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Bester Frankfurter Spieler an diesem unerfreulichen Abend im Elsass: Daichi Kamada (l.).

Eintracht Frankfurt

Die Eintracht hat sich selbst verloren

Nach dem Nackenschlag von Straßburg lecken die Frankfurter Fußballer ihre Wunden. Am Sonntag geht es zum schweren Spiel nach Leipzig.

Nach dem Hexenkessel ist vor dem Hexenkessel. Findet zumindest Axel Hellmann, der 48 Jahre alte Vorstand von Eintracht Frankfurt, der als Bursche früher selbst im G-Block bei den Beinharten stand und ein bisschen Stimmung ins einst nicht so tollhausmäßige Waldstadion bringen wollte. Ewig ist das her. Heute ist Hellmann schon lange Funktionär, er war am Donnerstagabend bass beeindruckt von der Stimmung im Straßburger Meinaustadion, das in seinen Grundfesten bebte, als Racing die Eintracht mit 1:0 niedergerungen hatte.

Der Marketingchef kennt aber natürlich auch das spezielle Fluidum in Frankfurt, gerade dann, wenn das Flutlicht angeknipst wird, es auf internationaler Bühne heiß und hitzig wird und es eine besondere Leistung der Mannschaft unten auf dem Feld bedarf, um etwas Besonderes zu erreichen. Dann kann eine Wechselwirkung zwischen Fans und Mannschaft schon einmal für einen Extraschub sorgen. „Solche Situationen liegen uns“, sagt Hellmann im Brustton der Überzeugung. „Das ist eine Herausforderung, aber es wird Kribbeln und Prickeln im Stadtwald.“ Schon in der Halbzeitpause, als die Eintracht in Frankreich nach einem desolaten ersten Abschnitt gar unter die Räder zu kommen drohte, befand Hellmann nur lapidar: „Leute, wartet es ab, es gibt ja noch ein Rückspiel.“

Das Rückspiel von Eintracht Frankfurt gegen Racing Straßburg wird kein Selbstläufer

En passant oder nur mit der Kraft des zwölften Mannes wird die Eintracht aber nicht über Racing hinwegfegen, ein Selbstläufer wird dieses Rückspiel am kommenden Donnerstag in Frankfurt sicherlich nicht. Die Franzosen haben sich als widerstandsfähiges Ensemble herausgestellt, keinesfalls unbezwingbar oder übermächtig, aber doch sehr zäh und leidenschaftlich. Und dieses 0:1 - Mittelfeldspieler Lucas Torro sprach von einem „Nackenschlag“ - ist ein gefährliches Ergebnis, ein Sieg mit zwei Toren Unterschied muss her. Wird nicht einfach (lesen Sie hier den Ticker zum Hinspiel).

Die Straßburger traten beinahe so auf wie die Eintracht noch vor wenigen Monaten auf internationalem Parkett: mit offenem Visier und jeder Menge Herzblut – und das Ganze in dem Wissen, gewiss nicht die bessere Mannschaft zu sein, aber diejenige, die es vielleicht mehr will.

Die Herangehensweise der Eintracht, so schien es zumindest, war auf einmal eine andere, eine irgendwie routiniertere, weniger hungrige. Da sprang auch kein Funke über, es kam nie diese ganz spezielle Europapokalatmosphäre auf. Die Mannschaft hat im Elsass zumindest in den ernüchternden ersten 45 Minuten all das vermissen lassen, was sie in der vorherigen Europapokalsaison ausgezeichnet hatte: Das Draufgängertum, die Erfolgsgier und den unbändigen Behauptungswillen. Selbst Eintracht-Trainer Adi Hütter merkte kritisch an: „Wer glaubt, wir können einen Hobbyausflug nach Straßburg machen, weil wir letzte Saison im Halbfinale waren, der hat sich getäuscht.“ Der Coach war richtig angefressen, ordnete manche Aktionen bei der Analyse gar als „stümperhaft“ ein. Die zweite Hälfte, als das Team zumindest in Ansätzen ein anderes Gesicht zeigte, stimmte ihn zuversichtlich: „Da hatten wir mehr Mut, das hat mir viel besser gefallen.“

Trainer Hütter: Eintracht Frankfur ist noch „nicht bei 100 Prozent“

Hütter räumt freimütig ein, dass die Mannschaft gewiss noch „nicht bei 100 Prozent“ sei, auf einigen Feldern habe das Team Nachholbedarf (lesen Sie hier die Einzelkritik der Spieler). Im Angriffsspiel etwa, wo nun doch ein Wechsel von Bas Dost von Sporting Lissabon zeitnah über die Bühne zu gehen scheint. Hütter kann zudem nachvollziehen, dass der Eindruck entsteht, dass seine Mannschaft etwas defensiver agiert. „Das wirkt vielleicht so, weil wir nicht so viele Torchancen haben und uns die Durchschlagskraft fehlt“, sagt er. „Aber wir haben immer noch eine gewisse Höhe im Spiel.“ Die Grundordnung mit nur einer Spitze sei ebenfalls nicht in Stein gemeißelt. „Das kann sich in Zukunft wieder ändern.“

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Und sollte sich möglichst bald. Denn eine der Frankfurter Stärken in der vergangenen Saison war ihr Mut und die Bereitschaft, mit offenem Visier zu attackieren. Zeitweise hatte der Österreicher drei Stürmer (Rebic, Jovic, Haller) nominiert und damit viel Erfolg gehabt. Gegen Hoffenheim und jetzt in Straßburg agierte Hütter, eigentlich einer, der das Offensivspiel bevorzugt, betont vorsichtig mit nur einem Angreifer (Rebic), der noch dazu seine Stärken nicht im Zentrum hat, und zwei Offensiven (Daichi Kamada, Mijat Gacinovic) dahinter. Warum etwa hat der Coach nicht Rebic und Goncalo Paciencia als Sturm-Duo aufgestellt und Kamada dahinter? Und hätte dem völlig außer Form spielenden Gacinovic mal eine Pause gegönnt? Die Absicherung nach hinten mit zwei Sechsern war ja gegeben.

Daichi Kamada hat bei Eintracht Frankfurt Zug nach vorne

Dazu kommt: Mit einem indisponierten Kreativspieler Gacinovic und zwei defensiven Mittelfeldakteuren (Gelson Fernandes, Torro), die lieber quer oder zurückspielen, und einer kaum anspielbaren Spitze, kann ein geordneter Spielaufbau kaum gelingen. Zumal die Verteidiger David Abraham und Martin Hinteregger ebenfalls nicht für die Feinheiten des Spiels bekannt sind. So sind Ballverluste programmiert, der Gegner bekommt quasi automatisch, aber ohne Not, ein Übergewicht. Einzig Daichi Kamada, den vor wenigen Wochen noch gar keiner auf der Rechnung hatte, hat Zug nach vorne, findet aber noch zu wenig Mitspieler.

Der aus Belgien zurückgekehrte Japaner war auch im Elsass der beste Frankfurter und hatte die beiden mit Abstand besten Chancen, eine hatte er mit einem feinen Solo sogar selbst herausgespielt. „Schade, dass er nicht getroffen hat, das wäre wichtig gewesen, auch fürs Selbstvertrauen“, sagte Hütter. „Er ist aber ein absoluter Aktivposten.“ Mehr Spielwitz und Esprit sollte das Frankfurter Mittelfeld freilich dann ausstrahlen, wenn Sebastian Rode im Vollbesitz seiner Kräfte ist und Djibril Sow an den Ball darf. Zumindest ist das die Hoffnung. Dann wird Hütter sicherlich auch wieder selbstbewusster attackieren.

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Die Partie am Sonntag in Leipzig (15.30 Uhr), die so ein bisschen als Sandwich zwischen den beiden bedeutenden Europa-League-Playoffspielen liegt und fast ein wenig aus dem öffentlichen Interesse zu fallen scheint, misst der Österreicher eine ähnliche Bedeutung wie den internationalen Begegnungen bei. Sagt er zumindest offiziell. „Wir werden nicht nur den Fokus auf den Donnerstag legen.“ In Sachsen gilt es, eine hohe Hürde zu überwinden. „Leipzig ist Favorit, aber wir können auch dagegenhalten“, betont der Trainer. Das RB-Spiel habe unter Julian Nagelsmann neue Facetten hinzugewonnen, es ist nicht mehr so eindimensional auf Pressing und Umschaltmomente ausgelegt. Über genügend Offensivpower verfügen die Leipziger sowieso. „Da wird eine schöne Lawine auf uns zurollen“, warnt Hütter, der um einen Einsatz von Mijat Gacinovic (Adduktoren) und Ante Rebic (Wade) bangt.

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