Wohin geht der Adlerblick? Das tierische Eintracht-Maskottchen Attila schaut jedenfalls ziemlich eindrucksvoll drein.
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Wohin geht der Adlerblick? Das tierische Eintracht-Maskottchen Attila schaut jedenfalls ziemlich eindrucksvoll drein.

Eintracht Frankfurt

Eintracht vs. Leipzig: Tradition gegen Retorte

  • Markus Katzenbach
    VonMarkus Katzenbach
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Gegenwart: Es ist eine Premiere. Die selbst ernannten Rasenballsportler aus Leipzig gegen die Frankfurter Eintracht? Dieses Duell voller Gegensätze gab es vor

Gegenwart: Es ist eine Premiere. Die selbst ernannten Rasenballsportler aus Leipzig gegen die Frankfurter Eintracht? Dieses Duell voller Gegensätze gab es vor dem Bundesliga-Neustart beider Vereine nach der Winterpause am Samstag (18.30 Uhr) in der sächsischen Messestadt noch nie. Nicht als Pflichttermin und schon gar nicht in reiner Freundschaft – da hätten wie bei vielen anderen Traditionsclubs allein schon die Frankfurter Fans zu viel dagegen gehabt. Die Premiere ist verblüffenderweise auch ein Spitzentreffen. RB nach 16 Spieltagen auf dem zweiten Tabellenplatz, die Eintracht auf dem vierten? Das hätte vor der Saison kein Experte Leipzigs Aufsteigern und Frankfurts Fast-Absteigern zugetraut. Der unerwartete Erfolg verbindet die beiden Überraschungen der bisherigen Runde, sonst fast nichts.

Geschichte: „Tradition seit 2009“ – dieser Zusatz ziert so manche Internetseite von RB-Fans. Ist wohl eher als Witz gemeint, außerhalb von Leipzig kann man über diese Schmalspurgeschichte bislang jedenfalls nur lachen. Als der Getränke-Hersteller Red Bull vor bald acht Jahren dem in der Kleinstadt Markranstädt vor den Toren Leipzigs angesiedelten Spiel- und Sportverein das Startrecht für die fünftklassige Oberliga Nordost abkaufte und so seinen eigenen Fußballverein aus der Taufe hob, war die Frankfurter Eintracht beispielsweise schon Deutscher Meister, vierfacher DFB-Pokalsieger und Uefa-Cup-Champion. Freilich lag die letzte Titelfeier des stolzen Bundesliga-Gründungsmitglieds da auch bereits über 20 Jahre zurück.

Wie Kölner, Gladbacher oder andere mussten sich die Eintracht-Fans sogar an zweitklassige Jahre gewöhnen. Während das Leipziger Start-Up ziemlich zielstrebig aus der fünften Etage Richtung Spitze stürmte, spätestens seit Ralf Rangnick Ende 2012 das Zepter übernahm – als Sportdirektor, zwischendrin auch als Trainer. Mit der TSG Hoffenheim hatte er schon einmal ein großzügig gepampertes Retortenbaby in die Bundesliga geführt. Und dank Red Bull sitzt der Geldbeutel in Sachsen noch lockerer.

Geld: So etwas hatte es im deutschen Fußball noch nicht gegeben. Klar, Werbung gehörte längst zum Geschäft. Aber das war immer Mittel zu dem Zweck, eine bessere Mannschaft auf die Beine zu stellen. Bei der Eröffnung der Leipziger Energydrink-Filiale lief es umgekehrt: Hier wurde eine Mannschaft gekauft, um ein Produkt zu bewerben – mit nach oben offenen Grenzen. „Diese Modelle stellen die Prinzipien unseres Fußballs auf den Kopf“, kritisierte Eintracht-Vorstand Axel Hellmann dieser Tage in der FAZ „jene Modelle, in denen Konzerne aus Absatzinteresse Clubs am Reißbrett erschaffen und mit den Kapitalmitteln des Konzerns dann den sportlichen Wettbewerb verzerren.“

Wechselgeschäfte: Schon in der Zweiten Liga führte dieser Kick aus der Dose zu eigenen Wirtschaftsgesetzen. Bei dem Lauterer Verteidiger Orban musste Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner 2015 rasch abwinken, an Bremens Stürmer Selke dachte er nicht einmal im Traum: Beide zog es nach Leipzig, und mit diesem Zweitligisten konnte mindestens die halbe Bundesliga nicht mithalten. Nach dem Aufstieg ging es erst richtig los: Mit 50 Millionen Euro Taschengeld durften Rangnicks Emporkömmlinge im Sommer auf dem Transfermarkt einkaufen, mehr als die Bayern, mehr als jeder andere der neuen Klassenkameraden, während der Eintracht das Kunststück gelang, mit gutem Blick, besten Kontakten und Leihgeschäften den Kader zu verbessern und dabei sogar noch einen satten Überschuss zu erwirtschaften. Mit ebenfalls rund 50 Millionen Euro stehen die Rasenballsportler schon an achter Stelle der Personaletat-Tabelle, die Eintracht findet sich mit 37, 38 Millionen an 13. Stelle. Dabei stecken Rangnick und Co. wie zu Hoffenheimer Zeiten das viele Geld gar nicht in große Namen, sondern in entwicklungsfähige, junge Spieler. Gerne von der alten Red-Bull-Filiale in Salzburg, wie bei Naby Keita, inzwischen einer der besten Mittelfeldmänner der ersten Klasse.

Erfolgsgeheimnisse: „Dass wir so viele Punkte haben, das hat niemand erwartet“, staunt der Leipziger Projektentwickler Rangnick selbst, den Frankfurter Kollegen geht es nicht anders. Dabei gehört zu den Erfolgsgeheimnissen hier wie dort vielleicht, dass gar nicht so viele von den Neuen zum Stamm zählen. Auf beiden Seiten spielen stets mindestens sieben, acht Profis, die vorige Saison schon in Leipzig eine Klasse tiefer oder mit der Eintracht am Abgrund zur Zweiten Liga am Ball waren. Die Kader aber wurden ganz gezielt verstärkt – und dann gibt es ja noch die Trainer Ralph Hasenhüttl bei RB und Niko Kovac in Frankfurt, die damit auch etwas anfangen können.

Aussichten: Wo das noch hinführt? Dass die Eintracht sich eine halbe Runde nach dem Fast-Abstieg so weit oben wiederfindet, ist fast eine noch größere Überraschung als der Leipziger Sturm durch die Bundesliga – das geht zwar etwas schneller als gedacht, gehört ja aber eigentlich zum Programm. Red-Bull-Boss Mateschitz hat nun schon zum nächsten Sommer das Ziel Europa ausgerufen. Auf Dauer will man ohnehin regelmäßig in der Champions League mitmischen, alles zur besseren Verbreitung des Energydrinks. Fragt sich nur, was die Uefa davon hält.

Mit deren Finanzregeln lässt sich das gewaltige Transferminus der vergangenen Jahre schließlich ebenso wenig vereinbaren wie die Tatsache, dass ein einzelner Sponsor – Red Bull – hinter 75 Prozent der Werbeeinnahmen steht. Aber vermutlich lässt sich auch da ein Weg finden, ähnlich wie beim Zurechtbiegen der DFB-Statuten. Firmen- als Vereinsnamen sind darin untersagt, weshalb sich die geschlossene Leipziger Gesellschaft, die zur Sicherstellung des Red-Bull-Einflusses nur 17 Vereinsmitglieder erlaubt, in Anlehnung an die Sponsoren-Initialen „Rasenballsport“ nannte. Und das Club-Logo mit zwei roten Bullen unterscheidet sich praktisch gar nicht mehr von den Getränkedosen.

Sportlich wirkt Rangnicks neues Retortenbaby stabiler als das aus Hoffenheim, das seinerzeit nach der Herbstmeisterschaft einbrach und Europa verpasste. Die Königsklasse ist möglich, das Polster stattlich. Und die Eintracht? Auch sie hat die Chance auf internationale Reisen, freilich eher in der Europa League – was nach den Schrecken der vorigen Saison eine Sensation wäre. Das Duell am Samstag könnte bei diesen europäischen Fragen besonders wichtig sein.

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