Eintracht Frankfurt

Entfesselt, zügellos und mitreißend

Die sportliche Auferstehung der Frankfurter Eintracht war so nicht zu erwarten. Aber die Arbeit des neuen Trainers Adi Hütter scheint sich auszuzahlen.

Marc Stendera ist keiner, der große Töne spuckt. Der 22 Jahre alte Profi der stellt Sachverhalte immer so dar, wie sie eben sind. Nach der rauschenden Ballnacht beim schon jetzt sagenumwobenen 7:1 gegen Fortuna Düsseldorf sprach der Mittelfeldspieler also, und er meinte ja nur, was er sagte: „Wir schauen nicht nach unten, wir schauen nach oben.“ Und weiter: „Unser Weg ist nach vorne gerichtet. Wir wollen schönen Fußball spielen und die Leute begeistern.“ Besser hätte man diesen Abend des 19. Oktober nicht zusammenfassen, besser hätte man auch die Gesamtsituation von Eintracht Frankfurt im Herbst 2018 nicht beschreiben können.

Dieses 7:1 war natürlich ein historischer Sieg, einen Fünferpack wie jenen von Luka Jovic hat noch kein Eintracht-Spieler zuvor geschafft, auch die ganz Großen nicht. Und das letzte Mal, dass die Frankfurter sieben Treffer in 90 Minuten erzielt haben, nun ja, das liegt auch schon eine ganze Weile zurück, im November 1984 wurde Waldhof Mannheim mit 7:2 auf die kurze Heimreise geschickt, damals spielten noch Jürgen Pahl, Charly Körbel oder Thomas Berthold. Makoto Hasebe, der älteste Profi der aktuellen Mannschaft, war seinerzeit nicht mal zehn Monate alt, alle anderen noch nicht mal geboren. Und jetzt das, dieser Paukenschlag, dieses Statement der Eintracht. Es ist nicht nur diese eine Gala gegen einen völlig überforderten Neuling, das wie ein Versprechen für die Zukunft steht, nein, es ist die Art und Weise, wie die Mannschaft von Trainer Adi Hütter auftritt, wie sie das Spiel interpretiert, nämlich entfesselt, zügellos und mitreißend. Es ist die Lesart des Spiels, die sehr wohl Netz und doppelten Boden beinhaltet, die nicht ohne Absicherung funktioniert, also beileibe kein Wildwestfußball, aber die Spektakel verspricht.

Die Offensive der Eintracht ist eine echte Waffe, der Angriff mit Luka Jovic, Sébastien Haller und natürlich Ante Rebic, der am Freitag nicht mal dabei war, gehört sicher zum besten, was die Bundesliga im Angebot hat. „Ja, das ist so“, bestätigt auch der furiose Mittelstürmer Haller.

Der Franzose ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Mannschaft mit der Entwicklung der einzelnen Spielern wachsen kann. In der vergangenen Saison traf Haller in der Hinrunde zwar regelmäßig, doch er war nicht mal annähernd in der Verfassung, in der er heute ist. Er ist zu einem Fixpunkt, einem Schlüsselspieler geworden, spielstark, robust, beweglich, an fast jedem Tor beteiligt. Hütter, der Neue aus Österreich, hat die Spieler besser gemacht, hat sie auf ein anderes Level gehoben. Und gewiss kommt es den Offensivspielern auch zugute, dass sie nicht, wie bei Vorgänger Niko Kovac, in ein solch straffes taktisches Korsett gezwängt werden. Sie haben mehr (mentale) Kraft, um ihre eigentliche Stärke in den entscheidenden Momenten auszuspielen.

Zudem sind Spieler wie Mijat Gacinovic, Filip Kostic oder Danny da Costa enorm wichtig, gerade Kostics rassige Darbietungen samt scharfer Flanken auf links sind bemerkenswert gut. Das alles hat zur Folge, dass die Eintracht in den letzten drei Heimspielen gegen Hannover (4:1), Lazio Rom (4:1) und Düsseldorf (7:1) unglaubliche 15 Tore und in acht Bundesligapartien 19 Treffer geschossen hat (plus deren sechs in der Europa League), nur Dortmund hat häufiger getroffen (27). Die Hessen erfinden sich gerade neu.

Wer vor wenigen Wochen mit einer solchen sportlichen Auferstehung gerechnet oder sie prophezeit hätte, der wäre wahrscheinlich für ein bisschen realitätsfern ausgewiesen worden. Nein, dass sich die Eintracht so schnell zusammenfinden und derart überzeugen würde, war nicht zu erwarten. „Am Anfang war ich nicht happy, wie es gelaufen ist“, sagt Hütter. „Da sind wir gebeutelt worden.“ Und die anfängliche Kritik sei auch „berechtigt“ gewesen. Doch das Ganze sei ein Prozess, es brauche seine Zeit, bis ein neues Team zueinander finde. „Es dauert halt, bis es sich eingespielt hat.“ Der 48-Jährige hat seine Vorstellungen sukzessive implementiert, seinem Team Stück für Stück eine neue Denkweise eingetrichtert. „Man hat gewisse Vorstellungen als Trainer, man arbeitete darauf hin, dass die Mannschaft das umsetzt, was einem im Kopf vorschwebt“, sagt Hütter. Diese Symbiose scheint zu funktionieren. Und die Ausrichtung, das ist entscheidend, ist nach vorne gewandt. Das ist sehr erfrischend, das steht der Eintracht gut zu Gesicht. „Es geht um die Idee, nach vorne in die Tiefe zu spielen und zu marschieren, Möglichkeiten herauszuspielen und Begeisterung zu entfachen“, sagt der Coach. Zuletzt sei das „eindrucksvoll gelungen“, die zurückliegenden vier Spiele, allesamt überzeugend gewonnen, seien „außergewöhnliche Siege“ gewesen, „das ist nicht alltäglich“.

Für den Fußballlehrer ist Verteidiger Evan Ndicka ein „sinnbildliches Beispiel“, weil man am jungen Franzosen die Entwicklung, gerade auch die gedankliche, sehr gut ablesen könne. Vor wenigen Wochen noch habe er in manchen Situationen abgedreht, den Ball entweder nach hinten gepasst oder lang nach vorne geschlagen, der Sicherheitsgedanke habe klar im Vordergrund gestanden. Mittlerweile „treibt er den Ball nach vorne an“, sehr schön auch zu sehen, als der 19-Jährige einmal einen klasse Pass in die Tiefe auf Jovic spielte, der Serbe den Ball aber am Tor vorbeilupfte – und damit trotz seines sensationellen Fünferpacks die größte all seiner Chance vergab.

In den kommenden Wochen kann die Eintracht weiter nach vorne marschieren, national und international. Hütter will die Begeisterung nicht bremsen, allenfalls moderierend eingreifen.

(dur,kil)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare