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Der König auf dem Platz und der Joker: Kevin-Prince Boateng (links) und Luka Jovic nach dem Sieg gegen Mönchengladbach Foto: AFP

Eintracht Frankfurt

Auf einmal hat es Klick gemacht

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Aus einer kampfstarken Bundesliga-Truppe ist eine spielstarke Fußballmannschaft geworden: Kein Grund aber für die Eintracht-Spieler, sich selbst zu überschätzen.

Die Euphorie war riesengroß am Freitagabend. Die Frankfurter Eintracht hatte Borussia Mönchengladbach 2:0 (1:0) geschlagen, endlich ein Heimspiel gewonnen, erst das dritte in dieser Saison, und war bis auf Platz zwei in der Tabelle vorgestoßen. Nur für eine Nacht, aber schon dies sorgte für Begeisterung. Da wussten die Fans noch nicht, dass die Eintracht den 20. Spieltag tatsächlich auf einem Champions-League-Platz beenden würde. Hinterher haben die Verantwortlichen für den Höhenflug, Vorstand wie Trainer und Spieler, versucht, den Spagat zwischen Stolz und Realismus, mit Selbstbewusstsein ohne Selbstüberschätzung, irgendwie hinzukriegen. Herausgekommen sind eine paar Mahnungen, aber auch die eine oder andere Kampfansage an die Konkurrenz. „Wir brauchen uns nicht klein zu machen“, sagte Sportvorstand Fredi Bobic, „die Mannschaft hat sich diese Momentaufnahme verdient“. Der Anführer auf dem Platz, Kevin-Prince Boateng kündigte an, „dass noch viel mehr kommen wird“.

Das eigene Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, aber jeden auch noch so leichten Anflug von Zufriedenheit vermeiden, das ist den Frankfurtern gelungen. Auf dem Platz mit unbändigem Einsatz sowieso, aber auch hinterher bei den ehrlichen Aussagen. Keiner verkannte, dass auch Glück im Spiel war wie bei der gelben Karte für Ante Rebic, die leicht auch „Rot“ hätte sein können oder beim Elfmeter, den Thorgan Hazard an die Latte knallte. Aber auch auf die eigenen Stärken wurde hingewiesen. Das Spiel ist viel ansehnlicher geworden. Was zum einen an der Rückkehr von Omar Mascarell liegt, der das Spiel im defensiven Mittelfeld lenkt. „Er weiß, was um ihn herum passiert“, sagte Trainer Niko Kovac, „er orientiert sich schon vorher und erkauft sich damit Zeit“. Und vor allem: Mascarell und Boateng passen zusammen. Was der Spanier in der Defensive initiiert, setzt Boateng in der Offensive fort. Der „Prinz“ war gegen Gladbach wieder einmal der König auf dem Platz. Er hat das 1:0 erzielt, wie schon im Hinspiel, er setzte Akzente mit tollen Pässen, mit überraschenden Ideen und auch mal mit rustikalem Einsatz. So ein Profi hat dem Team gefehlt. Boateng habe spielerische Qualitäten, „die es so in der Bundesliga nicht so oft gibt“, stellte der Trainer fest, „er gibt der Mannschaft Stabilität und Mentalität“. Und, Kovacs nächstes Lob ist fast schon eine Drohung an die Konkurrenz: „Er kann noch besser werden, er ist noch nicht angekommen, wo er hinkommen kann.“

Der 30 Jahre alte Boateng nimmt all das mit der Souveränität des fortgeschrittenen Profialters gelassen. „Es stimmt im Team, es funktioniert, alle fighten, es macht Riesenspaß“, fasste er zusammen. Boateng hat sich bislang als Star ohne Allüren präsentiert. Auch ohne Kapitänsbinde ist er der Anführer. „Er kann auch mal Spieler an die Seite nehmen, die Arbeit des Trainers machen“, sagte Kovac, „es ist sehr hilfreich, wenn ein Spieler auch der verlängerte Arm des Trainers ist.“ Da haben sich zwei gesucht und gefunden, die ehemaligen Spielerkollegen aus Berlin, Boateng und Kovac.

Die neue Spielfreude und Spielstärke ist also vor allem auf die Qualität einzelner Profis zurückzuführen, in deren Sog die anderen sich stetig steigern. Aber auch auf die harte Arbeit. Das Trainingslager in Spanien in der ersten Januarwoche war ebenso kurz wie knackig. Und erfolgreich. Das Ziel, die spielerischen Möglichkeiten zu vergrößern, wurde erreicht. „Wir haben sehr gut gearbeitet“, sagt Kovac, „es gibt dann den Moment, da macht es Klick. Das war in Spanien so“. Und auf einmal läuft der Ball besser, flüssiger. Es werden mehr Lösungen angeboten und genutzt. Aus der kampfstarken Truppe der Vorrunde, die sich vor allem als „ekliger Gegner“ einen Namen machte, hat sich eine spielstarke Mannschaft entwickelt. Noch nicht am Limit, aber auf einem guten Weg. Einen besonderen Druck verspüre sie dabei angeblich nicht. „Druck haben andere Mannschaften, die viel mehr investiert haben“, baut Kovac vor, „wir müssen in erster Linie konzentriert weiter arbeiten“. Nur ein wenig nachlassen, das weiß der Frankfurter Trainer aus eigener leidvoller Erfahrung aus der letzten Rückrunde, kann böse Folgen haben. Klare Ansagen sind auch vom Chef gekommen. „Genießt den one-night-stand, macht ein Foto von der Tabelle, hängt es auch an die Wand“, riet Fredi Bobic den Spielern, „ihr könnt die Latte so hoch legen, wie ihr wollt, aber ihr müsst das in jeder verdammten Woche neu beweisen“.

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