Während der Pokalpartie Eintracht Frankfurt gegen Magdeburg feuerten vermeintliche Eintracht-Fans Raketen in den benachbarten Familienblock und zündeten Rauchbomben, um anonym in der Menge unterzutauchen.
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Während der Pokalpartie Eintracht Frankfurt gegen Magdeburg feuerten vermeintliche Eintracht-Fans Raketen in den benachbarten Familienblock und zündeten Rauchbomben, um anonym in der Menge unterzutauchen.

Eintracht Frankfurt

Fanprojekt-Chef: Eintracht zu nachsichtig mit randalierenden Ultras

Er spielte einst Fußball für die Frankfurter Eintracht (übrigens mit Jürgen Klopp in der Amateurmannschaft), war jahrelang für das Fanprojekt tätig und ist regelmäßiger Gast im Stadion. Kaum einer kennt die Fanszene der SGE so gut wie Michael Gabriel (52). Mit dem Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) unterhielt sich Stefan Fritschi über Magdeburg, die Folgen und zwei brisante Spiele innerhalb einer Woche.

Schwere Pyro-Ausschreitungen in Magdeburg, und in einer Woche das Derby in Darmstadt. Droht eine weitere Eskalation?

MICHAEL GABRIEL: Das glaube ich eigentlich nicht, weil die Vorfälle in Magdeburg so gravierend waren und das Erschrecken darüber im gesamten Umfeld groß ist. Obwohl es natürlich ein Risikospiel ist, wird die Einheit der Fanszene im Vordergrund stehen.

In der vergangenen Saison durften offiziell keine SGE-Fans ins Böllenfalltorstadion, nachdem es im ersten Spiel in Frankfurt zu Ausschreitungen gekommen war, u.a. wurden diverse Lilien-Utensilien in der Kurve am Zaun verbrannt. Ist dieses Sanktionsmittel der richtige Weg, um den gewaltbereiten Teil der Ultras zu bändigen?

GABRIEL: Der Ausschluss aller Fans, also auch der friedlichen – diese Kollektivstrafe hat nicht gewirkt. Im Gegenteil, es gab sogar negative Folgen: Weil die Strafe so viele unschuldige Fans traf, richtete sich der Ärger auf den DFB. So wurde auch eine selbstkritische Diskussion in der Fanszene über das eigene Fehlverhalten verhindert. Zusätzlich wurde ein Konfliktherd in der Darmstädter City geschaffen, und auch im Stadion selbst, denn Eintracht-Fans hatten sich trotzdem Karten besorgt.

Ein anderes Konfliktfeld könnte bereits am heutigen Samstag entstehen. Die Eintracht bestreitet ein Benefizmatch in Leipzig, die eher linksorientierten Ultra-Szenen von Chemie und der SGE sind befreundet. Ärger könnte es geben von rechtsgerichteten Hooligans des Lokalrivalen 1. FC Lok.

GABRIEL: Ich bin sicher, dass die Ultras dorthin fahren werden, um ihre Freundschaft mit den Chemie-Fans zu feiern.

Ist die Ultra-Szene in der Lage und überhaupt gewillt, die Probleme in den Griff zu bekommen?

GABRIEL: Probleme gibt es überall. Aber es ist schon auffällig, dass es an strukturell vergleichbaren Traditionsstandorten wie in Hamburg, Berlin oder Stuttgart doch etwas entspannter zugeht.

Inwiefern stehen der Fanclubverband, die Fan- und Förderabteilung und das Fanprojekt in der Pflicht?

GABRIEL: Wer, wenn nicht die Fans haben Verantwortung für ihre Fankultur! Die Fanabteilung hat mehr als 20 000 Mitglieder, der Fanclubverband repräsentiert nach eigenen Angaben 40 000 Fans. Ich würde mir wünschen, dass ein selbstkritischer Diskussionsprozess in Gang gesetzt wird, bei dem die Interessen der fußballinteressierten und friedlichen Fans im Mittelpunkt stehen.

Sind Konsequenzen jetzt nicht zwingend?

GABRIEL: Es wäre ein fatales Signal, wenn das Fehlverhalten ohne Konsequenzen bliebe.

An welche Konsequenzen denken Sie?

GABRIEL: Das sollten die Verantwortlichen von Eintracht Frankfurt am ehesten entscheiden können. Ich finde, es wäre gut, wenn die Eintracht selbst aktiv wird, anstatt auf eine Strafe des DFB zu warten.

Welche Einflussmöglichkeiten hat Eintracht Frankfurt selbst? Über die Jahre hinweg sind viele Dialoge geführt worden, doch durchgreifenden Erfolg hat es nicht gegeben. Fast in jeder Saison gibt es größere Vorfälle. Will die Eintracht es sich nicht mit den Ultras verscherzen?

GABRIEL: Es besteht bundesweit schon ein Erstaunen über die Nachsicht seitens der Vereinsverantwortlichen, die ihre Fanszene ja sehr gut kennen und an vielen Stellen unterstützt. Alle Fans orientieren sich an ihren Vereinen, deswegen darf es nicht nur Unterstützung geben, sondern es muss auch klar gemacht werden, wo die roten Linien sind.

Sie sind seit über 20 Jahren bei der KOS und kennen die Fanszenen in ganz Deutschland. Ist Frankfurt der größte Unruheherd?

GABRIEL: In Frankfurt müssen Fans und Verein spätestens jetzt gemeinsam analysieren, was in den letzten Jahren nicht gut gelaufen ist. Das zu korrigieren wird dauern. Klar sollte sein, dass Vorfälle wie vergangene Saison gegen Darmstadt und jetzt in Magdeburg nicht nur ein Problem für den Verein und die Liga darstellen, sondern auch für die Fankultur insgesamt. Von daher ist es wichtig, dass schnell ein Umdenken stattfindet. Sonst finden die Innenminister Gehör, die für einen Abbau der Stehplätze und Einschränkung der Gästekarten-Kontingente plädieren.

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