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Ob sie die richtige Taktik fürs Finale schon ausgetüftelt haben? Niko (rechts) und Robert Kovac.

Eintracht Frankfurt

Wie die Eintracht im Pokalfinale das Wunder schaffen will

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Die Rollen sind klar verteilt. In diesem Berliner Endspiel mit pikanten Besonderheiten aber will sich die Eintracht noch einmal zu einem großen Auftritt aufraffen. Und am besten die üblichen Kräfteverhältnisse außer Kraft setzen.

Am frühen Freitagabend betrat Niko Kovac den Rasen des Berliner Olympiastadions, zu einer letzten kurzen Trainingseinheit in Frankfurter Diensten. Dort, wo einst seine Karriere als Berufsfußballer begonnen hatte, endet nun auch seine Zeit bei der Eintracht – pikanterweise ja ausgerechnet mit einen Duell gegen seinen künftigen Club, den eigentlich übermächtigen FC Bayern, in einem letzten großen Showdown. Beim Abschlusstraining gestern ließen Kovacs alte Mitarbeiter seinen neuen den Vortritt. Heute Abend aber, wenn die größte Bühne des deutschen Fußballs dann richtig herausgeputzt ist und um 20 Uhr das 75. Finale um den DFB-Pokal angepfiffen wird, wollen sie die üblichen Kräfteverhältnisse auf den Kopf stellen – auch wenn der danach die Seiten wechselnde Coach Kovac die Chancen ein solches Wunder ganz sachlich einzuschätzen weiß. „Wir müssen alles abrufen, was uns stark gemacht hat in dieser Saison. Und wir müssen hoffen, dass die Bayern nicht einen so guten Tag erwischen, wie es eigentlich normal ist. Dann kann etwas passieren“, sagt er, nicht ohne anzufügen: „Wenn beide Mannschaften ihr Maximum abrufen, wird es schwierig.“

Die erfolgsverwöhnten Münchner Rekordmeister mögen selbst einem solchen Finale mit einer gewissen Routine entgegenblicken, für die ist dieses Fußballfest so oder so kein ganz normaler Tag, mit 74 000 Zuschauern im Berliner Betonoval und geschätzten 800 Millionen weltweit vor den Bildschirmen. In 185 Länder wird diese Begegnung übertragen.

Zwar standen Kovac und Co. im vergangenen Mai schon in diesem Rampenlicht und ausnahmsweise nicht die Bayern, die im Halbfinale überraschend gegen die Dortmunder Borussen ausgeschieden waren – welche dann wiederum nach einem knappen 2:1 gegen die Eintracht den goldenen Pokal überreicht bekamen. Die Rollen freilich waren selten so klar verteilt wie bei dieser Final-Ausgabe, das war schon bei der Pressekonferenz am Tag vorher unübersehbar. Auf dem Rasen werden die Bayern vermutlich deutlich öfter den Ball haben, auf dem Podium waren sie deutlich häufiger gefragt. Der altersweise Trainer Jupp Heynckes hatte seinen weltmeisterlichen Verteidiger Mats Hummel mitgebracht, beide ganz leger im Trainingsanzug, und plauderte bei seinem wahrscheinlich dann wirklich letzten Termin dieser Art ganz locker daher. Niko Kovac und sein Abwehrchef David Abraham standen bei dieser lässigen Bayern-Show etwas im Schatten, da half auch der schicke Zwirn mit dem Adler auf der Brust wenig.

Anders als Heynckes und Hummels war Kovac und Abraham die Anspannung doch anzumerken. Auch wenn Kovac beteuerte, wie locker seine Spieler morgens im Hotel zusammengesessen, gewitzelt und „ihre sozialen Netzwerke“ abgegrast hätten. Die Nervosität mag bei der Eintracht höher sein und natürlich auch der eine oder andere weitere Faktor gegen sie sprechen. Wenn es nach dem Euphorie-Wert ginge, wäre der Sieger aber schon jetzt klar. Wie vor einem Jahr wissen ihre Fans dieses Fest zu feiern, trotz des Theaters um ihren scheidenden Trainer, trotz der verpassten Europa-Reisen über die Bundesligaplätze. Schließlich bieten sich Frankfurt solche Gelegenheiten normalerweise nicht so häufig – die Rückkehr nach nur zwölf Monaten ist schon außergewöhnlich für hessische Verhältnisse, selbst wenn sie lange angepeilt war.

„Als die Saison begann, haben wir das als Ziel ausgegeben“, erinnerte Kovac gestern. „Einige haben uns belächelt. Man kann das auch nicht planen. Aber der Wunsch war groß. Und wenn man nicht daran glaubt, kann man das auch nicht schaffen.“ Für ihn ist es nun ein Abschiedsspiel, wie für manch anderen, hüben wie drüben. Vor allem auch für Heynckes, den er in der neuen Saison an der Säbener Straße beerben wird. Für den nach drei Eintracht-Jahren weiterziehenden Torwart Lukas Hradecky ebenso. Und vielleicht für Alexander Meier, den Frankfurter Fußballgott, dem so viele Fans einen neuen Vertrag wünschen würden oder zumindest einen letzten Auftritt.

Ob Kovac ihn noch einmal in den Kader beruft? Es wäre eine große Geste gegenüber seinem Kapitän. Dass statt des fast ein Jahr verletzt ausgefallenen Meier gestern sein Vertreter Abraham in die Pressekonferenz kam, in der üblicherweise die Spielführer neben den Trainern sitzen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass Kovac ohne ihn plant. Unter den 23 Spielern, die am Freitag noch eine knappe Stunde auf dem Endspielrasen übten, war Meier immerhin. Fünf seiner Profis aber muss Kovac für den Finalkader noch streichen, und selbst die Bankplätze sind hart umkämpft.

Um ein Wunder zu schaffen, wird er vor allem auf jene bauen, die über die Saison zu den stärksten Stützen zählten. Hradecky zum Beispiel im Tor, auf den giftigen Stürmer Ante Rebic. Und auf Kevin-Prince Boateng, die schillerndste Figur im Eintracht-Ensemble, für den dieses Spektakel in seiner Heimatstadt Berlin ungeachtet all seiner Erfahrungen in der Welt des Fußballs auch ein ganz spezielles ist.

Bei dem Versuch, das Unmögliche möglich zu machen, baut Abraham auf die mannschaftliche Geschlossenheit. „Wir haben das ganze Jahr gut zusammengehalten, das zeichnet uns aus“, sagt der Frankfurter Abwehrchef: „Bei uns hilft jeder jedem. Das wollen wir morgen noch mal zeigen. Und vielleicht können wir danach den Pokal in den Himmel recken.“ In der Defensive hoch konzentriert und in der Offensive effizient sein – das ist die Losung des Abwehrchefs.

Vor allem freilich müssen sich die Frankfurter noch einmal zu einem gewaltigen Kraftakt aufraffen. Dass sie das zu besonderen Gelegenheiten können, haben sie ein ums eine Mal bewiesen, und das ist ihnen auch heute zuzutrauen. Selbst wenn sie zuletzt geschlaucht von der harten Arbeit einer anstrengenden Saison wirkten, und schon auch etwas mitgenommen von dem von Nebengeräuschen und Enttäuschungen begleiteten Abgang ihres Trainers, mitten in der heißen Phase.

Heynckes gegen Kovac, Vorgänger gegen Nachfolger – das hat es in einem DFB-Pokalfinale auch noch nicht gegeben. Die besondere Note dieses Treffens zwischen Gegenwart und Zukunft spielt für Kovac indes keine Rolle, beteuert er. „Das Jetzt ist entscheidend. Wir haben eine Aufgabe, deshalb sind wir hier“, sagt er zu der pikanten Konstellation: „Was danach kommt, ist total unwichtig.“ Wehmut sei auch dabei, „nach zwei erfolgreichen Jahren“, wie Niko Kovac betont.

Einen letzten Wunsch hat er noch: Der Pokal-Coup wäre natürlich das schönste Abschiedsgeschenk. Nur in diesem Fall wird sich die Mannschaft übrigens am Sonntagnachmittag daheim auf dem Römer feiern lassen. Ansonsten wird sich der aktuelle Frankfurter Jahrgang rasch in alle Winde zerstreuen. Manche in die Sommerferien, manche für immer, nach dem Ende der nicht allzu langen, aber durchaus bemerkenswerten Ära Kovac.

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