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Zufriedene Gesichter bei der Eintracht-Spitze: Fredi Bobic, Wolfgang Steubing und Bruno Hübner (von links).

Eintracht Frankfurt

Fredi Bobic will eigene Wege gehen

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Das Eintracht-Sakko hat Bobic noch nicht an, die Freude auf die neue Aufgabe ist ihm anzumerken. Bei seiner Vorstellung äußert sich der neue Sportvorstand zu vielen wichtigen Themen.

Ob ihm das Sakko mit dem Eintracht-Adler auf der Brust passt, das ihm sein Vorgänger Heribert Bruchhagen bei der Amtsübergabe in die Hand gedrückt hat? „Ich glaube, da muss ich noch ein bisschen reinwachsen. Aber ich kann’s ja etwas ändern lassen“, sagt Fredi Bobic mit einem Augenzwinkern. Bei dem Frankfurter Doch-noch-Bundesligisten hat am Mittwoch mit seiner offiziellen Vorstellung eine neue Zeitrechnung begonnen, um kurz vor elf im Lindner Hotel, nur einen Steinwurf vom Stadion entfernt. Da trug er erst einmal einen dunkelblauen Maßanzug statt des Vereinsjacketts, und dass er ein großes Erbe antritt, weiß Bobic. „Für das, was Heribert Bruchhagen in 13 Jahren für den Verein und den Fußball insgesamt getan hat, gibt es keine Worte. Er ist eine Ikone. Das sind große Fußstapfen“, meint der neue Frankfurter Sportvorstand, in diese hineintreten freilich will er gar nicht unbedingt: „Ich werde schon auch meine eigenen Wege gehen.“

Gut eine halbe Stunde stand der 44-jährige frühere Nationalspieler, Europameister, deutscher Meister und Pokalsieger, der von 2010 bis 2014 Sportchef und -vorstand beim VfB Stuttgart war, bei seiner Vorstellung Rede und Antwort, danach exklusiv auch dieser Zeitung. Er sei „voller Tatendrang, voller Euphorie“. Fredi Bobic über . . .

Eintracht Frankfurt: „Die Eintracht gehört für mich zur Bundesliga, auch wenn sie mal runtergegangen ist. Ich habe in meiner Karriere immer für Traditionsvereine gearbeitet. Sie haben eine besondere Strahlkraft, eine besondere Power, die man nutzen muss. Man hat in den letzten Wochen gemerkt, wie die Gemeinde in schweren Zeiten zusammengerückt ist. Das hat mich fasziniert. Mich begeistert, wie unheimlich viel Potenzial wir haben. Man darf aber nicht nur davon reden, sondern muss daran arbeiten, ich an erster Stelle. Die Eintracht wurde konservativ geführt. Das war zu dem Zeitpunkt genau das Richtige. Ich stehe aber schon auch für ein mutigeres Auftreten. Heribert Bruchhagen hat mir einen kerngesunden Verein hinterlassen. Ich muss nichts konsolidieren. “

Ziele und Möglichkeiten: „Es ist ein Erfolg, fester Bestandteil der Bundesliga zu sein. Mittelfeld ist nicht Mittelmaß. Das hat mein Vorgänger gesagt, dazu stehe ich absolut. Aus der Position kann man aber versuchen, Schritt für Schritt nach vorne zu kommen. Die Bundesliga ist so umkämpft, dass zehn Mannschaften immer Probleme bekommen können. Es ist aber auch nach oben vieles möglich. Das hat man jetzt bei der Hertha gesehen. Oder in England am Beispiel Leicester City. In dieser Saison sind viele negative Dinge passiert. Sie wurden aber mit Bravour gemeistert, weil Verein und Führung die Ruhe bewahrt haben. Erfolg haben nur Vereine, die geschlossen agieren, bei denen alle mit einer Zunge sprechen. Wir müssen schauen, dass wir Spieler weiterentwickeln, Transferüberschüsse erzielen, frisches Geld hinzubekommen, die Eintracht moderner aufstellen.“

Aufgaben: „Wir werden eine Mannschaft aufstellen, die konkurrenzfähig ist. Der Fokus liegt jetzt erst einmal voll auf der Bundesliga. Im zweiten Schritt geht es aber auch um die Nachwuchsarbeit. Ich war am Dienstag am Riederwald und begeistert davon“, sagt Bobic. Es klang indes durch, dass es die Entscheidung, vor zwei Jahren die U 23 abzumelden, mit ihm wohl nicht gegeben hätte. „Das kann ich nicht rückgängig machen. Wir müssen aber Lösungen finden, Talente auszuleihen an Vereine, denen wir vertrauen, damit sie Spielpraxis bekommen“, erklärt er und kündigt allgemein an: „In einigen Themen will ich ein bisschen mutiger sein, etwa beim Scouting. Ich habe ein paar Ideen, die ich auch gerne schnell umsetzen möchte. Es wird sicher in den nächsten Wochen auch Veränderungen geben.“

Personalien: Mit Trainer Niko Kovac und Sportdirektor Bruno Hübner ist Bobic in den vergangenen Tagen schon alle Eintracht-Profis durchgegangen, auch Gespräche mit den Spielern und ihren Beratern wurden bereits geführt. Noch gilt es, die Bestandsaufnahme, die Analyse dieser fast mit dem Abstieg zu Ende gegangenen Saison, abzuschließen. „Da sind wir auf einem guten Weg“, sagt Bobic. Die Fragen lauten: Wer soll bleiben, wer soll gehen – und wer soll kommen? Erste Antworten gibt es bereits. Makoto Hasebe wurde ein neues Angebot unterbreitet. Der Vertrag von Marc Stendera, mit einem Kreuzbandriss außer Gefecht, soll wohl bis 2020 verlängert werden. Während sich Sonny Kittel, ein anderer von schweren Knieverletzungen geplagter Youngster, nach einem neuen Verein umsehen soll.

Der Umbau wird in diesem Jahr etwas größer ausfallen, Verstärkung ist in allen Teilen nötig. „Die Mannschaft wird schon ein etwas anderes Gesicht haben“, sagt Bobic. Dass der Klassenerhalt so spät erst klar war, macht es nicht leichter: „Da sind wir die letzten in der Kette. Ein paar Spieler sind so schon abgesprungen. Aber es ist eine lange Transferperiode, wir haben genug Zeit.“ Gefragt sind handlungsschnelle Spieler – und eine gewisse Charakterstärke: „Mentalität schlägt Qualität.“

Alexander Meier: „Ich habe mit Alex bereits gesprochen. Er weiß genau, wie seine Zukunft bei der Eintracht aussehen könnte. Da braucht man keine Angst zu haben. Er hat ja auch noch ein Jahr Vertrag, und das Gespräch war richtig gut.“ Generell gelte, so Bobic: Spieler wie Meier oder Marco Russ, der nach seiner Tumorerkrankung hoffentlich möglichst rasch wieder gesund wird, seien wichtig für die Eintracht, weil es eben Spieler mit lokalem Bezug braucht.

Trainer Niko Kovac: „Ich kenne Niko aus unserer Zeit in Berlin, wo wir zwei Jahre zusammengespielt haben. Danach sind wir immer im Gespräch geblieben. Er ist sehr gradlinig, sehr positiv, hat auch im Abstiegskampf immer nur nach vorne geschaut, nie gejammert und in der kurzen Zeit das Bestmögliche aus dem Spielermaterial geholt, das da war. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit, ebenso wie mit Bruno Hübner.“

Sportdirektor Bruno Hübner: „Jeder fragt: Wie kann das funktionieren? Es geht sehr gut, ohne Probleme. Ich habe auch andere Aufgaben als Vorstand, etwa die Eintracht in der Gesellschaft zu vertreten. Der Fokus liegt aber auf dem Sport. Da gibt es natürlich Überschneidungen. Aber wir arbeiten die Strategie gemeinsam aus, teilen uns die tägliche Arbeit auf, werden viel kommunizieren und sehr eng zusammenarbeiten. Wir werden uns öfter sehen als unsere Frauen. Bruno kenne und schätze ich schon lange. Er hat wie Niko Kovac eine klare Meinung zu Personalien. Die Struktur finde ich auch gut. Ich habe auf einer früheren Station schon überlegt, einen Sportdirektor, einen Kaderplaner zwischenzuschalten. Da war das aber nicht möglich. Wir werden alle Entscheidungen als Team treffen. Am Ende des Tages trage ich aber die Verantwortung. Ich bin der, der angeschossen wird, wenn etwas schief geht.“

Vorbehalte vieler Fans: „Ich begegne dem offen und konstruktiv. Als Stürmer musste ich mich immer gegen Verteidiger durchsetzen, da musste ich auch klare Kante zeigen. Ich habe aber auch viel positives Feedback in Frankfurt bekommen. Es ist normal, dass es Kritik gibt, und auch ein paar Legenden. In den letzten Wochen habe ich Sachen über mich gelesen, die ich selbst noch nicht wusste. Wie die Eintracht als Traditionsverein polarisiert, habe ich als Person auch immer polarisiert. Keine Ahnung, warum das so ist. Aber ich kann damit umgehen.“

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