+
Ein Wimmelbild, das noch nachwirkt: Der Polizeieinsatz im Stadion sorgt für Diskussionen.

Eintracht Frankfurt

Fanexperte über Ursachen und Wirkungen des Polizeieinsatzes im Frankfurter Stadion

  • schließen

In der Fanszene kennt sich Michael Gabriel als Leiter der bundesweiten Koordinationsstelle Fanprojekte bestens aus. Im Interview mit unserem Redakteur Markus Katzenbach wertet er den umstrittenen Polizeieinsatz vor dem Europa-League-Spiel bei Eintracht Frankfurt als besorgniserregend.

Der Polizeieinsatz gegen Eintracht-Fans vor dem Europa-League-Spiel am Donnerstag hat Proteste in etlichen deutschen Stadien hervorgerufen. Warum schlägt der Frankfurter Fall bundesweit so hohe Wellen in den Fankurven?

MICHAEL GABRIEL: Weil er aus der Perspektive der Fußballfans als symptomatisch empfunden wird für den Umgang der Polizei mit ihnen, in dem sie ausschließlich als Sicherheitsrisiko wahrgenommen werden. Die Fankultur ist die größte Jugendkultur in Deutschland. Wenn so viele junge Bürger ein so negatives Bild der Polizei haben, sollte das ein Warnzeichen sein. Nicht nur für die Polizei, auch für die Politik.

Gab es vergleichbare Vorfälle?

GABRIEL: Ja, die gibt es. Vor allem der Polizeieinsatz in Dortmund beim Spiel gegen Hertha BSC, wo die Polizei ebenfalls ein Transparent beschlagnahmen wollte, ist vergleichbar auf zwei Ebenen. Zum einen muss der Einsatzleitung klar gewesen sein, was für ein Eskalationspotenzial dadurch entsteht. Zum anderen sind in Frankfurt wie damals in Dortmund die Absprachen mit den Vereinen, die ja die Hausherren in den Stadien sind, einfach übergangen worden. Das ist besorgniserregend. Aus unseren bundesweiten Erkenntnissen kann ich auch sagen, dass es absolut unüblich ist. Das erschüttert und belastet die Zusammenarbeit an den Standorten massiv.

Zum Thema:  Eintracht Frankfurt gibt Stellungnahme zu Durchsuchungen ab: "Kommt einem Eklat gleich"

Innenminister Peter Beuth hat den Einsatz in Frankfurt gerechtfertigt mit einem Interview von Eintracht-Präsident Peter Fischer: Das Stadion müsse brennen, hieß es da unter anderem, ehe es noch ein bisschen missverständlicher wurde.

GABRIEL: Das Interview war sicher irritierend, da kann ich die Polizei und den Innenminister verstehen. Aber das hätte der Anlass sein müssen, in einen Dialog mit Eintracht Frankfurt zu treten und zu hören, wie Eintracht Frankfurt das einschätzt. Die Verantwortlichen haben ja noch am Donnerstagmorgen klargemacht, was Fischer eigentlich meinte. Und alle Kenner der Fan-Kultur haben genau gewusst, dass der Schluss, daraus eine erhöhte Gefahr von Pyrotechnik bei diesem Spiel abzuleiten, unsinnig ist. Die Eintracht steht auf europäischer Ebene unter Bewährung. Weitere Vorfälle dieser Art hätten einen Zuschauerausschluss für das Auswärtsspiel im Achtelfinale bedeuten können. Das war allen bewusst, das wollte keiner.

Kann man als Präsident eines Bundesligisten denn so auftreten?

GABRIEL: Ich glaube, dass Peter Fischer und alle bei der Eintracht wissen, dass die Wortwahl ungeeignet war. Nichtsdestotrotz wissen alle auch, dass er ein emotionaler Mensch ist, dessen Volksnähe dazu beitragen hat, dass Eintracht Frankfurt so reüssiert, mit über 60 000 Mitgliedern. Er wirkt im Verein sehr zusammenführend, das ist ein großer Wert.

Bei der Polizei gibt es doch szenekundige Beamte, die die Lage ähnlich eingeschätzt haben müssen. Weshalb kam es trotzdem zu dem massiven Einsatz?

GABRIEL: Das ist eine zentrale Frage. Denn so entsteht der Eindruck, dass das Interview instrumentalisiert wurde, um der Eintracht ein deutliches Signal zu senden. Der Verein wird vom Innenminister sehr kritisch gesehen, weil dieser wohl eine zu große Nähe zum problematischen Teil der Fanszene vermutet.

Gibt es denn zu viel dieser Nähe?

GABRIEL: An der einen oder anderen Stelle hätte ich mir schon mal eine kritischere Stellungnahme von der Eintracht erwünscht. Was aber unbedingt festzuhalten ist: Alle bestätigen, dass die praktische Zusammenarbeit in Frankfurt zwischen allen Beteiligten gut funktioniert – Verein, Polizei, Ordnungsdienst, Fanvertreter. Da wird jetzt nur viel Aufarbeitung nötig sein, um das Vertrauen wiederherzustellen.

Lesen Sie auch: Eintracht Frankfurt: Die zweite Erfolgsserie dieser Saison wird eindrucksvoll fortgesetzt

In Frankfurt gab es am Donnerstag noch verschiedene Eskalationsstufen. Warum war das nicht mehr aufzuhalten?

GABRIEL: Ich sehe nicht, dass die Fans an diesem Tag zur Eskalation beigetragen haben. Sie haben als Protest gegen die aus ihrer Perspektive ungerechtfertigte Durchsuchung und die Behinderung der Choreographie diese abgesagt und ein Transparent gemacht. Das würde ich nicht als Eskalation bezeichnen.

Auf diesem Transparent wurde der Innenminister allerdings heftig beleidigt.

GABRIEL: Die Wortwahl ist sicher sehr kritikwürdig. Dass junge Leute nach Wegen suchen, ihren Unmut kund zu tun, muss man allerdings akzeptieren, wenn man mit ihnen arbeitet. Aber von den Fans ging keine Gewalt aus, nach allem, was ich bisher in Videos gesehen habe. Umso bedauerlicher ist, dass zwei Fans bei dem Polizeieinsatz schwer verletzt worden sind.

Wie schwer wiegen die Vorfälle allgemein im Verhältnis zwischen Fans und Polizei?

GABRIEL: Sie gießen Öl ins Feuer und bestätigen die Fans bundesweit in ihrer Kritik an der Polizei. Es muss einem Sorge machen, dass sich der Konflikt weiter vertieft. Auch weil auf beiden Seiten die Hardliner dadurch noch einmal Aufwind bekommen.

Wie wirken sich solche Nebenkriegssschauplätze auf normale Fußballfreunde aus, die einfach die Eintracht sehen, feiern und sich an Europa erfreuen wollen?

GABRIEL: Wenn man so will, werden die vielen friedlichen Fans von den Hardlinern auf beiden Seiten in Sippenhaftung genommen. Es ist den Eintracht-Fans in Rom und in Kharkiv passiert, dass sie in ihrer Gänze von polizeilichen Maßnahmen betroffen, dass Bewegungsräume eingeschränkt und sie massiven Kontrollen ausgesetzt waren. Wenn es keine Differenzierung gibt, ist das hochproblematisch.

Lesen Sie auch:  Jovic gilt als heißeste Ware auf dem Transfermarkt – weg ist er deswegen noch lange nicht

Immer wieder geht es bei den Auseinandersetzungen um Pyrotechnik. Warum muss Pyro im Stadion eigentlich sein?

GABRIEL: Für mich muss das zum Beispiel gar nicht sein. Viele aktive Fans sagen aber, dass es für sie Teil von Fankultur ist und ihrer Unterstützung der Mannschaft. Abseits von Fragen der Gefährlichkeit gibt es viele Stimmen – zum Beispiel von Bayern-Präsident Uli Hoeneß – die den optischen Effekt für attraktiv erachten.

Der hessische Innenminister vertritt da eine andere Position. Hat das in die aktuellen Vorkommnisse hineingespielt?

GABRIEL: Das ist sicher so und ist aus bundesweiter Perspektive übrigens wieder vergleichbar mit Vorfällen in Nordrhein-Westfalen, wo Innenminister Herbert Reul auf der gleichen Linie ist wie Beuth. Aber seit bestimmt 15 Jahren wird mit allen Mitteln versucht, Pyrotechnik aus den Stadien fernzuhalten. Wir müssen konstatieren, dass das nicht zu einer Verbesserung der Sicherheit beigetragen hat, im Gegenteil. Daher plädieren wir, dass nach neuen Wegen gesucht wird im Umgang mit Pyrotechnik. Es gibt Vereine wie den Hamburger SV oder Werder Bremen, die bereit sind, da mitzugehen. Die Basis muss sein, dass die Fans in die Lösung einbezogen werden. Ein Vorgehen ohne Einbeziehung der Fans, wie in Hessen, birgt großes Konfliktpotenzial.

Was könnte ein solcher Weg sein?

GABRIEL: Der HSV-Vorsitzende Bernd Hoffmann bringt zum Beispiel neue, in Skandinavien entwickelte bengalische Fackeln ins Spiel, die mit viel weniger Hitze abbrennen. Das wäre eine gute Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen. In Hamburg passiert das gerade.

In Hessen könnte das schwer werden. Minister Beuth vertritt die Ansicht: Wer im Stadion zündelt, gehört in den Knast. Wie werten Sie diese Aussage?

GABRIEL: Das Problem an diesem Satz ist, dass alle wissen, dass er am tatsächlichen Problem nichts lösen wird. Man gewinnt den Eindruck, der Innenminister würde sich ein Feld aussuchen, um sich das Image eines hart durchgreifenden Innenministers zu geben. Fußball, Fankultur und Vereine werden hier instrumentalisiert für ein politisches Eigeninteresse. Junge Menschen ins Gefängnis zu werfen wegen dem Abbrennen von Bengalos – da geraten für mich auch rechtsstaatliche Dimensionen durcheinander.

Infobox: Michael Gabriel: Irritiert vom Vorgehen der Behörden

Michael Gabriel betreut seit über 25 Jahren Fanprojekte, seit 2006 ist er Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Die bundesweite Fachstelle für Fanarbeit berät und begleitet die Arbeit von 61 lokalen Fanprojekten in Deutschland. Finanziert wird sie vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, dem DFB und der DFL. Der gebürtige Österreicher, der selbst eine sportliche Vergangenheit bei Eintracht Frankfurt hat und in den 1980er-Jahren mit der B- und der A-Jugend jeweils einmal die Deutsche Meisterschaft gewann, ist dieser Tage bei einer der von DFB und DFL organisierten Regionalkonferenzen, bei denen sich die Polizei mit Sicherheits- und Fanbeauftragten der Vereine über Sicherheitsfragen austauscht. „Da wird auf Arbeitsebene besprochen, wie in Einzelfällen vorgegangen werden soll. Das ist geübte Praxis seit Jahren“, erklärt Gabriel. Teil der Absprache zwischen Innenbehörden und Vereinen sei es im Übrigen, dass die Vereine die Verantwortung in den Stadien haben und die Polizei die Zuständigkeit außerhalb der Stadien. „Das ist auch gut so“, meint Gabriel. Umso irritierender findet er es, dass bei den Vorfällen in Dortmund und jüngst in Frankfurt die Behörden diese Verabredung nicht eingehalten hätten. mka/red

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare