Nachdenklich: Eintracht-Trainer Hütter nach der Pleite in Leverkusen.

SGE

Eintracht gegen Chelsea: Setzt Hütter wieder auf bewährte Taktik?

Das 1:6 gegen Leverkusen sollte eine letzte Warnung gewesen sein - auch für Eintracht-Trainer Adi Hütter bei der Taktikwahl.

Frankfurt - In diesen besonderen Tagen, da Eintracht Frankfurt ein bisschen neben der Spur scheint, greift man im Stadtwald gern nach Stimmungsaufhellern. Und siehe, der Bundesligist hat einen gefunden, noch ehe die entscheidende zweite Partie gegen den FC Chelsea um den Einzug ins Europa-League-Finale angepfiffen wurde.

Die in Frankfurt hoffnungstiftende Nachricht ist die Besetzung des Amtes des Schiedsrichters am Donnerstag (21 Uhr/RTL und Dazn) an der Stamford Bridge. Herr Ovidiu Alin Hategan wird dieses Spiel leiten, ein Rumäne, der auch an die Pfeife gelassen wurde, als die Eintracht im März im Achtelfinale in San Siro gegen Inter Mailand 1:0 gewann, mit ihrer mit Abstand besten Leistung in diesem Jahr. "Das muss ein Zeichen sein", twitterte die Eintracht fröhlich. Nun könnte man sagen: Es steht nicht gut um Eintracht Frankfurt, wenn man schon auf den Unparteiischen bauen muss. Aber das wäre dann doch arg bösartig.

Eintracht Frankfurt, das ist sicher, ist angeknockt, läuft auf der letzten Rille. Allein unbändiger Wille treibt die müden Recken noch an, Mentalität und Hingabe. Sie werden noch einmal alle Körner zusammenkratzen müssen, um Chelsea Paroli zu bieten. "In der Europa League", sagt Trainer Adi Hütter tapfer, "haben wir noch nie enttäuscht".

Sie sind aber auch noch nie auf solch einen übermächtigen Gegner gestoßen. Und wie schnell ein Traum zerplatzen kann und Bälle am laufenden Band im eigenen Netz einschlagen, hat ja gerade die 1:6-Klatsche von Leverkusen allen schmerzlich vor Augen geführt.

Diese insbesondere in ihrem Zustandekommen schockierende Niederlage sollte Eintracht Frankfurt letzte Warnung sein, was alles passieren kann, wenn nicht ein Rädchen ins andere greift, wenn alle Systeme ausfallen und wenn das Team nicht an die Leistungsgrenze geht.

Insofern war die Schlappe vielleicht genau der Schuss vor den Bug, den man noch mal benötigte, der einen letzten Hallo-wach-Effekt auslösen kann. Sportvorstand Fredi Bobic hat in diese Richtung argumentiert. Vielleicht sei es gar nicht so verkehrt, wenn "wir mal so einen mitkriegen". Das schärfe zumindest die Sinne, die Antennen jedenfalls sind ausgefahren.

Außerhalb der Wertung

Andererseits sollte man diese Schlappe nicht überinterpretieren, sie liegt außerhalb der Wertung, war ein Ausrutscher. Sie muss man deshalb aus zwei Gründen vom sehr guten Gesamtbild dieser Saison ausklammern. Einmal, weil sie zwischen zwei hochkarätigen Europa-League-Spielen angesiedelt war, die fast die komplette Konzentration absorbiert haben. Zum anderen, weil Trainer Hütter das Team gravierend umgestellt, zudem eine unpassende Taktik gewählt hat. Kein Spieler hatte sich in dieser veränderten Grundordnung zurecht gefunden. Offenkundig ist es ja so, dass sich die Frankfurter Spieler in einer bestimmten Struktur - Dreierkette, zwei Flügelspieler, drei Mittelfeldspieler, zwei Spitzen - wohlfühlen. Nicht von ungefähr kommt, dass die Frankfurter seit dem Leipzig-Spiel in der Hinrunde mit dieser Grundordnung außerordentlich erfolgreich aufgetreten sind.

"Dieses Spiel zeigt mir viel auf", hat Hütter nach dem Debakel von Leverkusen gesagt. Er wird seine Lehren daraus ziehen, er wird gut beraten sein, auch in London wieder mit zwei Spitzen zu agieren. In erster Linie, weil eine zweite Anspielstation unabdingbar ist für das Frankfurter Spiel. Im Hinspiel gegen Chelsea bekam die Eintracht erst dann wieder Luft, als Goncalo Paciencia neben Luka Jovic im Angriff spielte, auch in den ersten 36 Minuten von Leverkusen fehlte ein zweiter Mann vorne, der für Entlastung hätte sorgen können. Denn auch das war eine Erkenntnis vom Sonntag: Mit einer rein auf Verteidigung ausgerichteten Order wird die Eintracht nicht erfolgreich sein. Sie muss auch nach vorne spielen. Was sie ja im letzten Dreivierteljahr in aller Regel zuweilen meisterhaft zelebriert hat.

Deshalb macht es auch keinen Sinn, für die letzten, wichtigen Spiele alles über den Haufen zu werfen. Die Mannschaft sollte in ihrer gewohnten, Sicherheit gebenden Grundordnung agieren und hoffen, dass das eintritt, was Fredi Bobic mitteilen ließ: Man werde alles geben, "um an der Stamford Bridge zu bestehen und das Wunder zu schaffen". Und drei Tage später gegen Mainz mit einem Sieg die Pforte zu den nächsten europäischen Spielen zu durchschreiten.

von Thomas Kilchenstein

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