Unter Beobachtung: Trainer Niko Kovac begutachtet das Engagement von Haris Seferovic (rechts).
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Unter Beobachtung: Trainer Niko Kovac begutachtet das Engagement von Haris Seferovic (rechts).

Eintracht Frankfurt

Das Balkan-Gen soll’s richten

  • VonKlaus Veit
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Beim Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt fiebern alle der Partie gegen Hannover entgegen.

Als Spieler hatte Niko Kovac es gehasst, selbst ein Trainingsspielchen zu verlieren. Und wenn er heute Zeit hat, mit seiner Tochter „Mensch ärgere dich nicht“ zu spielen, dann lässt er Laura nie freiwillig gewinnen. „Das ist das Balkan-Gen“, sagt der in Berlin geborene Kroate und hofft, diese Mentalität im Abstiegskampf auch auf die Profis der Frankfurter Eintracht übertragen zu können: „Der Olympische Gedanke ist zwar schön, aber im Grunde ist der Zweite schon der erste Verlierer.“ Wobei Kovac bei seiner schwierigen Trainer-Aufgabe natürlich schon mit Rang 15, dem ersten sicheren Nichtabstiegsplatz zufrieden wäre.

„Es gibt leider keine Spritze für Siegermentalität“, weiß der 44-Jährige. Und versucht deshalb, diese in Gesprächen sowie mit Videoanalysen den verunsicherten Profis beizubringen.

Haris Seferovic ist zwar Schweizer, aber dank seiner Vorfahren müsste er das Balkan-Gen in seinem Körper haben. Weshalb der Coach auch den Angreifer setzt, obwohl der beim 0:3 in Mönchengladbach alles andere als eine kämpferische Ausstrahlung gezeigt hatte. Besonders in der Video-Nachbetrachtung hatten das der Cheftrainer und sein Bruder Robert bei Seferovic, „aber auch bei zwei, drei anderen“, festgestellt. Vor versammelter Mannschaft wurde deshalb darauf hingewiesen, dass „Abwinken, Stehenbleiben oder Spazieren- gehen“ nicht zum Repertoire im Abstiegskampf gehören dürfen.

Niko Kovac hofft, dass alle am Samstag gegen Schlusslicht Hannover 96 von der ersten Minute an „um jeden Ball und um jeden Zentimeter“ kämpfen werden. Jeder weiß, dass eigentlich nur ein Sieg weiterhilft. „Jeder kennt den Ernst der Lage“, versichert der von seinem Muskelfaserriss genesene Marc Stendera, der glaubt: „Diese drei Punkte werden wir uns holen, auch wenn es ein sehr schweres Spiel werden wird.“ Der Mittelfeldspieler erklärte, dass sich in den vergangenen eineinhalb Wochen einiges im Training verändert habe. Besonderer Unterschied zu Armin Veh sei, „dass keiner weiß, ob er am Wochenende spielt“. Diese Ungewissheit führe dazu, dass doch intensiver trainiert werden.

Damit ist auch Kovac zufrieden: „Ein Kompliment für das Engagement der Spieler. Da zieht jeder mit.“ Erste Erfolge habe dies auch schon in Mönchengladbach gehabt. Gelaufen wurde deutlich mehr, allerdings zu viel quer oder gar nach hinten: „Wir müssen die Gegner unter Druck setzen, müssen sie zu Fehlern zwingen.“ Dies erfordere allerdings, dass man auch mutig den Ballführenden angreift: „Wir wollen den Gegner in Momenten der Unorganisiertheit erwischen.“

Balleroberung, schnelles Umschalten, Abschluss – das sagt sich leichter, als es in die Tat umzusetzen ist: „Das muss man üben.“ Was am Mittwoch im Training so aussah, dass die Mittelfeldspieler den Ball verlieren sollten, um der angreifenden Abteilung Konter zu ermöglichen.

Noch hat sich Niko Kovac nicht auf die Formation für Samstag festgelegt. Doch eines ist klar: Im Zweifelsfall werden bissigere, lauffreudigere Profis den Vorzug erhalten. Ohne Balkan-Gen geht es halt nicht, auch wenn die spielerische Komponente nicht völlig vernachlässigt werden darf: „Nur Beißen und Kratzen reicht auch nicht.“

Der Kroate will dabei nicht alles über den Haufen werfen, was sein Vorgänger praktiziert hat: „Weniger ist manchmal mehr. Wenn wir zu viel Neues einbringen, laufen die Köpfe über.“

Allerdings: Während Armin Veh hauptsächlich aufs Passspiel setzte, fordert Niko Kovac auch das Dribbling, besonders auf den Flügeln. Wenn man sich in Eins-gegen-eins-Situationen durchsetzen könne, sei dies ein gutes Mittel, um die gegnerische Abwehr ins Schwimmen zu bringen.

Doch wer kann das bei der Eintracht? Der Coach sieht derzeit drei aussichtsreiche Kandidaten für die zwei Außenpositionen im 4-2-3-1-System: Stefan Aigner, Sonny Kittel und Änis Ben Hatira, der im Training großen Willen zeigte. Der 27-Jährige hat zwar tunesische Wurzeln, ist aber wie Niko Kovac im Berliner Problemviertel Wedding groß geworden, wo die Jugendlichen unterschiedlicher Nationalitäten miteinander Fußball gespielt haben. Und so hatte Ben Hatira früh Bekanntschaft gemacht mit dem Balkan-Gen.

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