+
Frankfurts Sebastien Haller (r) spielt den Ball an Limassols Dylan Ouedraogo vorbei.

Eintracht Frankfurt

Stolz im Etappenziel: Die Adler reiten auf der Erfolgswelle

Was vor dem Saisonstart so niemand geglaubt hatte, ist mittlerweile Realität: Die Eintracht kann Europa. „Beeindruckend“, lobt Sportdirektor Bruno Hübner.

Als Sébastien Haller nach vollendetem Tagwerk in die Kabine laufen wollte, hat ihn einer nach Baku gefragt. „Baku?“, fragte der Frankfurter Mittelstürmer zurück, Baku, was ist mit Baku? Der Mann, der auch beim 3:2 (1:0)-Erfolg auf Zypern gegen Apollon Limassol getroffen hatte und damit im 16. Pflichtspiel bereits neunmal, wusste an diesem lauen Abend offenbar nicht, dass in der Hauptstadt Aserbaidschans das Finale der Europa League ausgetragen wird, irgendwann im Mai nächsten Jahres.

Vielleicht hat er den Fragesteller auch nur auf den Arm nehmen wollen, die Stimmung im Team ist nach dem vierten Sieg im vierten internationalen Spiel verständlicherweise gelöst. Wer hätte nach der Auslosung Ende August schon gedacht, dass ausgerechnet Eintracht Frankfurt in dieser schwierigen Gruppe bereits nach 360 Minuten im Sechzehntelfinale steht – noch dazu mit einer blütenreinen Weste. „Hut ab“, kommentierte dies Torwart Kevin Trapp, „niemand hat geglaubt, dass wir das schaffen.“ Die Eintracht surft weiterhin auf einer Erfolgswelle.

Der Erfolg auf Zypern unter den Augen von DFB-Präsident Reinhard Grindel war der siebte Sieg im achten Spiel, lediglich gegen den 1. FC Nürnberg gab es ein Remis, 22 von 24 möglichen Zählern hat der hessische Bundesligist wettbewerbsübergreifend errungen. „Das ist beeindruckend“, lobte auch Sportdirektor Bruno Hübner diesen Frankfurter Flow, der natürlich eng verknüpft ist mit den Gala-Auftritten in der Europa League. Unstrittig nämlich ist, dass das unerwartete 2:1 im Geisterspiel bei Olympique Marseille der Schlüsselmoment gewesen ist. In einem Spiel ohne Zuschauer gegen eine stärker eingeschätzte Mannschaft in Unterzahl zu gewinnen, hat dem Team „einen Schub“ gegeben, wie Trainer Adi Hütter sagte, den „wir seit zwei Monaten spüren“.

Nach Marseille hat Eintracht Frankfurt nur noch einmal verloren, 1:3 bei Borussia Mönchengladbach. Vergessen ist mittlerweile der Stolperstart mit den Schlappen im Supercup und Pokal. „Wir sind auf einem richtig guten Weg“, so Hübner. Da steht jetzt eine andere Mannschaft auf dem Rasen als zu Saisonbeginn, eine Mannschaft, die sich gefunden hat, die zusammenhält und auch Fährnisse und Widrigkeiten angeht.

Mentalität und Charakterstärke sind die Pfunde, mit denen das Team wuchern kann und natürlich auch mit seiner fast schon gnadenlosen Effizienz. Auch in Nikosia nutzten die Frankfurter ihre Möglichkeiten optimal, Luka Jovic traf mit seinem ersten Torschuss zur beruhigenden Führung, Sébastien Haller und Mijat Gacinovic machten nach der Pause bald alles klar. Am Ende und nach dem Platzverweis von Marc Stendera (81.) bedeuteten die zwei Gegentore allenfalls Schönheitsfehler, selbst mit einem Unentschieden wäre die Eintracht für die K.o.-Runde qualifiziert gewesen.

Uefa-Ermittlungen

Dennoch vergaß Rechtsverteidiger Danny da Costa, der vor allem in der ersten Hälfte immer wieder mit tumben Affenlauten bedacht wurde, weshalb die Uefa auch Ermittlungen aufnehmen wird, nicht zu erwähnen, dass „wir nicht immer alles unter Kontrolle hatten“. Klar ist auch: Nun will die Eintracht als Gruppenerster durchs Ziel gehen, wahrscheinlich findet das Endspiel um den Gruppensieg am 13. Dezember in Rom statt, sollten Lazio (gegen Limassol) und die Eintracht (zu Hause gegen Marseille) ihre Spiele gewinnen, könnten sich die Hessen in der italienischen Hauptstadt sogar eine 0:2- oder 1:3-Niederlage leisten. In der Europa League zählt bei Punktgleichheit der direkte Vergleich, das Hinspiel hatte die Eintracht ja 4:1 für sich entschieden.

Adi Hütter, der so angenehm unaufgeregt daherkommende Trainer, hat mit dem Erreichen der K.o.-Runde eine erste Duftmarke gesetzt. Ein erstes Etappenziel habe er erreicht, sagte er in Nikosia, „das macht mich stolz, das bedeutet mir sehr viel“. Und es sei keine Selbstverständlichkeit, dass „einer, der in ein neues Land kommt“, gleich derartige Erlebnisse in der Europa League genießen dürfe. „Ich habe das Gefühl, dass ich mehr und mehr in Frankfurt ankomme und mich die Fans schätzen.“ Hütter ist am Donnerstagabend auch erstmals zu den 4500 mitgereisten Anhängern in die Kurve gegangen und hat sich bedankt. Er gehe sonst selten vor den Fan-Block, doch jetzt „hat es gepasst“.

Aber auch Adi Hütter richtete noch auf Zypern den Fokus auf die nächste Bundesligapartie gegen den FC Schalke 04 am morgigen Sonntag (18 Uhr) im heimischen Stadion, „eine Mannschaft, die im Kommen ist“. Es ist das sechste Spiel seit der letzten Länderspielpause, keines habe man verloren, und „wir wollen das Ganze mit einem Sieg abrunden“, gab Trapp die Parole aus. Es wird nochmals ein Kraftakt werden, der Substanzverlust ist zu spüren, findet Dauerläufer Fernandes: „Wir sind nicht so frisch wie vor zehn Tagen.“ Auch Hütter glaubt, dass Schalke durch die längere Pause einen Vorteil habe, aber er verspricht: „Wir werden alle Kräfte mobilisieren, wir können physisch eine Top-Leistung bringen.“

Thomas Kilchenstein

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare