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Frankfurts Torschütze Sebastien Haller jubelt über das Tor zum 3:0.

Eintracht Frankfurt

Liebe SGE, wo sind die Grenzen?

Der Höhenflug der Eintracht ist hart erarbeitet. In aller Munde ist natürlich die wie geölt laufende Tormaschine. Mit ungehemmter Angriffswut und solider Defensivarbeit surft das Team weiter auf der Erfolgswelle.

Ein paar Minuten nach Spielschluss hat der Frankfurter Rechtsverteidiger Danny da Costa aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Noch dampfend im Trikot hat er im Interview mit dem „hr“ über den großen Abstand von sieben Punkten zu Tabellenführer Dortmund geklagt und davon gesprochen, „schnell aus diesem Tief“ herauskommen zu müssen, glücklicherweise stehe die Länderspielpause an, da könnten die Menschen endlich „guten Fußball sehen“. Außerdem sei ihm schon seit langem keine Torbeteiligung mehr gelungen, das alles sei „echt peinlich“, er schäme sich gar für das, was die Eintracht da anbietet.

Medienecho

Das hat Danny da Costa natürlich nicht ernst gemeint. Der 25-Jährige ist selten um einen lockeren Spruch verlegen, hat den Schalk ganz gerne im Nacken. Auf Zypern hat er sich nach dem Spiel gegen Limassol etwa in bester Klaus-Augenthaler-Manier selbst Fragen gestellt und beantwortet, auch das sehr ulkig. Jetzt also das nächste Witzinterview. Das allein zeigt, wie gelöst die Stimmung bei Eintracht Frankfurt ist, die Spieler nehmen sich selbst auf die Schippe, sind locker drauf. Das darf man nach neun Pflichtspielen ohne Niederlage und acht Siegen schon mal sein, zumal trotz aller Leichtigkeit die Ernsthaftigkeit nicht verloren gegangen ist. Große Töne spuckt niemand. „Wir bleiben bescheiden“, sagt da Costa, ganz ernsthaft. Ohnehin wird allenthalben der besondere Spirit, der spezielle Geist dieser Mannschaft hervorgehoben.

Und doch reibt man sich nicht nur in Frankfurt die Augen über diesen Höhenflug der Eintracht, der ja nicht von ungefähr kommt, sondern hart erarbeitet ist. In aller Munde ist natürlich die wie geölt laufende Frankfurter Tormaschine. 26 Tore nach elf Spieltagen, zweitbeste Bilanz aller 18 Bundesligisten, sind eine Wucht; 26 Treffer hatte die Eintracht in der vergangenen Runde nach 21 Spieltagen erzielt, am Ende der vergangenen Runde hatten die beiden Stürmer Sébastien Haller neun und Luka Jovic acht Tore. Jetzt hat Jovic bereits neunmal getroffen und Haller achtmal. Auch die Tordifferenz von plus 13 ist die einer Spitzenmannschaft. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Wo sind die Grenzen für dieses entfesselte und so zauberhaft aufspielende Ensemble?

Diese unglaubliche Offensivpower, zu der noch Ante Rebic entscheidend beiträgt, ist das Pfund, mit dem die Hessen wuchern. Dieser attraktive Fußball, den der Sturm, der gut und gerne 100 Millionen wert ist, möglich macht, ist genau das, was Trainer Adi Hütter spielen lassen will, das ist sein Stil. Er wolle bei seinen Mannschaften stets „eine Handschrift“ erkennen, hat er gesagt. Hütter ist ein Coach, der mutig ist, er kann seine Mannschaft sehr genau einschätzen, spürt, wie gut seine Spieler drauf oder ob sie mal müde sind. Er irrt sich selten. Vor dem Schalke-Spiel stellte er demonstrativ Selbstvertrauen zur Schau, sprach offen darüber, dass sich das Team oben festbeißen will. Er macht die Eintracht nicht kleiner als sie ist, er lässt seine Jungs einfach von der Leine – und die sind kaum einzufangen.

Die Frankfurter Wucht erdrückt den Gegner förmlich, nimmt ihm die Luft zum Atmen. Hütter hat sein Team gnadenlos offensiv ausgerichtet, es spielt auch nach einer klaren Führung weiter nach vorne. Und er gibt seinen Spielern mehr Freiheiten, zwängt sie nicht in ein enges Korsett. Vielleicht sind Profis wie Haller, Jovic, Rebic, um die auffälligsten Protagonisten zu nennen, auch deshalb deutlich besser als im vergangenen Jahr. Hütter traut sich was, bei Vorgänger Niko Kovac wäre es undenkbar gewesen, dass das Dreigestirn zusammen auf die Pirsch geht – flankiert von solch offensiven Flügeln.

„Unter Niko Kovac haben wir eine andere Philosophie vertreten. Er ist ein harter Arbeiter, da sind wir viel gelaufen“, sagt Jonathan de Guzman. „Jetzt laufen wir auch viel, aber wir verteidigen höher und mehr nach vorne. Wir warten nicht ab.“ Stattdessen nimmt die Eintracht das Heft des Handelns in die Hand, stresst den Gegner, zuweilen attackieren und jagen sie den Kontrahenten mit sechs Mann tief in dessen Hälfte.

Der österreichische Coach hat es – nach nicht gerade kleinen Anfangsproblemen – zudem geschafft, dass die Balance zwischen ungehemmter Angriffswut und solider Defensivarbeit stimmt. Die Eintracht verfügt mittlerweile über eine sehr stabile Abwehr, in den letzten fünf Bundesliga-Begegnungen kassierte sie nur drei Gegentore. Das liegt daran, dass zum einen das Aufbauspiel des Gegners extrem früh unterbunden wird, zum anderen, dass jeder Spieler auch die schweren Schritte zurück macht – gerade die offensiv ausgerichteten Außenverteidiger da Costa und Filip Kostic, eine der Entdeckungen auf links, bekommen ihre Seite zügig dicht, sie haben ein Gespür dafür, wann sie marschieren können und wann Gefahr in Verzug ist. Abgerundet wird das perfekte Ganze von Makoto Hasebe, der in der Form seines Lebens ist, seit Wochen das Gebilde zusammenhält und strategisch in die richtigen Bahnen lenkt. Eine Augenweide, der alte Hase.

Und weil die Elf im Kollektiv funktioniert, fällt es nicht weiter ins Gewicht, dass man auf ein spielgestalterisches Element im Mittelfeld verzichtet. De Guzman ist ein passsicherer, kluger Spieler, aber kein Regisseur, Gelson Fernandes ein läuferisch bärenstarker Bälleklauer, aber einen Preis für besondere Kreativität wird er nicht gewinnen. Und Mijat Gacinovic schwankt in seinen Leistungen gar sehr. Im Zusammenspiel aller Kräfte aber entfaltet Eintracht Frankfurt 2018 diese unerwartete Stärke und Energie.

Ein bisschen wirkt die Eintracht wie ein langsam erwachender Riese. Es schlummern eine Menge Kräfte in ihr, das hat sich zum Teil schon in der vergangenen Saison angedeutet. Doch damals ist die Mannschaft in der zweiten Hälfte körperlich und mental eingebrochen. Das lag auch an Ex-Coach Kovac, der seine Mannen kompromisslos auspresste. Hütter dosiert deutlich besser, gibt immer wieder mal frei, verfügt über gutes Fingerspitzengefühl. Bislang deutet nichts darauf hin, dass das Team – trotz Mehrfachbelastung – auf der Felge gehen wird. Und auf einer Erfolgswelle surft es sich sowieso sehr viel leichter.

Thomas Klichenstein und Ingo Durstewitz

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