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Eintracht Frankfurt: Präsident Peter Fischer schwärmt von Fans – "Das ist Weltklasse!"

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Von: Ute Vetter

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Präsident Peter Fischer von Eintracht Frankfurt im Interview, was den Verein zu etwas Besonderem macht und wie die Eintracht alle begeistert.

Frankfurt – Eintracht Frankfurt und Peter Fischer, eine Kombination, die passt. Euphorisch und mit heiserer Stimme feierte der Eintracht-Präsident den Einzug ins Europa-League-Finale nach dem Sieg gegen West Ham United auf dem Rasen, welches Eintracht Trainer Oliver Glasner und sein Team in einem spannenden Spiel möglich gemacht haben. Auch Eintracht Sportvorstand Markus Krösche ist mit seiner Arbeit beteiligt.

Dass Fans den Platz stürmen, einige sein TV-Interview crashen und ihn abknutschen, stört ihn nicht. Im Gegenteil. Wie positiv die Eintracht mit ihrer besonderen Fan-Kultur längst auch in die Stadtgesellschaft hineinwirkt, gefällt ihm. Er befeuert die SGE seit Jahren auf seine ganz eigene Art, ist politisch deutlich, trinkt mit Fans auch mal spontan ein Bierchen auf der Straße.

Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt, posiert vor einem großen Bild von ihm. In der Hand hält er einen signierten Fußball.
Peter Fischer, Präsident von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt © Leonhard Hamerski

Eintracht Frankfurt: Peter Fischer im Interview: „Einiges fundamental zum Positiven verändert“

Zum Gespräch mit Redakteurin Ute Vetter im Riederwald kommt er leicht humpelnd, Folge eines Sturzes im Januar. Doch klagen ist nicht sein Ding:

Herr Fischer, die Eintracht steht im Finale der Europa-League und spielt am 18. Mai in Sevilla gegen die Glasgow Rangers. Wie finden Sie das?

Ein Traum wird endlich wahr! Und dann noch gegen die Glasgow Rangers! Das ist Tradition gegen Tradition. Das ist einfach Weltklasse!

Welche Rolle spielt denn die Frankfurter Eintracht heute für die Stadtgesellschaft?

Da hat sich einiges fundamental zum Positiven verändert. Die Eintracht war früher nicht so sehr in der Stadtgesellschaft verankert, wie es heute der Fall ist. Vor 20 Jahren war die Situation anders. Das lag teilweise an handelnden Personen, aber auch an den sportlichen Umständen. Und es gab aus dem Sponsoren- und Partnerbereich kaum einen Zugang in die örtliche Wirtschaft.

Das hat sich also verändert?

Absolut. Und zwar exorbitant. Heute sind etwa unsere knapp 80 Logen im Stadion durchgehend ausverkauft. Das liegt an den Firmen, mittelständischen Unternehmen sowie unseren großen Partnern aus zahlreichen unterschiedlichen Branchen. Wir bekommen außerdem unendlich viele Einladungen und Anfragen für Auftritte, Reden oder Vorträge, oder sei es nur, um Präsenz zu zeigen. Der Terminkalender ist voll.

Hat das auch etwas mit dem besseren Renommee zu tun dank professionellerer Arbeit?

Daran hat ein tolles Team großen Anteil; wir sind in vielen Bereichen wesentlich professioneller geworden. Wir sind als Unternehmen gewachsen, von früher etwa 50 Mitarbeitern auf heute über 400 in der Fußball AG und im Verein. Unsere Ressourcen haben zugenommen.

Und die sozialen Medien bringen ja auch viel?

Absolut! Auch die Medien haben sich verändert. Ebenso die vielen Events, Begegnungen und die politische Kultur insgesamt.

Hat der Verein mit der gerade geknackten Rekordmarke von 100 000 Mitgliedern eine größere Strahlkraft als früher?

Selbstverständlich. Da müssen Sie nur mal mit mir auf die Straße gehen (lacht). Meine Söhne lassen es jedenfalls sein, mit mir samstags einkaufen zu gehen. Wir kommen nicht weit.

Sie sind das Gesicht der Eintracht?

Ein wenig sicherlich. Aber das ist angenehm, auch wenn mich viele fragen, wie ich das aushalte. Ich werde unterwegs von ganz unterschiedlichen Menschen angesprochen - ob es die ältere Dame im Supermarkt ist oder ein kleiner Junge, der nach einem Selfie mit mir fragt. Ich habe Respekt vor jedem. Ich repräsentiere damit auch das Gesicht der Eintracht als einen offenen, authentischen, nahbaren und sympathischen Verein, der nicht abgehoben ist.

Und die Fanclub-Kultur tut ein Übriges?

Auf jeden Fall, in Frankfurt und in der Region. Aber auch die Wahrnehmung in anderen Bundesliga-Städten hat sich verbessert, weil wir stets unsere Werte vermitteln und klare Kante zeigen. Viele Menschen aus anderen Vereinen sind bei uns als Mitglied eingetreten, und wenn es nur passiv ist. Aus Solidarität - weil sie unsere Werte und unser gesellschaftspolitisches Verständnis teilen. Da gab es einen großen Veränderungsprozess.

Was ist Ihre ureigenste Aufgabe als Präsident?

Ich bin eine Art Außenminister, repräsentiere den Verein nach außen, werbe für ihn, mache mich stark für die Eintracht. Unser Markenkern ist Sport. Wir beherbergen über 50 Sportarten. Das ist eine Menge, das bietet sonst kein Verein in Deutschland, vielleicht sogar weltweit. Unseren eigenen Recherchen nach sind wir der weltweit größte Mehrspartensportverein mit einer professionellen Fußballmannschaft.

Da brauchen Sie aber auch viel Unterstützung?

Selbstverständlich, das ist keine One-Man-Show. Ohne das Engagement meiner zahlreichen Kolleginnen und Kollegen, den unglaublich vielen Ehrenamtlern, aber auch dem Vorstand der Eintracht Frankfurt Fußball AG mit Axel Hellmann, Oliver Frankenbach und Markus Krösche würde das alles nicht funktionieren. Insbesondere die ehrenamtlich Tätigen sind hoch engagierte Menschen, die ihre Lebensfreizeit dem Verein spenden, ob als Trainer, als Betreuer, als Schatzmeister, als Fahrer, als Abteilungsvorstand oder was auch immer. Ohne ein solch solides Fundament funktioniert kein Verein.

Sie wollen erneut kandidieren für das Amt des Präsidenten. Wieso? Sie sind Jahrgang 1956, haben Familie, genug geackert, könnten doch ein schönes Rentnerleben führen?

Das fragt man mich durchaus auch öfter im Familien- und Freundeskreis. Aber in den 22 Jahren Arbeit für den Verein ist dieser längst auch zu meiner Familie geworden. Hier gibt es Spaß, Freude, Leid, Feste - alles. Und ich empfinde eine unendliche Leidenschaft für diesen wunderbaren Verein, daraus ziehe ich Energie und Kraft. Und trotz aller Entwicklungen der letzten Jahre: Es gibt noch jede Menge zu tun!

Es ist also ein Geben und Nehmen?

Absolut, ich bekomme viel zurück. Etwa, wenn mich Kids im Schulhof erkennen und rufen: ,Ey, Präsi, give me Five', oder eine Oma im Supermarkt über meine Körpergröße staunt oder jemand ein Autogramm haben möchte. Man bekommt sehr viele Emotionen zurück. Und ich kann vor einer Stadionkurve stehen, ohne beschimpft zu werden. Ich bin authentisch, einer von ihnen. Auch wenn es natürlich mal Kritik an mir und meinen Handlungsmustern gibt.

Sie meinen Ihre klare politische Haltung, also Ihre Ablehnung von Rassismus, Antisemitismus, Nazis, Demokratiefeindlichkeit, AfD und Corona-Leugnern? Warum ist Ihnen das so wichtig?

Ich bin früh politisiert worden, lebte in der Nähe vom damaligen Theater am Turm zu Fassbinder-Zeiten. Und Frankfurt, wohin ich mit 14 Jahren zog, war schon immer eine politisch bunte Stadt wegen ihrer Studenten. Ich hatte schon immer ein Gefühl von Recht und Unrecht in mir.

Liegt es an Ihrem Naturell, Ihrem Charakter?

Ja, ich habe mich schon immer für Minderheiten eingesetzt, für Benachteiligte stark gemacht, schätze Gerechtigkeit und Solidarität. Und als Nachkriegsgeborener habe ich kein Verständnis für Rechtsradikale, gerade nach dem, was die Nazis in Deutschland verbrochen haben. Das ist doch alles glasklar erforscht und dokumentiert! Da brennen bei mir die Sicherungen durch. Dafür gibt es keinen Millimeter Platz! Da gibt es für mich nur: dagegen arbeiten und klar Position beziehen.

Versuchen manche Politiker darum, von Ihrer Popularität zu profitieren?

Es gibt durchaus Politiker, die meine Nähe suchen und deren Nähe auch ich suche; wo ich etwa Zusagen für bestimmte Veranstaltungen und Formate gebe. Das sind jene, die Dinge auch in meinem Sinne bewegen wollen. Da fühle ich mich richtig aufgehoben.

Was sagen Sie zum Fall des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann, gegen den Anklage im Zusammenhang mit dem Awo-Skandal erhoben wurde?

Dazu möchte ich mich nicht äußern. Zum einen, weil das, was ich aus den Medien wie Presse, TV und sozialen Netzwerken erfahre, nicht dazu beiträgt, den Fall wirklich detailliert beurteilen zu können. Zum anderen steht es mir in meiner Position als Präsident von Eintracht Frankfurt nicht zu, darüber zu urteilen. Ich denke aber, wir können sehr froh sein, in einem demokratischen Land mit einem aufklärenden, sauber arbeitenden Justizsystem zu leben.

Zurück zur Eintracht: Wieso gelten diese Fans als ganz besonders, nicht unbedingt fanatisch, aber sehr treu?

Fanatismus gibt's überall. Aber selbstverständlich gibt es welche, für die ist die Eintracht Religion, das Ein und Alles, und sie verlieren jede Objektivität, so wie ich sie ja auch ab und zu verliere.

Hat sich eigentlich die Rolle der Ultras verändert?

Ultras sind Menschen, die mit Haut und Haaren, mit ihrer gesamten DNA Eintracht-Fans sind. Sie fühlen sich da wohl, haben im Stadion ein Zuhause. Aber man ist erfahrungsgemäß nicht ein Leben lang ein Ultra. Sie erfahren wie andere Gruppen auch nach einigen Jahren Veränderungen, eine Sozialisierung etwa durchs Älterwerden, das private Umfeld. Und dann kommen die Jüngeren nach.

Positiv ist, dass inzwischen mehr Frauen und ganze Familien mit Kindern ins Stadion gehen?

Unbedingt! Laut einer Studie waren früher nur etwa 19 Prozent der Besucher Frauen, heute sind es knapp 40 Prozent. Das liegt auch daran, dass die Stadien sicherer und sauberer als früher sind. Mir gefällt das, wenn Frauencliquen ins Stadion gehen, Dauerkarten haben. Das tut der Entwicklung gut, der Gesellschaft ebenso, weil sich das durch alle soziale Schichten und Geschlechter zieht.

Hand aufs Herz: Wären Sie manchmal lieber Trainer als Präsident gewesen?

Nein, wirklich nicht - abgesehen davon, dass ich dafür nicht qualifiziert bin. Und es ist ein unglaublich anstrengender, nerviger Job.

Brauchen Sie eigentlich die Kontakte zu den Fans?

Definitiv. Ich bewundere sie. Man könnte Bücher über sie schreiben. Was sie teilweise auf sich nehmen, um etwa zu Auswärtsspielen zu reisen! Quetschen sich zu viert in einen alten Panda und zuckeln zig-hunderte Kilometer. Oder fliegen über tausend Umwege nach Baku/Aserbeidschan, sind tagelang unterwegs mit Bus und Bahn oder trampen - es gibt unglaubliche Geschichten, das ist verrückt! Das lädt mich auf, das macht mich stabiler und dafür lohnt es sich einzusetzen. Also, ich kann mir nicht vorstellen, den Kontakt zu den Fans jemals abreißen zu lassen.

Ist Frankfurt auch dank der Multi-Kulti-Eintracht-Truppe eine offenere Stadt als etwa München oder Berlin?

Ich denke schon. Schon vor 27 Jahren, also vor meiner Zeit, gab es die Fan-Initiative "United Colours of Bembeltown". Das war ein Bekenntnis der Fans nach dem Motto "Ihr seid alle willkommen", wir sind bunt, egal, welche Hautfarbe, Nationalität oder Religion. Während es früher durchaus auch Stadiongänger gab, die schlimme Abzeichen trugen, hat sich die Kurve inzwischen selbst bereinigt und es alleine geregelt.

Werden Sie weiterhin politische Statements abgeben?

Sicherlich. Ich will Menschen weiterhin nachdenklich und aufmerksam machen. Darum mein Engagement etwa für Hanau, wo dieser schreckliche rassistische Anschlag war. Anfeindungen, die ich deswegen auch erlebe, die bestärken mich nur in meinem Engagement. Es ist wichtig.

Ist Sport per se politisch, denken wir mal an Olympia, den Ukraine-Krieg oder die umstrittene WM in Katar?

Sport war und ist immer ein politischer Träger. Ich bin doch gegenüber Herrn Bach genauso kritisch wie gegenüber der Fußball-WM in Katar, sehe die Vergabe der Olympischen Spiele kritisch. Ich kenne die Zwänge, die es gibt. Auch die Idee beispielsweise einer Super League sehe ich sehr kritisch, das geht doch alles weg von den Fans, der Fußballkultur, den Derbys.

Sie kennen den Mangel an mehr und besseren Sportflächen in Frankfurt?

Ja, ich kenne die Problematik. Es gibt leider noch zu viele Hartplätze, auf denen Kinder sich die Knie aufschürfen. In der Hinsicht muss mehr passieren. Kunstrasenplätze fehlen!

Dafür will die Stadt lieber eine Milliarde Euro ausgeben für den Bau einer neuen städtischen Oper und eines neuen Schauspielhauses ...

Ich will es mal so sagen: Das finde ich overdone. Für eine Zielgruppe von vielleicht 10 000 Leuten die da hingeht...

Apropos Geld: Die Corona-Krise hat auch die Eintracht stark gebeutelt, die Umsätze sanken 2020/21 stark. Das ist sicher ein großes Problem.

Ja, unter Corona wurde unser Eigenkapital fast völlig aufgezehrt. Dieser Aufgabe müssen wir uns stellen. Ohne Denkhürden. Etwa was ein Investment betrifft, eine Beteiligung an unserer Aktiengesellschaft. Wir müssen nach allen Seiten offen sein. Sonst kann man in diesem Wettbewerb nicht bestehen. Das wird den Vorstand und den Aufsichtsrat der Fußball AG beschäftigen, betrifft aber auch den Verein als Hauptaktionär. Wir brauchen Lösungen, die zu Eintracht Frankfurt passen.

(Ute Vetter)

Präsident Peter Fischer von Eintracht Frankfurt:

Peter Fischer, geboren 1956 auf einem Bauernhof in Lich, zog bereits mit 14 Jahren nach Frankfurt, brach die Schule ab für eine Lehre bei Kaufhof und machte sich später als Werbekaufmann, Unternehmer, Buchautor und Unternehmensberater selbstständig. Bereits Seit dem Jahr 2000 ist er Präsident von Eintracht Frankfurt und damit länger als jeder andere Amtsinhaber vor ihm. Als er damals seine Mission begann, fand er am Riederwald, der Heimat des Vereins Eintracht, ein marodes Gelände, einen zerrissenen Club mit verkrusteten Strukturen und nur 5000 Mitgliedern vor. Als er die Zielmarke von 10000 avisierte und den Traum vom Spiel gegen Liverpool, lachte man ihn aus. Heute steht dort ein modernes Leistungszentrum und der Club hat mehr als 100.000 Mitglieder. Der Vater zweier Söhne ist zum zweiten Mal verheiratet, er überlebte 2004 den Tsunami am Indischen Ozean. Danach gründete er mit anderen die Stiftung „Help Children of Phuket“. Das früher teils angespannte Verhältnis zwischen Fans und Club hat sich entspannt. „Es sind die besten Fans der Welt“, sagt er.

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