neuen psychopathischen Form der Lebensbewältigung? Ermöglicht sie die Flucht vor Überforderung in den Wahn? Dann wäre in dieser Hinsicht noch viel zu erwarten, im Zeitalter der allgemeinen Überanstrengung. Sehenswert

In diesen Kinos

Von Donnerstag an. Frankfurt: Berger (D+E+OmU), E-Kinos (D+E), Metropolis (D+E). Limburg: Cineplex

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