+
„Manchmal kocht es richtig über“, sagt Benfica-Experte und Dauerkarten-Inhaber Markus Horn aus Offenbach über die Stimmung im Estádio da Luz in Lissabon. „Wenn die Eintracht mutig spielt, kann die Stimmung aber kippen.“

Interview

Benfica-Experte und OFC-Fan über das Europa-League-Duell: „Eintracht hat in Lissabon guten Ruf“

Es klingt fast zu kurios, um wahr zu sein: Markus Horn (54) ist Benfica-Lissabon-Experte – und Fan der Offenbacher Kickers.

Offenbach – Im Viertelfinale der Europa League trifft der portugiesische Traditionsverein nun ausgerechnet auf den Erzrivalen seines deutschen Herzensklubs: Eintracht Frankfurt. Der Ex-Mitarbeiter unserer Verlagsgruppe spricht vor dem morgigen Hinspiel (21 Uhr) in Lissabon über Benfica, zwei Angreifer, die die Seiten gewechselt haben, und seine persönliche Horrorvorstellung.

Auch interessant: Verlässt Ante Rebic die SGE? Verbleib hängt an heiklem Detail

Wie wird man als Offenbacher Fan von Benfica?

Als ich 1985 das erste Mal in Lissabon war, lief in der Elektronik-Abteilung eines Supermarktes das Pokal-Finale. Als Kickers-Fan hielt ich zu den Rot-Weißen. Erst später fand ich heraus, dass das Benfica war. So bin ich dort hängen geblieben. Fahrt nahm die Sache auf, als ich 1989 für ein einjähriges Praktikum nach Lissabon zurückkehrte. Dort lernte ich auch relativ schnell meine Frau kennen.

Auch interessant: Millionen-Ablöse für Luka Jovic: So viel kassiert Eintracht Frankfurt wirklich

... die ebenfalls Benfica-Fan ist?

Ja. Wäre sie Fan von Sporting Lissabon, hätte mir das damals aber nichts ausgemacht. So fundamentalistisch war ich anfangs nicht. Es gibt in Portugal aber viele unglückliche Ehen. Wenn ein Schalke-Fan mit einer Dortmund-Anhängerin verheiratet ist, haben sie es ja auch nicht leicht.

Benfica ist ein Verein mit fantastischer Geschichte

Was macht für Sie die Faszination Benfica aus?

Das ist ein riesengroßer Verein mit einer faszinierenden Geschichte. Benfica war von früh auf erfolgreich und hat dadurch eine Mystik erzeugt, die es so kaum anderswo gibt. Sie sahen sich nie als Lissaboner Verein, sondern als universalen. Es gibt weltweit circa 300 „Casa do Benfica“, auch in Groß-Umstadt, eine Art Klubheim. Sie werden offiziell unterstützt und anerkannt. Außerdem war Benfica wahnsinnig erfolgreich. Es gab goldene Generationen, unter anderem mit Eusébio, und sie haben in den 60er Jahren im Europapokal als erste Real Madrid entthront.

Benfica-Experte Markus Horn mit seiner Frau Sonia

Was erwartet die Eintracht im Estádio da Luz?

65 000 Zuschauer passen rein. Es kann dort sehr leidenschaftlich sein, muss es aber nicht. Ähnliche Phänomene gibt es bei anderen Klubs, deren Publikum sehr verwöhnt ist. Zudem hat sich die Struktur der Zuschauer sehr gewandelt. Auf der einen Seite Traditonalisten, auf der anderen Eventpublikum, das unzufrieden wird, wenn nicht schnell ein Tor fällt. Es gibt aber immer noch Abende, an denen kocht es richtig über. Wenn die Eintracht jedoch mutig spielt, kann die Stimmung auch kippen.

Wie schätzen Sie die sportlichen Chancen ein?

50:50. Beide sind auf Augenhöhe. Benfica hat aber zwei Gesichter. Sie können an einem guten Tag jeden schlagen, haben kürzlich Sporting vorgeführt. Aber an einem schlechten Tag können sie auch gegen jeden verlieren.

Welchen Stellenwert hat das Viertelfinale gegen die Eintracht für Benfica?

Man muss abwarten, wie ernst sie es nehmen. Sie sind kürzlich im nationalen Pokalhalbfinale ausgeschieden, da spielte unter anderem der Ersatztorwart. Im Achtelfinale der Europa League gegen Zagreb gab es gegenüber der vorherigen Ligapartie sieben Wechsel. Kurzum: Was Benfica interessiert, ist die Meisterschaft. Sie wollen den 37. Titel, werden das Viertelfinale aber sicherlich nicht abschenken.

Benfica-Stürmer Haris Severovic war einst für die Eintracht aktiv. Welche Rolle spielt er in Lissabon?

Er hat sich sensationell entwickelt und wird vom Publikums geliebt, auch weil er eine Kampfsau ist. Vor der Saison war man davon ausgegangen, dass er keine Rolle spielen wird. Da die Zugänge Castillo und Ferreyra nicht eingeschlagen haben und wieder verkauft wurden und sich der alternde Torjäger Jonas verletzt hat, war Seferovic neben João Félix auf einmal einziger Stürmer im Kader. Beide harmonieren gut. Und Seferovic trifft auf einmal am laufenden Band.

Benfica Lissabon: Jedes Jahr hoher Transferüberschuss

Luka Jovic ging für wenig Geld den entgegengesetzten Weg und ist nun überall begehrt. Wie lässt sich das erklären? Und inwiefern wäre Benfica an einem Transfer beteiligt?

Benfica hatte in den vergangenen sieben, acht Jahren jeweils über 100 Millionen Euro Transferüberschuss. Spieler zu verkaufen, ist deren Geschäftsmodell. Im Fall Jovic war es so, dass er bei Benfica überhaupt nicht eingeschlagen hat. Er war jedoch auch erst 19 Jahre alt und Lissabon hat viele Annehmlichkeiten zu bieten. Mit dem Wechsel nach Frankfurt fand bei ihm wohl ein Umdenken statt. Und dann kommen natürlich noch andere Faktoren wir der Trainer dazu. Sollte die Eintracht Jovic nun verkaufen, würde Benfica meines Wissen 30 Prozent vom Transfermehrwert erhalten.

Mit welchen Erwartungen sehen Sie dem Viertelfinale entgegen?

Bloß nicht gegen die Eintracht ausscheiden. Mir gefiel das Los nicht. Die Vorstellung, am 18. April im Tempel des Bösen zu sitzen und dort rauszufliegen, finde ich unangenehm. Dafür bin ich zu sehr Offenbacher. In Lissabon haben sich aber alle gefreut, da die Eintracht durch die Auswärtsauftritte einen guten Ruf hat. Die haben alle gehofft, dass es keinen Zuschauer-Ausschluss gibt, weil was los sein soll im Stadion. Der gemeine Benfica-Fan geht davon aus, dass sie es packen. Aber davon geht er immer aus.

Das Gespräch führte Christian Düncher

Lesen Sie auch:

SGE-Transfers: Mailand heiß auf dieses Eintracht-Juwel - so spricht Hütter über den Poker um Luka Jovic

Wer verlässt Eintracht Frankfurt und wer stößt neu zum Team?

Bezahlen im Stadion: Eintracht tüftelt an neuem System

Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt wird zusammen mit der Deutschen Bank ein neues, digitales Bezahlsystem einführen.

Live-Ticker: Schafft die Eintracht das Wunder an der Stamford Bridge?

Für die Frankfurter Eintracht ist im Halbfinal-Rückspiel der Europa League gegen den FC Chelsea noch alles drin. Die Hessen haben sich im Hinspiel ein 1:1 erkämpft. Das Spiel im Live-Ticker.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare