Bat im Juli 2017 um seine Freigabe in Frankfurt: Bastian Oczipka.
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Bat im Juli 2017 um seine Freigabe in Frankfurt: Bastian Oczipka.

Eintracht Frankfurt

Die 2017er Berg- und Talfahrt

Ein Jahr voller Aufregungen und Emotionen, mit vielen Höhen und einigen Tiefen, geht für die Frankfurter Eintracht zu Ende. Es war eine sportlichen Berg- und Talfahrt, mit einer Sieglos-Serie im ersten halben Jahr, mit dem Erreichen des Pokal-Endspiels als Höhepunkt, einem erneuten personellen Umbruch im Sommer, einem schwierigen Start in die Saison und einer stetigen Steigerung bis zum Jahresende. „Eintracht Frankfurt ist auf dem Vormarsch“, sagt Vorstand Axel Hellmann und fasst das Jahr 2017 treffend zusammen. In einer Serie beleuchtet unser Mitarbeiter Peppi Schmitt die aufregenden Monate und blickt in die Zukunft.

Am 27. Mai hatte sich die ganz nahe an der Qualifikation für internationale Spiele bewegt. Beim Pokalfinale in Berlin präsentierte sich die Mannschaft mit Borussia Dortmund auf Augenhöhe, spielte eine bessere erste Halbzeit als der große Favorit, schaffte aber „nur“ ein 1:1. In der zweiten Halbzeit unterlagen die Frankfurter dann durch einen Elfmeter. Ihre Fans hatten das Endspiel im Olympiastadion zu einem Heimspiel gemacht und es hatte viel Lob für den ganzen Klub gegeben. Die Europa-League aber war knapp verpasst worden. In der Liga wäre es nach einer überragenden Vorrunde mit 29 Punkten leichter gewesen, sich zu qualifizieren. Diese Chance wurde teilweise leichtfertig vertan, auch weil Wintereinkäufe wie Andersson Ordonez oder Max Besuschkow nicht wirklich weiterhelfen konnten. Ganze dreizehn Punkte holte die Eintracht noch, es gab eine Serie von zehn Spielen ohne Sieg und am Ende noch einmal vier Begegnungen ohne „Dreier“. Da wurde Europa verspielt und nur die Pokal-Ergebnisse verhinderten schwerere Verwerfungen.

Der Absturz der Multi-Kulti-Truppe nach dem überraschenden Höhenflug hatte aber auch etwas Gutes: Die Eintracht-Führung ließ sich nicht blenden vom Pokal-Hype und versuchte im Sommer Konsequenzen zu ziehen aus dem Niedergang im Frühling. Das Spieleraufgebot wurde üppiger ausgestattet, um dem Trainer die Möglichkeit zu geben, auf Verletzungsausfälle besser reagieren zu können. Manche sagen sogar, der Kader wurde aufgebläht. Die Eintracht hat wieder viele neue Spieler geholt, nicht aus der Bundesliga, sondern aus ausländischen Ligen. Statt wie Vorjahr mit „Leihspielern“ die sportliche Lage zu stabilisieren wurde nun darauf gesetzt, Spieler fest an den Verein zu binden.

Verlust Oczipka

Und es wurde für Frankfurter Verhältnisse viel Geld ausgegeben, mehr als zwanzig Millionen Euro. Sébastien Haller war mit sieben Millionen Euro der teuerste Neue, auch für Jetro Willems mit sechs Millionen Euro wurde tief in die Tasche gegriffen. Sportvorstand Fredi Bobic war also gemeinsam mit seinen Vorstandskollegen und dem Aufsichtsrat bereit, kalkuliertes Risiko zu gehen.

Dabei gab es eine ganz kritische Situation. Während des Trainingslagers in den USA hatte mit Bastian Oczipka ein absoluter Leistungsträger um seine Freigabe gebeten. Er wollte nach Schalke und hat diesen Wunsch durchgesetzt. Für 4,5 Millionen Euro hat die Eintracht ihren wohl solidesten Spieler verkauft, ein weiteres Mosaiksteinchen war aus der abwehrenden Abteilung herausgebrochen, wie vorher schon der Spanier Jesus Vallejo, der zurück zu Real Madrid musste. Dem Trainer hat der Abgang von Oczipka nicht gefallen („Er war unser größter Verlust“), sein Geduldsfaden war zum Zerreißen gespannt. Mehr Substanz, so seine Überzeugung, durfte nicht mehr verloren gehen.

Deshalb wehrte er sich gegen den drohenden Verkauf von Lukas Hradecky, nachdem alle Verhandlungsmöglichkeiten über eine Vertragsverlängerung ausgeschöpft schienen und die Tonlage zwischenzeitlich von Vereinsseite immer rauer geworden war. Seinen Torwart wollte der Trainer unbedingt behalten, auch um das klimatische Gleichgewicht in der Kabine zu erhalten. Im Verein gab es daraufhin ein Umdenken. Die scharfen Töne, vor allem gegen Hradeckys Vater Vladimir, wurden durch versöhnlichere Worte ersetzt. In Vier-Augen-Gesprächen wurde zwischen dem Trainer und dem Torwart und vor allem zwischen dem Sportvorstand und dem Torwart eine Arbeitsbasis gefunden. Die hat bis heute Früchte getragen hat, obwohl die Verhandlungspositionen nach wie vor verhärtet sein sollen. Ganz ähnlich übrigens im „Fall Alex Meier“. Auch da hat ein Umdenken beim Umgang miteinander stattgefunden, nachdem sich nach und nach die Überzeugung in der Vereinsspitze durchgesetzt hatte, dass es wenig Sinn macht, einen so verdienten Spieler öffentlich aufs Abstellgleis zu schieben.

Genialität fehlte

Irgendwann im Laufe der Vorbereitung hat der Trainer gemerkt, dass trotz der vielen Neuzugänge, am Ende waren es vierzehn, dem Team etwas Entscheidendes fehlen könnte. Ein bisschen Genialität, ein wenig mehr Esprit, schlicht Spieler, die herausstechen aus der großen Masse. Und im stillen Kämmerlein reiften Pläne, die bald umgesetzt werden konnten. Erst wurde Kevin-Prince Boateng aus dem spanischen Exil in die Bundesliga zurückgeholt. Als der Name zum ersten Mal im Zusammenhang mit der Eintracht aufgetaucht war, hielten das viele noch für einen Scherz. Doch Kovac meinte es ernst. Er kannte Boateng und war überzeugt, dass der „Prince“ genau der richtige fürs Team sein würde. Schlau: Kaum war das Gerücht auf dem Markt, war der Spieler auch schon da. Keine Zeit also, um den Transfer in Internetforen und Medien zu zerreden. Ruckzuck hatte die Eintracht wieder einen Star im Team. Bis heute eine gewinnbringende Entscheidung, denn der gebürtige Berliner ist immer noch ein Star, ohne Allüren.

Nur ein paar Tage später kehrte der noch im Mai ausgemusterte und nach Florenz zurückgeschickte Ante Rebic zurück. Nach der letzten Saison waren drei Millionen Euro festgeschriebene Ablöse der Eintracht noch zu viel, zu wechselhaft hatte Rebic gespielt. Vor der neuen Saison aber war die Erkenntnis gereift, dass genau einer wie Rebic (und Botang) fehlen könnte. Inzwischen ist der kroatische Nationalspieler für im Vergleich läppische zwei Millionen Euro „gekauft“ und steht bis 2021 unter Vertrag.

Diese Personalentscheidungen im Spätsommer waren richtungweisend. Zwei nicht glatt gebürstete Spieler, zwei Individualisten mit großem Herz, zwei, die sich aus der Masse herausheben, zwei, die den Unterschied machen können: Das hatte die Mannschaft dringend gebraucht. Der Trainer hat die große Aufgabe, sie fast geräuschlos zu integrieren, mit Bravour erledigt. 26 Punkte nach der Vorrunde und das Erreichen des Pokal-Viertelfinales sind aller Ehren wert. Klar ist: Ohne Hradecky, ohne Boateng, ohne Rebic wäre das nicht möglich gewesen.

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