Herr der Zahlen: Eintracht-Finanzchef Oliver Frankenbach (rechts), mit Vorstandskollege Axel Hellmann.
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Herr der Zahlen: Eintracht-Finanzchef Oliver Frankenbach (rechts), mit Vorstandskollege Axel Hellmann.

Oliver Frankenbach

Finanzchef im Interview: "Meine dramatischen Jahre bei der Eintracht"

Schon seit 1998 arbeitet Oliver Frankenbach bei der Eintracht, seit September 2015 als Finanzvorstand. Im ersten Teil des Interviews spricht der 48-jährige Familienvater, geboren und zu Hause im Limburger Raum, mit Klaus Veit und Markus Katzenbach unter anderem darüber, dass Emotionen nicht wirklich weiterhelfen, wenn es um Fußball und Finanzen geht.

Herr Frankenbach, Sie sind jetzt stolze 18 Jahre bei der Eintracht – das ist ja sogar länger als Alex Meier …

OLIVER FRANKENBACH: (lacht) Ja, stimmt. Es gibt zwei, drei Mitarbeiter, die noch länger da sind. Aber dann wird’s eng, dann komme schon ich. Aber man muss sich ja auch auf irgendwas verlassen können. In jedem Unternehmen, in jedem Club, ist es gut, wenn es ein paar Konstanten gibt.

Was waren die spannendsten Zeiten?

Spannend ist es eigentlich jedes Jahr, bis auf wenige Ausnahmen. Ich habe mal gesagt: Es wäre schön, wenn es mal stinklangweilig werden würde bei der Eintracht, dass man mal ganz früh gesichert ist, 45 Punkte plus holt. Das haben wir zwei Mal geschafft. Ansonsten war es meist doch sehr turbulent.

Sie haben zum Anfang gleich das volle Programm erlebt, mit der Saison 1998/1999 und dem 5:1-Wunder gegen Kaiserslautern am Ende …

Das war sicher ein Highlight, wenn man die 18 Jahre Revue passieren lässt. Reutlingen (der in letzter Minute mit einem 6:3 noch geschaffte Bundesliga-Aufstieg 2003, Anmerkung der Redaktion) war ähnlich dramatisch. Das sind Spiele, die man nicht vergessen wird. Wenn man einen Erfolg über die gesamte Saison erreicht, wie 2012 den Einzug in die Europa League, entwickelt sich das Stück für Stück. Aber wenn sich alles in einem Spiel entscheidet, ist die Nervosität viel größer.

Was waren abseits des Sportlichen die finanziell spannendsten Zeiten?

Eigentlich zwei Dinge. Einmal die Saison 1999/2000, mit dem Einstieg von Octagon, als man innerhalb kürzester Zeit einen Investor finden musste, der sich bei der Ausgliederung des Fußball-Abteilung in eine AG beteiligt. Und dann 2002 der Kampf um die Lizenz. Meine ersten fünf Jahre bei der Eintracht liefen so schnell ab wie ein Film. Man hatte gar keine Zeit, innehalten und zu gucken, was man da eigentlich macht und was da passiert, sondern war jedes Jahr vor eine neue Herausforderung gestellt. Das hat erst 2003 eine gewisse Beruhigung erfahren. Mit dem Aufstieg hatten wir uns finanziell etwas gesettelt. Und mit dem Umbau des Stadions sind wir in ganz andere Umsatzdimensionen vorgedrungen. Das hat es uns leichter gemacht, finanziellen Boden zu bekommen.

Damals wurde ein Investor gefunden. Kann so einer jetzt auch helfen?

Schwer zu sagen. Das ist eigentlich auch keine Frage, die sich uns im Vorstand stellt, sondern eine, die sich die Aktionäre stellen müssen, wie wir dort Veränderungen hinbekommen können. Momentan können wir relativ wenig machen. Die Anteile sind verteilt in der Fußball-AG.

Frisches Geld wäre aber nicht schlecht, oder?

Ja, wobei ich auch sage: Aus meiner Sicht muss es sich dabei um Eigenkapital handeln. Fremdkapital würde uns in der rein sportlichen Entwicklung nicht helfen. Wenn ich Fremdkapital aufnehme und in Spieler investiere, erfordert das gleich Aufwand, und dafür ist unsere Eigenkapitaldecke zu dünn, um das schuldenfrei schultern zu können. Fremdkapital bietet sich eher an, wenn wir uns infrastrukturell entwickeln wollen, wenn wir über den Neubau einer Geschäftsstelle nachdenken, über ein Beteiligungsmodell an einer Stadionbetriebsgesellschaft. Dann ist das eine Option, weil wir dann nur Miete oder Provisionszahlungen tauschen gegen Belastungen aus Zins und Tilgung.

Ist die Niedrigzinsphase, in der viele kaufen oder bauen, also auch für die Eintracht besonders interessant?

Natürlich. Man muss nur sehen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt: Digitalisierung, Internationalisierung, gestiegene TV-Gelder. Das bedeutet, dass wir uns ganz anders aufstellen müssen. Einen solchen Mitarbeiterzuwachs können wir in unseren Räumlichkeiten im Stadion und in Dreieich aber nicht umsetzen. Das heißt: Wir müssen darüber nachdenken, eine neue Geschäftsstelle zu bauen.

Wann ginge es denn frühestens, in so eine Betreibergesellschaft einzusteigen?

Ich gehe erst mal vom spätesten Zeitpunkt aus: Das wäre der 1. Juli 2020, wenn die Verträge auslaufen. Aber ich denke, dass wir uns schon bald in nächster Zeit mit den verschiedenen Institutionen zusammensetzen müssen. Und sie sich mit uns: Wir sind, in welcher Form auch immer, auch in Zukunft der Hauptmieter des Stadions. Da kann man nicht an uns vorbei gehen.

Warum war das 2005 nicht möglich?

Das war wie gesagt die Zeit, als wir uns finanziell gerade so gesettelt hatten. Die Stadt Frankfurt hat sicher jemanden gesucht, von dem sie glaubte, dass er das neue Stadion die nächsten 15 Jahre optimal vermarkten kann. Damals waren wir mit unserer Historie, unserer Vita der fünf Jahre zuvor, nicht unbedingt ein Ansprechpartner, der großes Vertrauen erzeugt hat. Rückblickend würde der eine oder andere die Entscheidung vielleicht anders treffen. Weil man gesehen hat, dass wir doch erheblichen Anteil an der Vermarktung des Stadions haben. Und wenn man sieht, mit welchen Partnern wir zusammenarbeiten, sind das immer noch zum Großteil Partner, die wir vorher schon hatten. Insofern können wir bei der Vermarktung auch in den Jahren davor nicht so viel falsch gemacht haben.

Was zahlen Sie pro Jahr für das Stadion, und was kommt bei der Stadt an?

Ich kann Ihnen nur sagen, was wir zahlen: Das ist umsatzabhängig und liegt zwischen acht und neun Millionen Euro. Was bei der Stadt ankommt, kann ich nicht sagen.

Thomas Pröckl galt in dieser Phase als Hauptsanierer der Eintracht. Was war damals unter ihm Ihr Job?

Das war nicht soviel anders als jetzt. Dr. Pröckl hat als Finanzvorstand mehr in der Öffentlichkeit agiert, in der Finanzwelt Kontakte geknüpft, wie ich das jetzt auch mehr tun muss. Die tägliche Umsetzung aber lag bei mir, so wie sie jetzt bei meinen Mitarbeitern liegt.

Was ist das Wichtigste, um einen Verein wie die Eintracht durch Höhen und Tiefen zu führen? Ist das nur Analyse – oder auch ein Bauch- oder Fingerspitzengefühl?

In allererster Linie Analyse von Zahlen. Fingerspitzengefühl hilft in der Finanzwelt nicht wirklich. Ich glaube, meine Stärke ist, dass ich völlig emotionslos bin, wenn es um die Frage geht: Was können wir uns leisten? Bei Zahlen gibt es nur Schwarz oder Weiß. Entscheidend ist in dem Bereich, dass man weiß, bis wohin man gehen kann, und sich nicht emotionalisieren lässt. Da hatten wir in der Vergangenheit bei der Eintracht auch ein paar Zeitpunkte, wo man vielleicht emotionalisiert gehandelt hat, was uns dann lange beschäftigt hat.

Hat man auch im letzten Winter emotional gehandelt?

Nein. Da haben wir einfach entschieden, mit dem Rücken zur Wand, Investitionen zu tätigen, die wir uns leisten konnten. Aber auch im Vorgriff auf die neue Saison. Wenn man in der Winterpause einen Mexikaner (Marco Fabian, Anm. d. Red.) holt, muss einem bewusst sein: Das ist keine kurzfristige Investition in ein halbes Jahr, sondern eine langfristige. So wurde es von uns verabschiedet. Wir wollten Investitionen tätigen, um den Klassenerhalt zu schaffen, gleichzeitig aber auch darüber hinaus.

Nun geistert die Zahl von sechs bis acht Millionen Euro herum, die man in der Folge angeblich als Transferüberschuss erzielen muss.

Wir müssen nicht, aber wir sollten einen Transferüberschuss erzielen, um auch in Zukunft finanziell handlungsfähig zu sein. Wie hoch der sein wird, ist schwer zu sagen. Das hängt auch ein bisschen davon ab, um welche Spieler es beim Thema Abgänge geht und wie sich das dann auswirkt auf Liquidität und Eigenkapital. Da gilt es in den nächsten Wochen, diejenigen Spieler auf dem Markt zu platzieren, von denen wir glauben, dass sie uns in der Gemengelage helfen.

Heißt das, aus finanzieller Hinsicht wäre es sinnvoller, Alex Meier zu verkaufen als Marco Fabian?

Aus finanzieller Sicht ja. Alex Meier ist aber natürlich keine Option, wir haben uns nie darüber unterhalten, ihn zu veräußern. Aber verantwortlich für diese Themen ist die Sportliche Leitung.

Wie hoch ist das Eigenkapital jetzt?

Das wird zum 30.6. irgendwo bei 8,5 Millionen Euro liegen.

Ein zufriedenstellender, aber nicht toller Wert.

Ja, und man muss auch sehen: Wir hatten zu dieser Saison nicht nur Rekordtransfererlöse von 10,5 Millionen Euro, wir haben auch 15,7 Millionen investiert. Das bindet uns in den kommenden Spielzeiten. Die 10,5 Millionen sind sofort eigenkapitalwirksam, die 15,7 Millionen werden aber erst in den kommenden Jahren über Abschreibungen aufgelöst. Deshalb haben wir momentan noch ein relativ gutes Eigenkapital.

Wie wird der Umsatz zum Kassensturz am 30. Juni aussehen?

Er wird bei 103 Millionen Euro liegen, davon circa drei Millionen Gewinn. Das kann sich aber verändern, wenn wir in den nächsten Tagen noch Abgänge haben.

Und der Spieleretat?

Wir hatten vor der Saison mit 39,5 Millionen Euro geplant, werden aber mit 36 Millionen rauskommen. Weil durch die mangelhafte sportliche Situation weniger Prämien gezahlt werden mussten, auch weil wir ein paar Verletzte hatten. In die neue Saison gehen wir mit etwa 38 Millionen Euro.

Was ist denn aus Ihrer Sicht besser: Einen bekannten Spieler zu holen, der zufällig ablösefrei ist, dem Sie aber ein hohes Gehalt in den Rachen schieben müssen? Oder ein jüngerer Spieler, der ein paar Millionen Ablöse kostet, aber erst mal nicht so viel Gehalt zieht?

Schwierige Frage, weil die Mischung in einem Kader stimmen muss. Rein ökonomisch ist es natürlich sinnvoll, auch einmal eine höhere Ablösesumme in einen Nachwuchsspieler zu investieren, um die Personalkosten über einen gewissen Zeitraum etwas niedriger zu halten. Und den Spieler, wenn er sich weiter entwickelt hat, zu einem Zeitpunkt X wieder zu verkaufen. Aber man braucht natürlich auch die erfahrenen Spieler, die das Gerüst der Mannschaft bilden.

Stimmt das Gehaltsgefüge bei Eintracht Frankfurt oder ist es zu hoch?

Wir sollten sicher darüber nachdenken, in dieser Transferperiode den einen oder anderen jüngeren Spieler dazu zu nehmen, für den man auch mal eine Ablöse zahlt, als nur noch in etablierte Spieler zu investieren. Wir hatten ja in der letzten Saison relativ viele etablierte Spieler, und funktioniert hat es auch nicht unbedingt.

Im zweiten Teil des Interviews lesen Sie morgen: Oliver Frankenbach über finanzielle Möglichkeiten, strategische Partner – und warum er sich gar nicht darüber freuen würde, mit 500 Millionen Euro zugeschüttet zu werden.

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