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Sziedat spielt noch einmal gegen seine Hertha

Die alte Liebe

Für Michael Sziedat ist die Partie am 9. April 1983 etwas Besonderes. Denn schließlich trifft er an diesem 27. Spieltag der Saison 82/83 im Waldstadion mit der Eintracht, für die er mittlerweile seine dritte Saison absolviert, auf Hertha BSC Berlin.

1971 war Sziedat aus der A-Jugend des BFC Preußen zur Hertha gewechselt und hatte sich schnell in der Bundesligamannschaft der „alten Dame“ etabliert. In 262 Bundesligaspielen trat er für die Herthaner an, bevor er 1980 zur Eintracht wechselte. Zweimal stand er mit Hertha im Pokalfinale, in der Bundesliga ist der zweite Platz von 1975 die bis heute beste Platzierung.

Zurück zur Hertha wird sein Weg führen, das ist für den Abwehrspieler klar. „Nächstes Jahr werde ich nach Berlin zurückkehren, wenn ich meine Laufbahn bei der Eintracht beendet habe“, so Sziedat, der beinahe schon im letzten Herbst wieder zur Hertha gegangen wäre: „Das Interesse war beiderseitig, aber nachdem Werner Lorant nach Schalke wechselte, legte Branko Zebec in meinem Fall sein Veto ein.“

Bis dahin aber, auch das ist für den Berliner klar, wird er alles für seinen aktuellen Verein geben – auch wenn es gegen die alte Liebe geht. Dabei könnten die Berliner etwas Zuwendung und die Verlässlichkeit von „Icke“ momentan gut gebrauchen. Denn die Hertha rangiert nach zwei Jahren in der Zweiten Liga als Aufsteiger knapp vor der Abstiegszone auf dem 15. Tabellenplatz. Aber auch beim Tabellenneunten Eintracht, die nach nur fünf Spieltagen und auf Platz 17 liegend den ehemaligen österreichischen Nationaltrainer Helmut Senekowitsch entlassen und Branko Zebec verpflichtet hatte, ist die Abstiegsgefahr noch nicht gänzlich gebannt.

Kein Angstgegner

„Wir brauchen noch drei, vier Punkte, um ganz sicher zu sein“, meint Zebec. Der Fußballlehrer, der weiß, dass Frankfurts letzter Bundesligaheimsieg gegen Berlin fast zehn Jahre zurückliegt, will von Angstgegnern nichts wissen: „Auch wenn jeder davon spricht, Hertha BSC ist kein Angstgegner. Meine Spieler müssen nur nervlich und körperlich stark genug sein. Dann denken sie überhaupt nicht an solche Serien.“

Dann fällt aber doch ein schnelles Tor für die Berliner. Rolf Blau bringt die Hertha nach nur fünf Minuten in Führung. Dabei leistet der Schweizer Schiedsrichter Röthlisberger mit einer Fehlentscheidung die Vorarbeit, weil er nicht den Berliner Bernd Beck, sondern Pezzey als letzten Spieler am Ball sieht und statt auf Abstoß auf Eckball entscheidet. Den tritt Hubert Schmitz, Ole Rasmussen verlängert mit dem Kopf über die Fäuste von Jüriens und Blau köpft mühelos ein.

Doch dieses Mal lässt sich die Eintracht von dem Gegner, der ihr früher Angst und Schrecken eingejagt hat, nicht so einfach aus dem Konzept bringen. Sie attackieren nun früh, und so dauert es nur fünf weitere Minuten, bis Körbel einen Fehlpass von Rasmussen mit dem Kopf direkt zu Cha weiterleitet, der, bedrängt von Gruler, mit dem linken Fuß unhaltbar für Torwart Quasten zum 1:1 ins linke Eck trifft.

Jetzt bestimmt die Eintracht die Partie, kann aber gleichwohl nicht verhindern, dass die Gäste zu guten Konterchancen kommen. Herthas Kapitän Jürgen Mohr, der in der Hinrunde beim Berliner Sieg gegen die Eintracht das einzige Tor erzielte, glänzt dabei mit langen Sprints, klugen Pässen und geschickten Dribblings. Am überragenden Pezzey kommt allerdings auch der gut aufgelegte Berliner Regisseur ein ums andere Mal nicht vorbei.

Die besseren Möglichkeiten hat ohnehin die Eintracht, bei der Sievers auf dem rechten Flügel mit schönen Flanken zu gefallen weiß und Vorstopper Körbel fast öfter vor dem Kasten der Hertha auftaucht als vor dem eigenen. Cha, der viel unterwegs ist, und Nickel haben die Chancen zum Abschluss, doch beide bringen jeweils das Leder nicht an Quasten vorbei. Bis zur 34. Minute. Dann kann Gruler „Jupp“ Kaczor nur mit einem Foul stoppen. Die Gelbe Karte dafür wird Gruler verschmerzen können, nicht aber Nickels Freistoßgeschoss, das der Frankfurter aus über 20 Metern zum 2:1 flach neben den Pfosten schmettert.

Nach dem Wechsel spielen die Gastgeber durch ihr abwartendes Verhalten den Berlinern in die Karten. Der zuvor so zufriedene Anhang der Eintracht wundert sich so lange, bis seine Überraschung in Unmut umschlägt und durch Pfiffe deutlich gemacht wird.

Dieser Unmut und die Pfiffe erfahren eine Steigerung, nachdem die Eintracht nur durch günstige Umstände um den Ausgleich herumkommt. Nach einer knappen Stunde bringt Pezzey Remark im Strafraum zu Fall, doch der Schweizer Schiedsrichter wertet den Sturz des Berliner Stürmers als überflüssige Einlage und lässt das Spiel weiterlaufen. Und als eine Minute danach die Kugel in Jüriens Kasten landet, erkennt Kurt Röthlisberger Blaus Treffer nicht an, weil der Linienrichter zuvor Mohr im Abseits entdeckt hat.

Die Gäste von der Spree haben Oberwasser, weil der Elf von Zebec teilweise die Luft ausgeht. Im Mittelfeld klafft ein Loch, das dadurch entsteht, weil vor allem Martin Trieb, aber auch Sievers und Nickel immer mehr abbauen. Lediglich Sziedat hält dort konditionell mit und durch, kann aber natürlich die Schwäche seiner Nebenleute nicht kompensieren. Nachdem nach einer Flanke von Schneider Killmaiers Kopfball denkbar knapp das Heiligtum der Frankfurter verfehlt hat, ist es erneut Mohr, dem sich in der 77. Minute die größte Ausgleichschance bietet. Dieses Mal jedoch scheitert der Mittelfeldspieler am glänzend parierenden Jüriens. Nickel beweist in der Schlussphase aber dann, dass sein Spielwitz nicht von seiner Kondition abhängig ist. Das ist auch gut so, denn außer ihm verfügt keiner seiner Kollegen über diese Eigenschaft. Sein Steilpass in der 82. Minute auf Gulich wäre einen Treffer wert, doch der für Kaczor eingewechselte Stürmer ist und bleibt so glücklos wie sein Vorgänger, der ebenfalls noch auf sein erstes Pflichtspieltor für die Eintracht wartet. Wie es gemacht wird, zeigt Cha 60 Sekunden später, als er Nickels traumhafte Vorlage zu seinem 14. Saisontor nutzt und den Widerstand der Gäste mit dem 3:1 endgültig bricht.

„Die Eintracht kann sich glücklich schätzen, dass sie einen Cha hat“, ist Hertha-Trainer Georg Gawliczek nach dem Schlusspfiff begeistert.

„Ohne Cha oder einen gleichwertigen Ersatz kämpfen wir auch nächstes Jahr gegen den Abstieg“, vermutet Michael Sziedat und Körbel fragt sich „Was soll nur aus uns werden? Zwei Spieler gibt es in der Bundesliga, die für ihre Clubs unersetzlich sind. Rummenigge beim FC Bayern und Bum-Kun Cha bei uns.“

Epilog

Die Eintracht landet zum Abschluss der Saison auf dem zehnten Tabellenplatz. Mit dem Ende der Saison 1982/83 verlassen neben Cha auch Nickel und Pezzey die Eintracht. Jürgen Mohr, der von der Hertha zur Eintracht wechselt, kann Nickel nicht ersetzen.

Die Hertha holt aus den letzten sieben Spielen nur noch zwei Punkte und beendet die Runde als Tabellenletzter. Die nächste Rückkehr in die Erste Liga gelingt den Berlinern erst 1990, wobei auch dieses Gastspiel nur eine Saison dauert. Michael Sziedat wechselt nach 99 Ligaspielen für die Eintracht wie angekündigt zur Saison 84/85 zur Hertha, für die er noch 18 Zweitligaspiele absolviert, bevor er seine Karriere ausklingen lässt.

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