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In diesem Rampenlicht steht er künftig nicht mehr. Mit seinem Abgang von der Fußballbühne kann Stefan Reinartz, hier bei der Frankfurter Saisoneröffnungsfeier vor bald einem Jahr, aber offenbar gut leben.

Nach Karriereende

Ex-Eintracht-Profi Reinartz als Datensammler zur EM

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Sein Karriereende mit 27 überraschte auch die Eintracht-Verantwortlichen. Jetzt sammelt Stefan Reinartz Fußball-Zahlen – und ist damit gut beschäftigt.

Als Frührentner hat man doch jetzt mehr Zeit, oder? Flapsige Fragen dieser Art hört Stefan Reinartz derzeit öfter, und er muss dann lachen. „Was zur Hölle stellen sich die Leute eigentlich vor?“, fragt er zurück. Klar, als Fußballer stehen Trainingseinheiten und Spiele und andere Pflichten auf dem Programm. „Aber in so einem Start-up-Unternehmen hat man ganz andere Arbeitszeiten“, meint Reinartz. „Ich komme mir vor, als hätte ich gerade erst angefangen, richtig zu arbeiten, und nicht damit aufgehört.“

Es ist noch keine zwei Wochen her, dass er seine Karriere als Berufsfußballer beendet hat, mit gerade 27 Jahren. Ein Entschluss, der nicht nur die Verantwortlichen bei Eintracht Frankfurt, seinem Verein, überraschte. Viele Verletzungen hatten den Mittelfeld-Strategen in den zurückliegenden drei Spielzeiten frustriert, er pendelte zwischen Reha und Fußballplatz. Probleme mit der Patellasehne, eine Nervenentzündung, zuletzt ein Sehnenriss, der immer noch Beschwerden bereitet – alles nur in seiner einen Eintracht-Saison. „Ich wollte meinen Körper auch nicht komplett durch Fußball zerstören“, sagt er.

Dass er noch eine andere Geschäftsidee verfolgte, hatte nicht unbedingt etwas mit diesem Abgang zu tun. Es führt aber dazu, dass Stefan Reinartz nach seinem Rollentausch gleich voll beschäftigt ist. Vom Berufskicker wird er zum Zahlensammler – und schafft es so sogar zur Europameisterschaft nach Frankreich. Mit seinem Start-up-Unternehmen Impect arbeitet er Fußballdaten auf innovative Weise auf. Nach dem ersten deutschen Gruppenspiel am Sonntagabend wird er mit ARD-Experte Mehmet Scholl erklären, wie das funktioniert. Nicht nur der Sender benutzt die Zahlen von Reinartz und Co. zur EM, auch die Nationalmannschaft. DFB-Chefanalytiker Christopher Clemens war sehr angetan von der Vorstellung, die Reinartz vor nun zweieinhalb Jahren mit seinem damaligen Leverkusener Mitspieler Jens Hegeler entwickelt hat.

„Unsere Antworten waren für ihn sehr logisch“, berichtet Reinartz. Kollege Hegeler, inzwischen bei Hertha BSC, und er hätten sich stets geärgert, dass bei der Pass-Analyse immer nur gezählt wurde: Ist der Ball angekommen oder nicht? „Es gibt aber Pässe, die kann auch meine Oma spielen. Und es gibt Pässe, da steht das ganze Stadion.“ Ein paar Wochen überlegten Hegeler und er, was das Kriterium für einen richtig guten Pass sein könnte. Dann kamen sie auf das, was sie jetzt die „Packing Rate“ nennen: Gezählt wird die Summe der mit dem Pass ausgespielten Gegenspieler. „So sind wir ja auch als Fußballer ausgebildet und angeleitet worden: Dass man lernt, Reihen zu überspielen“, erklärt Reinartz.

Bei der Eintracht drang er damit noch nicht durch. Dafür aber neben ARD und DFB auch bei seinem Stammverein Bayer Leverkusen, bei Borussia Dortmund und RB Leipzig. „Roger Schmidt und Thomas Tuchel haben gesehen, dass wir einen Mehrwert liefern“, meint er von den Bayer- und Borussia-Trainern. Interessant war für ihn: „Sie haben beide gesagt, dass es total zu ihrer Spielweise passt. Obwohl beide Spielweisen sehr unterschiedlich sind. Das macht uns Hoffnung, dass wir etwas geschaffen haben, das relativ universal nutzbar ist.“

Statistiken haben es ihm immer schon angetan. In der Schule, als „Mathe-Leistungskurs-Kind“, wie er sagt. Oder im angefangenen Psychologiestudium. Nun wird er Geschäftsführer einer Firma mit dann einem halben Dutzend festen und einem guten Dutzend freien Mitarbeitern, darunter Programmierer aus dem Bekanntenkreis, die genau rechtzeitig mit dem Studium fertig geworden sind. In Köln, wo er auch während seines Frankfurter Jahres seinen Wohnsitz behalten hat.

Dankbar ist Reinartz Eintracht-Trainer Niko Kovac und Sportdirektor Bruno Hübner, dass sie seinem nach dem Klassenerhalt geäußerten Wunsch, den eigentlich bis 2017 laufenden Vertrag aufzulösen, mit Verständnis begegneten. Überhaupt hätte er mit anderen Reaktionen gerechnet, befürchtet, dass viele es nicht kapieren würden, warum einer auf dieses Leben verzichtet: „Es ist ja nicht nur weniger Kohle. Man hat auch nicht mehr das Privileg, sich auf dieser Bühne zu bewegen.“ Er hat sich den Abschied nicht leicht gemacht, nach 21 Jahren, in denen der Fußball sein Leben bestimmte, tagtäglich. „Ich habe viel dafür gegeben, auch viel aufgegeben. Aber ich durfte auch viel erleben.“ Es sei bitterer, wenn einer mit 21 aufhören müsste, als für einen, „der schon sechsmal in jedem Stadion in Deutschland gespielt hat“.

Glücklich war Stefan Reinartz, dass der Eintracht der Abstieg erspart blieb. Das Jahr verbuchte er als Bereicherung für sich – auch wenn es ganz anders verlief als gedacht. Jetzt verfolgt er neue Pläne, auf vollen Touren. „Medial ist im Moment ein bisschen Zug drauf“, sagt er. „Wir müssen es aber schaffen, als Firma am Ende des Tages Geld zu verdienen.“ Und vielleicht gelingt ja noch mehr: Mit Statistik ein wenig den Sport zu verändern, dem Stefan Reinartz nun nicht mehr selbst nachgeht, der aber sein Beruf bleibt – nun als eine Art Fußball-Mathe für Fortgeschrittene.

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