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Lang, lang ist es her: Fans der Frankfurter Eintracht feiern im Jahr 1959 in der Innenstadt die bislang einzige Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte.

Eintracht Frankfurt

Eintracht-Museum widmet sich der Frankfurter Fanszene

Die Fans der Frankfurter Eintracht gelten als stimmungsvoll. Als reiselustig. Und vor allem als leidensfähig. Ein Zeitzeugenprojekt wollte noch mehr über das Verhältnis der Anhänger zu „ihrem“ Verein herausfinden. Die Ergebnisse sind ab heute im Eintracht-Museum in einer Videoinstallation zu sehen.

Eineinhalb Jahre lang beschäftigten sich Holger Köhn und Christian Hahn vom Büro für Erinnerungskultur in Babenhausen intensiv mit der Fanszene des Fußball-Bundesligisten und arbeiteten eng mit dem -Museum zusammen. Sie führten Kurzinterviews auf Fanclub-Weihnachtsfeiern, aber auch viele längere Gespräche, in der sie die Menschen erzählen ließen. Sie sprachen mit jungen und alten Anhängern, mit Sitzplatz-Fans und Kuttenträgern.

Aus 37 Gesprächen entstanden sechs jeweils etwa zehnminütige Blöcke, die sich mit zentralen Fanthemen wie Heimat, Stimmung und Träume befassen. Einer davon widmet sich speziell der Rolle von Frauen im Stadion. Zu sehen sind in der Ausstellung nicht nur Interviews, sondern auch viele historische Filmsequenzen und Bilder, die mit Passagen der Vereinshymne „Im Herzen von Europa“ unterlegt sind. „Unser Ziel war es, möglichst viele Sichtweisen zu sammeln und alle gesellschaftlichen Schichten darzustellen“, erläutert Hahn.

Warum begeistern sich so viele Menschen für den Fußball im Allgemeinen und die Eintracht im Speziellen? Warum nehmen Fans lange Anfahrten in Kauf, um mit ihrer Mannschaft im Stadion mitfiebern zu können? Und warum identifizieren sie sich meist ein Leben lang mit „ihrem“ Verein? Diese und weitere Fragen stellten sich die Projektleiter – und waren von den Aussagen der Fans gerührt. „Als sie sich zu ihren Träumen äußerten, habe ich oft Gänsehaut bekommen. Denn ich habe es noch nicht so oft erlebt, dass Erwachsene derart offen über Emotionen sprechen“, sagt Köhn.

Das Büro für Erinnerungskultur arbeitete während des Langzeitprojekts mit einem Psychiater zusammen, der die angesprochenen Themen aus wissenschaftlicher Perspektive erörtert und immer wieder zwischen den Aussagen der Interviewten zu sehen ist. Ihre Antworten drücken eine enge Verbindung mit der Eintracht aus, die kaum enger sein könnte.

Der Frankfurter Kneipier Jürgen Vieth, in den 1980er-Jahren der erste Vorsänger im Fanblock, hofft etwa, dass seine Asche nach seinem Tod im Stadion verstreut wird. Manche Fans würden sich freuen, wenn die Eintracht bald einen eigenen Friedhof eröffnet. Andere wollen am liebsten bei der Eintracht sterben. Es sind Aussagen, die die Projektleiter durchaus verblüfften. „Wir hatten es nicht unbedingt im Blick, dass Menschen ihr Fan-Dasein über den Tod hinaus denken“, sagt Hahn, der mit den Fans freilich auch über die großen Triumphe und Tragödien der Eintracht sprach. Über die bislang einzige Meisterschaft im Jahr 1959 etwa. Oder über den verpassten Titelgewinn im Frühjahr 1992. „Mir kommen heute noch die Tränen. Es war das einschneidendste Erlebnis in meinem Leben“, erläutert ein Anhänger.

Wer Eintracht-Fan sein will, der muss auch leidensfähig sein. Denn man weiß schließlich nie, was kommt. Man weiß nur, was bisher geschah. Und das war nicht immer gut. „Ich habe mehr schlechte als gute Spiele erlebt“, sagt ein langjähriger Anhänger. Trotz vieler Negativerlebnisse strömen die Fans aber in Scharen ins Stadion – ohne große Erwartungshaltung: „Kaum ein Fan geht vor einem Stadionbesuch davon aus, dass die Eintracht toll spielt und hoch gewinnt“, erläutert Köhn. Psychiater Professor Johannes Pantel vergleicht dieses Phänomen mit einem Roulettespiel: „Sie setzen zehnmal auf Rot, und wenn zehnmal Schwarz kommt, wird es Sie trotzdem nicht davon abhalten, wieder auf Rot zu setzen.“

Unter den interviewten Fans sind nicht nur Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet beziehungsweise Hessen. Die Projektleiter sprachen auch mit Anhängern, die mehrere hundert Kilometer für ein Heimspiel auf sich nehmen. Und sie sprachen mit sehr alten Fans, die ihre ersten Erlebnisse mit der Eintracht während der NS-Zeit machten. Köhn und Hahn wollten von den Fans auch wissen, was passieren müsste, damit sie nicht mehr ins Stadion gehen. Eine Frage, die man einem Eintracht-Fan nicht stellt. „Viele haben uns angeschaut, als ob wir Außerirdische wären“, erinnert sich Hahn und erläutert: „Einige Fans sehen zwar manches im Fußball, etwa die Kommerzialisierung, kritisch. Aber davon hängt nicht ihre Identifikation mit der Sportart und ihrem Verein ab.“

Die 37 Fan-Interviews sollen nur ein erster Schritt gewesen sein. „Es lohnt sich, die Geschichten der Eintracht-Fans zu dokumentieren“, betont Matthias Thoma, Leiter des Eintracht-Museums. Und fügt hinzu: „Ich hoffe, dass uns noch viele weitere Fans ihre Fanbiographie erzählen werden.“

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