+
Engagierte Macher: Axel Hellmann, Oliver Frankenbach und Fredi Bobic vom AG-Vorstand und Eintracht-Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing (von links)

Eintracht Frankfurt

Vom Fast-Absteiger zum Europapokal-Aspiranten: Das ist die neue Eintracht

Die Frankfurter Eintracht ist sportlich und wirtschaftlich auf dem Vormarsch – dank der guten Arbeit von Trainer Niko Kovac und der visionären Vorhaben des AG-Vorstandes.

Es passierte wahrscheinlich in dieser Nacht, Ende Mai des vergangenen Jahres. Oben auf der Bühne im Bankettsaal eines der teuersten Hotels von Berlin standen Verlierer. Doch sie wurden gefeiert wie Sieger. Das 1:2 im Pokalfinale gegen Borussia Dortmund war nur noch eine Fußnote. Dort oben standen Botschafter – einer anderen, einer neuen Frankfurter Eintracht.

An den Tischen, im Dämmerlicht, klatschte alles, was in Frankfurt Rang und Namen hat. Man zeigte sich mit und bei der Eintracht – so wie am Abend zuvor in der „Frankfurter Botschaft“, dem in jeglicher Hinsicht formidablen Empfang des Fußball-Clubs in einer Event-Location im Osten der Stadt. Auch die vielen mitgereisten Fans hatten mit ihren Choreografien für einzigartige Momente gesorgt.

Peter Feldmann schwärmte zu später Stunde: „Eine einzigartige Werbung für die Stadt. Ihr seid Helden.“ Fredi Bobic badete förmlich in der Eloge des Oberbürgermeisters. „In Frankfurt spürt jeder, dass sich der Verein bewegt und alles dran setzt, um besser zu werden“, sagte der Sportvorstand.

Es könnte die Geburtsstunde der neuen Frankfurter Eintracht gewesen sein. Einer Eintracht, die nicht nur sportlich erfolgreich ist, sondern auch bis in höchste Kreise hinein neue Reputation gewonnen hat.

In der „Frankfurter Botschaft“ hatte der frühere Aufsichtsratschef Herbert Becker noch darüber sinniert, wie oft sich die Eintracht zu seiner Zeit bei der Suche nach potenten Partnern im Frankfurter Finanzsektor eine blutige Nase geholt hatte. Jetzt sind sie an Bord, zieren Werbebanden in der Arena und die Trikots der Profis.

Der Club, im Frühjahr 2016 noch fast abgestiegen, hat beim Umsatz längst die 100-Millionen-Euro-Grenze geknackt. Man denkt in großen Projekten. Und das Team steht nach dem 20. Bundesliga-Spieltag auf Platz vier. Es sprießen wieder einmal Träume von Europa. Man spürt täglich: Die aktuelle Führungscrew will mehr erreichen als Bobics Vorgänger Heribert Bruchhagen, dem es genügte, „etabliertes Mitglied der Bundesliga“ zu sein.

AG-Marketingvorstand Axel Hellmann hat es auf der Mitgliederversammlung des Eintracht e. V. so zusammengefasst: „Kraft, Leidenschaft und Wucht umgeben diesen Verein, Eintracht Frankfurt ist aktuell in einem guten Zustand.“ Und das sind die Gründe:

  Der sportliche Bereich: Da sind die Spieler und ihr Trainer Niko Kovac, unter dem es stetig voran geht. Der 46 Jahre alte Kroate hat aus mehr als 30 Profis aus 17 verschiedenen Nationen eine Mannschaft geformt, die nicht mehr nur den Blick nach unten werfen muss, sondern ein wenig auch nach oben schielen darf. Viele, nicht alle, der von Sportvorstand Fredi Bobic und Manager Bruno Hübner verpflichteten Spieler haben erstaunliche Entwicklungen genommen. Allen voran die Saison-Entdeckung Marius Wolf oder der Torjäger Sébastien Haller. Bei diesen beiden, aber auch bei anderen, könnte es eines Tages so kommen, wie Finanzvorstand Oliver Frankenbach es visionär beschrieben hat: dass die Eintracht Spieler für einen zweistelligen Millionenbetrag verkauft, für die sie deutlich weniger bezahlt hat.

Belohnt wurde auch der Mut, einen Star wie Kevin-Prince Boateng zu holen. Der einstige „bad boy“ hat sich bei der Eintracht zu einem leistungs- und meinungsstarken Anführer auf und neben dem Platz entwickelt.

Kovac hat es mit viel Fleiß und Sachverstand geschafft, basierend auf einer kämpferischen Grundlage eine spielerische Linie herauszuarbeiten. Noch immer lebt das Team von Leidenschaft und Kampfkraft, aber längst wird auch guter Fußball gespielt, mal mehr, mal weniger. Nur Bayern München (16) hat weniger Gegentore erhalten als die Frankfurter (20). Das spricht für eine disziplinierte Defensive der ganzen Mannschaft, aber auch für die großen Kämpfer ganz hinten. Natürlich für den Kapitän David Abraham, der schon einige Wochen wegen Verletzung fehlt, aber auch für Carlos Salcedo und Simone Falette und Marco Russ, die eher rustikal zu Werke gehen. Für die Gegner ist es keine Freude, gegen sie zu spielen. Und dahinter steht ja der famose Torwart Lukas Hradecky. Dass auch ihm mal ein Ball vom Fuß verrutscht, spielt im Grunde keine Rolle, weil er in seiner Kernkompetenz sicher einer der besten Torhüter der Liga ist. Die nächsten Wochen mit Spielen in Augsburg und zu Hause gegen Mainz (Pokal), Köln und Leipzig werden zeigen, wie weit der Weg nach oben führt.

  Geschäftliche Stärke: Wirtschaftlich hat sich die Eintracht zu einem beachtlichen Faktor im Rhein-Main-Gebiet entwickelt. Die 75 Logen und 2200 Business-Sitze für diese Saison sind ausverkauft. Der Umsatz beträgt weit über 100 Millionen Euro nur bei der Fußball AG, und er wäre deutlich höher, wäre die Eintracht nicht von Einnahmen der städtischen Arena abgeschnitten und müsste horrende Mieten zahlen. Längst gehören Deutsche Börse und Deutsche Bank zu den Sponsoren. Sponsoring- und Marketingerlöse liegen 15 bis 20 Prozent über dem Wert des Vorjahres.

Mit „Indeed“ haben die Frankfurter ein internationales Unternehmen als Hauptsponsor gefunden. Auch auf der Mitgliederversammlung hat Oberbürgermeister Peter Feldmann den Verein als „Stolz dieser Stadt“ bezeichnet. Mit der vor allem von Hellmann forcierten Internationalisierung arbeitet die Eintracht daran, weitere Märkte in Asien oder Amerika zu öffnen.

  Große Vorhaben: Die Planung sieht vor, nicht nur in Beine, sondern auch in Steine zu investieren. In diesem Jahr wird mit dem Bau einer neuen Geschäftsstelle inklusive Heimat für die Profis auf der Tennisanlage in unmittelbarer Nähe der Arena begonnen. „Jeder Club braucht einen Ort mit Würde und Stolz“, sagte Hellmann selbstbewusst, „man muss merken, dass Eintracht Frankfurt etwas ausstrahlt“. Das wird auch die Stadt Frankfurt spüren, wenn ein neuer Vertrag für die Arena ausgehandelt wird, der dann ab 2020 laufen soll. „Wir wollen entscheiden, was im Stadion passiert“, sagte Hellmann, „und niemand sonst“. Die Eintracht fordert einen Ausbau der Arena von 51 500 auf 60 000 Zuschauer, will sich daran beteiligen.

  Politisches Engagement: Auch politisch mischt sich der größte hessische Verein ein. Präsident Peter Fischer hat klare Worte an die Adresse der AfD gerichtet, die vielleicht nicht jedem gefallen, aber doch Maßstäbe gesetzt haben. Sportpolitisch fasste Axel Hellmann heiße Eisen wie die in Frage stehende „50+1“-Regelung an, die es untersagt, dass Investoren in der Bundesliga Vereine „kaufen“ können, ebenso wie die Spieltagszerstückelung mit dem ungeliebten Montagspiel. „Wir wollen die 50+1-Regel beibehalten, aber wir müssen uns darauf einstellen, wenn sie fällt“, sagt er. Wer dann nicht vorbereitet sei, wäre im Spiel der Großen chancenlos. Die Entscheidung darüber nahe, denn Präsident Martin Kind wird seinen Antrag auf Übernahme von Hannover 96 bald einreichen. Wird ihm das verwehrt, droht er mit Klage.

Auch bei der Deutschen Fußball Liga (DFL) will die Eintracht eine größere Rolle spielen. Hellmann fordert eine Diskussion über die von der Mehrzahl aller Fans, aber wohl auch von vielen Sponsoren, abgelehnten Montagspiele. Dafür freilich trügen die Vereine, nicht die DFL, die Verantwortung. „Die Vereine müssen es diskutieren“, fordert der Eintracht-Vorstand, „im Zweifelsfall müssen wir dann auf Geld verzichten, wenn wir tatsächlich eine Schmerzgrenze erreicht haben“.

Für das Montagsspiel der Eintracht am 19. Februar gegen Leipzig haben die Fans bereits einen Stimmungsboykott angekündigt. „Ausgerechnet wir bekommen das erste Montagsspiel, super Drehbuch, der Spielansetzer sollte sich bei Netflix oder Amazon bewerben“, sagte Hellmann sarkastisch, „ich wusste, dass die Debatte nun mit voller Wucht auf uns zukommt“. Die Eintracht wird ihr nicht ausweichen, ihr Wort soll ja wieder Gewicht bekommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare