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Eintracht Frankfurt: Typisch Absteiger

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Ein Schuss, kein Tor: Sonny Kittel fällt vom Glauben ab.
Ein Schuss, kein Tor: Sonny Kittel fällt vom Glauben ab. © Christian Klein ( FotoKlein)

Gar nicht schlecht gespielt, trotzdem verloren – anders als die Konkurrenz. Nach dem 0:3 in Leverkusen steht die Eintracht mit dem Rücken zur Wand.

War es das schon? Wer sich am späten Samstagnachmittag im Bauch der Leverkusener Fußball-Arena umschaute, fand unter den Mitgliedern des Frankfurter Reisetrosses nur mitgenommene Gesichter, die bei aller Leere doch Bände sprachen. „Wir werden nicht aufgeben. Es sind noch vier Spiele, da ist nichts verloren“, verkündete zwar der leichenblasse Vorstandschef Heribert Bruchhagen. Stimmt ja auch, und bei anderen Vereinsfunktionären und Fußballern klang das ganz ähnlich. Das unbestimmte Gefühl aber, das sich spätestens mit dem 0:2 im Schicksalsspiel eine Woche zuvor gegen 1899 Hoffenheim bei so manchem im Club und drumherum eingeschlichen hatte, kann nach dem ebenso unglücklichen 0:3 (0:0) bei Bayer Leverkusen auch mit Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung begründet werden: Die Eintracht steigt aus der Bundesliga ab, wenn kein Wunder geschieht.

„Wir werden versuchen, unsere Chance zu nutzen“, betonte Bruchhagen tapfer, nicht ohne anzufügen: „Auch wenn sie gering ist. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Weil zur eigenen Niederlage die Erfolge der Konkurrenz im Klassenkampf kamen, die fast durch die Bank ihre Spiele gewann. Das rettende Ufer ist nun fern, selbst Bremen – das letzte Frankfurter Reiseziel dieser Seuchensaison – ist auf dem Relegationsrang 16 nun schon vier Punkte enteilt. Drei Siege müsste die Eintracht aus den letzten vier Spielen wohl holen, um doch noch hoffen zu dürfen. Und das mit einer Mannschaft, die von jetzt 30 Spielen nur sechs gewann? Und die einfach nicht mehr trifft, zuletzt nur zwei Mal in neun Partien?

Dabei war ein echter Befreiungsschlag bei der schweren Aufgabe in Leverkusen möglich, Sonny Kittel bekam die Gelegenheit dazu auf dem Silbertablett serviert. Doch ausgerechnet Kittel, das von so schweren Knieschäden immer wieder zurückgeworfene Talent aus eigenem Stall, wurde zur tragischen Figur. Und so lautete das Urteil wie in der Woche zuvor gegen Hoffenheim: Die Eintracht trat nicht wie ein Absteiger auf – und doch war auch dieses Spiel irgendwie typisch für einen Absteiger. Gerade weil sie gar nicht so schlecht spielte, eher im Gegenteil. Aber es anders als die Konkurrenz auf den anderen Plätzen wieder nicht schaffte, so eine Begegnung auch einmal für sich zu entscheiden. Was wiederum daran lag, dass das Wichtigste wie gehabt fehlte: ein Tor. „Täglich grüßt das Murmeltier“, stöhnte Niko Kovac. „Die Mannschaft arbeitet, kämpft, erspielt sich die Chancen. Aber sie belohnt sich einfach nicht.“

Mehr Laufstärke und Leidenschaft hat Kovac der Eintracht seit seinem Antritt im März eingeimpft, sie tritt geordneter auf. Den Tabellendritten Leverkusen stellte seine auch recht forsch aufgestellte Elf so lange vor große Probleme. Sie ließ hinten nichts zu und kam überraschend oft nach vorne, schon in der ersten Halbzeit im halben Dutzend. Da fehlte indes noch die große Gefahr, weil wie so oft der letzte Pass fehlte, ebenso der „letzte Drive und die letzte Entschlossenheit“, wie Kovac feststellte.

Das änderte sich in der 56. Minute, doch das half dann auch nichts: Der Flankenball von Linksaußen Haris Seferovic segelte in den Leverkusener Strafraum, er sprang noch einmal auf, der für den wegen Muskelproblemen ausgetauschten Marc Stendera ins Spiel gekommene Kittel war ganz frei und zog mutig ab, eigentlich hatte er alles richtig gemacht – und griff sich Sekunden später doch an den Kopf. Fast jeder im Stadion hatte die Kugel wohl im Tor gesehen, doch sie war knapp daran vorbei gezischt, 20 Zentimeter vielleicht. „Da suche ich keine Ausreden: Das muss ein Tor sein“, sprach Kovac Klartext – auch wenn er dem „Jungen keinen Vorwurf machen“ wollte: „Die Woche davor waren es andere, und in den Wochen davor wieder andere.“

Wie bitter wäre es für den eifrigen Kittel, der sich nach seinem zweiten Kreuzbandriss gerade erst auf den Rasen zurückgekämpft hat, sollte dieser Fehlschluss irgendwann zum Symbol für den Untergang werden – ähnlich wie jener von Theofanis Gekas vor fünf Jahren gegen die Bayern. Die Schlüsselszene des Samstags war es in jedem Fall, darin waren sich alle Beteiligten einig. „Wenn wir da in Rückstand geraten, wird es für uns sehr kompliziert“, räumte selbst Bayer-Trainer Roger Schmidt ein.

Kurz nach Kittel hatte der einmal mehr harmlose Stefan Aigner noch eine „glasklare Chance“ (Kovac), doch auch er vergab. Ehe auf der anderen Seite Kevin Kampl mit einem Sonntagsschuss in der 70. Minute gleich die erste Gelegenheit der Werkself mit einem Sonntagsschuss nutzte. Die Frankfurter zeigten Moral, bäumten sich auf, doch Seferovic und Co. scheiterten bei Ausgleichsversuchen. Und schließlich wurden sie von Julian Brandt (76.) und Karim Bellarabi (90.) entscheidend ausgekontert. Das Ergebnis war deutlich zu hoch – das betonte auch Schmidt: „Es war ein enges Spiel, das so oder so hätte ausgehen können.“ Warum es so kam, erklärte Leverkusens Weltmeister Kramer mit einem Satz: „Es ist schwer, aus Serien rauszukommen.“

Und so traf Kampl zum fünften Bayer-Sieg in Folge, während Kittel in der Abwärtsspirale nicht traf. Kniepatient Alex Meier hätte diese Möglichkeit vermutlich sogar mit den Krücken wahrgenommen, die er unlängst weggeworfen hat. Sollte die Eintracht tatsächlich absteigen, wird Kittel trotzdem ganz gewiss nicht Schuld daran sein – und Kovac auch kaum. Die entscheidenden Fehler wurden viel früher gemacht – angefangen mit der Rückholaktion von Armin Veh, mit dem Kaderbau in der Sommer- und Winterpause. Hinterher ist man immer schlauer.

Was bleibt? „Weiter arbeiten“, sagt Kovac, jetzt schon an einem Wunder. Und die Hoffnung auf den Frankfurter Fußballgott. Gegen Mainz nächsten Sonntag rechnet Kovac allerdings noch nicht mit Meier, frühestens im heiklen Südhessen-Treffen die Woche drauf in Darmstadt. Danach könnte es schon zu spät sein. Es wäre eine bittere Pointe, sollte der Frankfurter Abstieg ausgerechnet mit dem Besuch beim kleinen Nachbarn auch rechnerisch besiegelt sein. Gefühlt ist er das bereits. „Wir haben jetzt vier Endspiele“, rief Kovac zwar aus. Tatsächlich müssen aber schon die ganz konkreten Planungen für die Zweite Liga beginnen.

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