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Für viele Eintracht-Fans ist spätestens nach dem Spiel gegen Wolfsburg klar: Alexander Meier gehört ins Nationalteam.

Eintracht Frankfurt

Alex Meier für Deutschland? Pro und Kontra

Von Alexander Gottschalk und Lukasz Galkowski

19 Tore. Das ist ein gutes Argument. Wer 19 Tore schießt, damit die anerkannten Weltklasse-Stürmer Robert Lewandowski, Pierre-Emerick Aubameyang und Thomas Müller hinter sich lässt, und sich die Torjägerkanone in einer der besten Ligen der Welt schnappt, der kann so schlecht nicht sein. Gerade wenn er nicht beim Dauermeister aus München oder den Überfall-Fußballern aus Dortmund spielt. Sondern bei Eintracht Frankfurt, einem Mittelklasse-Club, mit soliden Kickern und noch soliderem Fußball. Wer dann 19 Tore schießt, der muss ein Fußballgott sein.

Zugegeben, „Fußballgott“ ist ein wenig übertrieben. Auch wenn die aktuelle Lichtgestalt des Frankfurter Fußballs, Alexander Meier, bei den Fans längst eine lebende Legende ist und sich seinen Kosenamen redlich verdient hat. Ein Messi oder ein Ronaldo ist der Mann aus Buchholz nicht. Es gibt Spieler mit besserer Technik; Spieler, die mehr und schneller laufen, wieder andere spielen klügere Pässe oder gewinnen mehr Zweikämpfe. Aber es gibt keinen, der mehr Tore schießt.

Nur aufgrund seiner überragenden Leistungen der letzten Saison Alex Meier gleich in die Nationalmannschaft brüllen zu wollen, wäre zu kurz gedacht. Wenn man an dieser Stelle auch festhalten muss: Vielen anderen Nationalspielern hat schon weit weniger für einen Anruf von Jogi Löw gereicht. Manch einer musste nicht mal eine wirklich überzeugende Spielzeit abliefern, um die Chance zu haben, mit dem Adler auf der Brust aufzulaufen. Man denke nur an Rudy, Rüdiger oder Lasogga.

Alex Meier ist aber nicht erst seit letztem Jahr ein klasse Spieler. 115 Scorerpunkte in knapp 250 Spielen sprechen eine deutliche Sprache. Dazu kommen noch etliche Tore in der 2. Bundesliga und im Pokal. Die Zahlen sprechen für Meier, das werden auch seine Kritiker nur schwer bestreiten können. Schwächephasen hatte er nur, wenn er sich mit Verletzungen herumplagte. Sonst lieferte Meier konstant ab, auch in einer schwachen Eintracht-Elf.

Selbst internationale Erfahrung kann der 33-Jährige aufweisen: In der Europa League gelangen ihm auf Anhieb sieben Tore und vier Vorlagen. Und das in nur sechs Spielen. Da haben sich aktuelle Nationalspieler in besseren Mannschaften schon schlechter präsentiert. Natürlich ist es nicht das höchste Regal der Fußball-Kunst, in dem Qarabag oder Nikosia stehen. Aber auch die Nationalmannschaft spielt nicht nur gegen Spanien oder Brasilien. Man erinnere sich nur mal an die vielen Spiele gegen „Größen“ wie Georgien oder Gibraltar, bei denen man sich phasenweise gewünscht hätte, dass zwischen den ganzen Edeltechnikern mal einer auftaucht und das Ding in die Maschen drischt.

Genauso jemand ist Alex Meier. Oftmals für 90 Minuten unsichtbar, aber dann dreimal richtig stehen und treffen. Im Strafraum ist der Frankfurter Kapitän eine Waffe. Mit seinen 1,96-Metern auch bei hohen Bällen. Qualitäten, die der Nationalmannschaft zuweilen fehlen. Meier könnte der Zielspieler sein, die Brechstange, die man in der 80. Minute einwechselt, um das Match noch zu drehen. Ein richtiger Stürmer eben. Einer, wie er der Nationalmannschaft seit Klose fehlt. Der war übrigens auch schon 36 Jahre alt, als er Weltmeister wurde.

Eines ist klar: Der Bundestrainer Joachim Löw steht auf technisch starke und spielintelligente Kicker. Der moderne Fußball verlangt solche Spieler. Meier ist das nicht. Er spielt nicht mit, nimmt sich ab und an mal raus, hat auch mal einen rabenschwarzen Tag. Aber wie oft hatten das andere Nationalspieler auch schon? Und Meier steht dann wenigstens richtig. Wenn eine Mannschaft der Welt es sich leisten kann, einen solchen Spieler auch mal mitzuziehen, dann die deutsche Nationalmannschaft.

Viele andere gerechtfertigte Optionen gibt es so oder so nicht. Weder Kruse, noch Volland, noch Götze oder wie sie auch heißen mögen, sind in Form. Natürlich, Mario Gomez bringt seine PS wieder auf den Rasen. Der ist aber auch schon 30 und spielt bloß in der türkischen Liga. Vor der Europameisterschaft sollten alte Ressentiments keine Rolle spielen. Sondern nur Leistung.

Lediglich Thomas Müller spielt wie das blühende Leben. Das soll er bitte auch bei der EM im Sommer. Aber wenn es in der 85. Minute 1:0 für Frankreich steht, dann erinnert sich Jogi Löw vielleicht an eines: Alex Meier hat schon wieder zehn Tore geschossen.

Keine Frage, für die Eintracht ist Alex Meier Gold wert. In einer Mannschaft, die sich eher auf kämpferische Tugenden besinnen muss, statt mit spielerischen Höchstleistungen glänzen zu wollen, passt der Hüne perfekt ins Konzept. Vor allem in seiner Rolle als Mittelstürmer. Gegen Wolfsburg stand Meier nach der Pause dreimal richtig und behielt beim Abschluss den kühlen Kopf. Wohl kaum ein Offensivmann aus der Bundesliga bräuchte für einen Dreierpack so wenige Ballkontakte wie der 33-Jährige.

Doch bei aller Liebe zu Meier: Für eine Berufung ins Weltmeisterteam reicht es aus vielerlei Gründen nicht aus. Das Alter an sich ist dabei kein Kriterium, schließlich gewannen die Deutschen mit dem 36-jährigen Miroslav Klose in der Startelf den Titel in Brasilien. Wer damit aber für eine Berufung Meiers in die Nationalmannschaft argumentiert, sollte bedenken, dass der Lazio-Spieler bis zu diesem Zeitpunkt bereits in über 130 Länderspielen sein Können unter Beweis stellen konnte. Meier hingegen stand nur viermal in U-Teams des DFB auf dem Platz, hat auch im Vereinsfußball kaum Erfahrung auf internationaler Bühne gesammelt.

Aber mal ganz abgesehen davon: Warum sollte Joachim Löw ausgerechnet jetzt auf Meier zurückgreifen? Würde der Bundestrainer weniger als fünf Monate vor dem EM-Auftaktspiel gegen die Ukraine einen absoluten Neuling im DFB-Dress testen, wäre das nicht nur irrational, sondern auch unfair gegenüber Spielern, die sich die Qualifikation für das Turnier in Frankreich hart erkämpft haben. Als Touristen bracht die DFB-Elf Meier jedenfalls nicht. Dann sollten schon eher jüngere Erfahrungen im Nationalteam sammeln.

Zudem passt Meier kaum ins Konzept von Löw. Man braucht schon viel Phantasie, um sich den technisch nur mittelmäßig begabten Spieler als passendes Element im schnellen Kombinationsfußball der Nationalmannschaft vorzustellen. Zumal die Deutschen in den wichtigsten Spielen des Jahres 2015 ohne einen echten Mittelstürmer aufliefen. Selbst Mario Gomez wird es in diesem System extrem schwer haben, sich durchzusetzen. Dass er aber in der Rangliste trotzdem noch vor Meier steht, darf aufgrund seiner Vergangenheit im DFB-Dress nicht verwundern.

Noch weniger Argumente sprechen für einen Platz im offensiven Mittelfeld. Selbst in der Bundesliga half Meier der Eintracht auf dieser Position oft wenig weiter. Wenn es für die Mannschaft nicht lief, konnte er das Spiel nicht an sich reißen, blieb gar über weite Strecken „unsichtbar“. Das Nationalteam braucht dort aber Kicker, die das Spiel kreieren und ständig anspielbereit sind. Meier verkörpert jedoch einen ganz anderen Spielertyp und bringt die nötigen Qualitäten für den Löw-Stil nicht mit. Egal ob als hängende Spitze oder echter Stürmer.

Alex Meier hat sich in seinen zwölf Jahren bei der Eintracht seinen Titel als „Fußballgott“ mit Sicherheit redlich verdient. Die Frankfurter sind auf die Tore seines Idols angewiesen, brauchen Meier in Topform für die Aufgaben in der harten Bundesligarealität. Deshalb muss es im Interesse aller Eintracht-Fans sein, dass er sich einzig und allein darauf konzentriert. Einen Formknick wie bei einigen WM-Helden nach dem Turnier in Brasilien können vielleicht die Bayern wegstecken. Die Eintracht kann sich aber einen schwachen Meier nicht leisten. Deshalb lieber ein Dreier-Meier in der Bundesliga als ein Bankdrücker in Frankreich.

 

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