Im Gespräch mit Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing: Eintracht-Finanzvorstand Frankenbach (re.).
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Im Gespräch mit Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing: Eintracht-Finanzvorstand Frankenbach (re.).

Eintracht Frankfurt

Eintracht Finanzvorstand im Interview: TV-Ranking? Nicht wie geplant!

Seit September 2015 ist Oliver Frankenbach Finanzvorstand bei Eintracht Frankfurt. Im zweiten Teil unseres Interviews spricht der 48-jährige Familienvater aus Limburg mit Klaus Veit und Markus Katzenbach darüber, warum es besser sein kann, ein Stadion zu betreiben als es zu besitzen, was er sich von einem strategischen Partner wünschen würde – und warum er es für keine gute Entwicklung hielte, wenn einfach das Füllhorn über die Eintracht ausgeschüttet würde.

Sportdirektor Bruno Hübner kennen Sie schon länger, den neuen Sportvorstand Fredi Bobic noch nicht so lange. Wie ist da die Zusammenarbeit? Kommen viele Forderungen auf Sie zu?

OLIVER FRANKENBACH: Mit Bruno Hübner hat es immer gut funktioniert. Wir haben das Budget für die Saison zusammen festgelegt, und er hatte da immer Verständnis. Mein erster Eindruck von Fredi Bobic ist genau der Gleiche. Er weiß, dass wir keine großen Sprünge machen können, in welchem Rahmen wir uns bewegen und arbeitet ganz auf dieser Linie mit. Sicher fordert er auch dazu auf, darüber nachzudenken, wie wir manches möglich machen können. Aber das betrifft eher langfristige Perspektiven als kurzfristig die nächste Saison. Wir haben am Anfang das Gesamtgerüst besprochen, und er kommt mindestens ein, zwei Mal die Woche bei mir im Büro vorbei und sagt: Das haben wir vor, wie können wir das umsetzen? Da findet ein ständiger Austausch statt.

Ist die Planung schwieriger geworden dadurch, dass Verträge nichts mehr wert sind?

Eigentlich nicht. Man plant eigentlich immer erst mal den Fall, dass alle Spieler bleiben und ein entsprechendes Grundgehalt fordern. Dahinter steckt auch eine Erste-Elf-Planung. Dass einen ein Spieler früher verlässt, plant man nicht. Das hat möglicherweise einen ökonomischen Vorteil, bringt einem nur nichts, wenn man keinen Schattenkader dahinter hat. Ich gehe davon aus, dass die sportliche Leitung so arbeitet, dass sie, wenn uns ein Spieler verlässt, Optionen hat, die man sofort angehen kann. Das ist vielleicht nicht auf der finanziellen, aber auf der sportlichen Seite noch schwieriger geworden: Dass man noch stärker den Markt beobachten muss, um auf solche Vorgänge reagieren zu können.

Wie haben Sie diesen Abstiegskampf miterlebt, der ähnlich dramatisch war wie 1998/1999: als Eintracht-Fan, der Sie von kleinauf sind, oder als Finanzchef, der in der Verantwortung steht?

Erst einmal war der Abstiegskampf für mich nervenaufreibender als 1999. Damals war ich erst ein Jahr dabei, als normaler Mitarbeiter, da macht man sich nicht so einen Kopf. Ansonsten war das physisch und psychisch schon sehr anstrengend, die letzten Wochen und Monate. Das erlebt man schon emotional. Man sitzt auf der Tribüne und kann nichts tun. Aber trotzdem haben wir im gesamten Team immer die positive Eigenschaft gehabt zu sagen: Wir schaffen das. Das hat Niko Kovac auch vorbildlich vorgelebt. Der Funke hat sich auf die Mannschaft und das gesamte Umfeld übertragen, so dass wir in der Lage waren, das anscheinend Unmögliche möglich zu machen.

Bis zum Rückspiel in Nürnberg musste gezittert werden. Wie schnell ging es danach, den Schalter umzulegen und die Zukunft zu planen?

Relativ schnell. Die Planungen haben wir sowieso zweigleisig für das Lizenzierungsverfahren gemacht, das war also alles abgearbeitet. Eines habe ich auch gelernt: Im Fußball gibt es keinen Tag zum Innehalten. Es geht sofort weiter.

Haben Sie am nächsten Tag nach der dramatischen Rettung und der nächtlichen Rückfahrt aus Nürnberg auch gleich wieder im Büro gesessen und gerechnet?

Gerechnet habe ich nicht, ich wusste ja schon, was auf mich zukommt. Aber ich war an dem Tag im Büro vielleicht die Notbesetzung des Vorstands (lacht) . Nach so einem Spiel und so einer Nacht ist man so aufgewühlt, da schläft man ohnehin nicht. Da kann man auch aufstehen und ins Büro gehen.

Wie schwer wiegt es, dass so lange keine Planungssicherheit bestand?

Das hemmt einen natürlich, weil alles still steht. Es gibt auch Themen, die uns diese negative Saison mit in die neue gibt. Wir hatten eigentlich geplant, im TV-Ranking ein paar Plätze gut zu machen. Das haben wir nicht, das belastet unser ursprünglich geplantes sportliches Budget. Deswegen haben wir begrenzte Mittel. Wir wollten Zehnter werden, sind aber Zwölfter geblieben. Und Preiserhöhungen etwa lassen sich nach so einer Saison auch nicht umsetzen.

Wie ist es mit Dauerkarten? Eine schöne Sache, aber sie schränken einen bei den Tageskarten auch ein.

Da gibt es zwei Seiten. Man muss Dauerkarten begrenzen, weil sonst der Durchschnittspreis sinkt. Aber der wichtigere Grund für die Begrenzung ist für uns eine höhere Durchlässigkeit. Dass auch immer andere Zuschauer mal in der Lage sind, ein Spiel zu besuchen, Familien oder andere, die keine Dauerkarte haben. Die Erhöhung jetzt um 1000 auf 27 000 lag einfach an der großen Nachfrage. Man kann das schrittweise sicher auch noch etwas erhöhen, aber mehr als 30 000 sollten es nicht sein, um Fluktuation zu gewährleisten.

Oder man baut das Stadion aus.

Wir haben ja auch jetzt nicht immer eine volle Auslastung, mit 47 000 Zuschauern im Schnitt. Wenn ich die Spiele gegen Bayern, Gladbach oder Schalke mal weglasse, haben wir auch Spiele mit nur 40 000. Da muss man sich fragen, ob ein Ausbau sinnvoll ist, und wenn ja, in welchem Bereich. Vielleicht in einem Tribünenteil, wo die Preiselastizität nicht so hoch ist, im niedrigpreisigen Bereich.

Wie reizvoll ist es, da bei den günstigen Zinsen alle Welt baut, sich selbst ein ganzes eigenes Stadion zu bauen, wie es andere Bundesligisten haben?

Der Stadionbesitz muss nicht unbedingt ein Thema sein für einen Fußball-Bundesligisten. Das hört sich alles schön an. Aber Besitz kostet auch Geld. Man hat relativ hohe Instandhaltungskosten. In den ersten vier, fünf Jahren ist im neuen Stadion sicher alles toll. Aber nach 15 Jahren sind Investitionen nötig, um ein Stadion auf vernünftigem Niveau zu halten – etwa bei Themen wie Digitalisierung und Internationalisierung.

Also lieber betreiben als besitzen?

Im ersten Schritt lieber betreiben als besitzen. Im zweiten Schritt kann man sich Gedanken machen, ob Besitz auch Vorteile bringt. Aber der erste Weg sollte auf jeden Fall betreiben sein.

Was die finanziellen Möglichkeiten betrifft: Was wünscht sich der Finanzchef für die neue Saison?

Die letzte Saison sind wir relativ offensiv angegangen. Wir haben gesagt, dass es mit dem relativ hohen Etat, den wir zur Verfügung gestellt haben, möglich sein muss, sich in der oberen Tabellenhälfte zu etablieren, vielleicht auf Platz sieben zu schielen. Das hat nicht funktioniert. Deshalb sollten wir die Sache jetzt etwas ruhiger angehen. Es wäre natürlich gut, wenn wir früh mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Es ist jetzt aber noch schwer einzuschätzen, was möglich ist.

Und was ist in der TV-Tabelle drin?

Wir haben weiterhin Chancen zu klettern, die Tabellenregion neun kann man schaffen. Hertha, Bremen oder Hoffenheim sind nicht so weit entfernt. Aber die schlechte Saison hat auch dazu geführt, dass wir nach unten kein Polster mehr haben. Der Hamburger SV rückt wieder näher, das muss man im Auge behalten.

Ein Sieg in Bremen am 34. Spieltag statt des späten 0:1 hätte vieles leichter gemacht …

Wir hätten dann nicht nur nicht die zwei Relegationsspiele noch spielen müssen, sondern wären im TV-Ranking wahrscheinlich auf Platz neun gelandet. Bei rund 1,2 bis 1,3 Millionen pro Platz wären das gut 3,6 Millionen Euro mehr gewesen, ein paar Abgaben an die DFL gehen noch weg. Da sieht man, was ein Spiel ausmachen kann. Zur neuen Saison wird es mit dem neuen TV-Vertrag noch mehr werden, in Richtung 1,7 bis 1,8 Millionen Euro pro Platz. Deshalb ist es auch da wichtig, sich eine gute Ausgangslage zu verschaffen – unabhängig von neuen Umverteilungsideen, die wir ja auch unterstützen. Da werden wir in den nächsten Wochen und Monaten sehen, was herauskommt.

Ist denn bei der Relegation etwas hängen geblieben?

Nach Abzug der Spielbetriebskosten nicht wirklich. Die Dauerkarten hatten das Spiel inkludiert, die Fernsehgelder waren vorher eingepreist und werden auf alle verteilt.

Würden Sie sich nicht auch manchmal wünschen, wie der HSV einen spendablen Milliardär Kühne zu haben? Oder ist das eher ein Schreckensszenario für einen Finanzvorstand?

Meine persönliche Meinung ist, dass es einem Fußballclub auf Dauer nicht wirklich weiterhilft. Man steht in relativ hoher Abhängigkeit dieses Gönners, der über seine Anteile Geschäftspolitik mitgestaltet. Ich würde mir eher wünschen, wenn es einen Investor gebe, dass er mit seiner Beteiligung bei der Eintracht eine gewisse Strategie verfolgt. Dass er sagt: Ich möchte mit der Eintracht gemeinsam wachsen und die Eintracht nutzen, meine Unternehmensziele zu erweitern. Ein strategischer Partner, wie es Adidas beim FC Bayern ist: Zu den Anteilen haben sie einen lukrativen Vermarktungsvertrag und die Chance, Absatzmärkte zu erschließen. Das ist ein Modell, das für den Fußball viel attraktiver ist als ein einzelner privater Investor. Der macht das möglicherweise als Herzensangelegenheit, aber mir fehlt da die Strategie.

Aber die Eintracht ist nicht der FC Bayern.

Nein, aber das muss ja auch nicht so hochtrabend sein wie Allianz oder Audi. Es gibt vielleicht auch im regionalen Umfeld Unternehmen, die so eine Strategie mit der Eintracht verfolgen könnten. Oder einen ausländischen Partner, den wir jetzt noch nicht kennen.

Ist denn international irgendetwas in Sicht?

Man kommt der Sache von Jahr zu Jahr näher. Es gibt immer mal Gespräche, dann entscheidend man sich wieder für nationale Geschichten. Aber ich glaube schon, dass auch unsere Auslandsengagements wie die Trainingslager in Abu Dhabi uns jedes Jahr ein Stück weiter dahin führen, dass es irgendwann zu so einem lukrativen Abschluss kommen kann. Da helfen uns auch die internationalen Aktivitäten der Bundesliga an sich. Die Bundesliga muss als Marke auch noch stärker werden, um ein Engagement mit einem Club zu vertreten, der unterhalb der großen Vier steht.

Heribert Bruchhagen war ein Zementierer. Nach seinem Abgang trauen wir uns jetzt mal zu fragen: Was muss passieren, damit Eintracht Frankfurt eine Chance hat, 2031 Deutscher Meister zu werden?

Heribert Bruchhagen als Zementierer? Das habe ich nicht wirklich so empfunden. Ich glaube, dass er immer versucht hat, der Öffentlichkeit den Fußball zu erklären, wie er heute funktioniert. Auch mit überspitzten Aussagen, um die Fans auf den Boden der Tatsachen zurück zu holen und zu sagen: Wir können nie mehr Meister werden. Ich würde mich der Aussage nicht ganz anschließen wollen. 2031 Deutscher Meister zu werden ist für mich aber auch so weit weg wie der Mars von der Erde. Ich halte das für absolut unrealistisch. Aber wenn man nach England schaut: Die schließen den größten Vermarktungsvertrag überhaupt ab, und im Jahr danach wird ein Club Meister, der vorher fast abgestiegen wäre. Im Fußball ist alles möglich, aber die realistischen Chancen darauf sind sehr gering. Ich glaube auch nicht, dass man jetzt eine Strategie entwickeln kann als Eintracht Frankfurt, mit dem Ziel, 2031 Deutscher Meister zu werden. Da müsste man irgendjemand haben, der uns jedes Jahr 500 Millionen Euro gibt. Und dann frage ich mich: Will man das? Wenn es nur noch über riesige Zuschüsse von außen möglich ist, den Fußball zu dominieren, geht für mich der Fußball an sich verloren, an dem wir alle unseren Spaß haben. Einfach nur das Füllhorn auszuschütten, um den Club in irgendeine Richtung zu bewegen, hielte ich für keine gute Entwicklung für Eintracht Frankfurt.

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