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Europa League

Ein Fußball-Fest, eine Tragödie - der Eintracht-Triumph gegen Lazio Rom

Bei Eintracht-Trainer Adi Hütter waren die Gefühle auch gestern noch gemischt. Die Tragödie um Lucas Torro war ein Wermutstropfen beim Fußball-Fest in der Europa League.

Auch am Tag nach der magischen Nacht war Adi Hütter noch immer zwiegespalten. Klar, auf der einen Seite voller Stolz und Glücksgefühlen, die raus mussten. Er, der Eintracht-Trainer, habe seinen Freunden sogleich geschrieben, welch „unvergesslichen Abend“ er im Herzen von Europa beim fast schon historischen 4:1 gegen Lazio Rom erleben durfte, eine entfesselte Fußballparty mit großen Emotionen.

Und doch durchdrangen seine Ausführungen immer wieder Töne in Moll, mit ernster Miene berichtete er von „gemischten Gefühlen“, die den Zustand des vollkommenen Glücks nicht zuließen. „Mit den Gedanken bin ich immer auch bei Lucas Torro.“ Der Mittelfeldspieler der Eintracht war nach dem Abpfiff in Tränen ausgebrochen, es waren keine Freudentränen.

Trainer Hütter sorgte umgehend für Aufklärung, versammelte die Mannschaft noch auf dem Feld um sich und verkündete, quasi im Epizentrum der ekstatischen Menge, das, was der 24-Jährige seinen Mannschaftskameraden geflissentlich verschwiegen hatte, nämlich dass er einen schweren Schicksalsschlag wegzustecken hat.

In der Nacht vor dem Europa-League-Spiel war einer seiner Brüder aus dem Leben gerissen worden, er verstarb plötzlich und unerwartet. Ein Schock. Torro, der Jüngste der sieben Geschwister, aber entschied sich in Absprache mit seinen Eltern dazu, beim großen Spiel auf europäischem Parkett aufzulaufen.

„Er wollte unbedingt spielen“, sagte Hütter, „und da war mir klar, dass ich ihn auch spielen lasse.“ Der Spanier, das ist bemerkenswert, zeigte eine gute Leistung, unter diesen belastenden Umständen kann man auch die von seinem Trainer gewählte Umschreibung „grandios“ locker durchgehen lassen. Dass Torro auflief, zeigt fürwahr, aus welchem Holz er geschnitzt ist und wie die Mannschaft schon in kurzer Zeit zusammengewachsen ist. Chapeau, Lucas Torro. Der Spanier hat sich am Freitag in seine Heimat verabschiedet, er wird beim Auswärtsspiel am Sonntag bei der TSG Hoffenheim (15.30 Uhr) nicht dabei sein. Das ist mehr als verständlich. Die traurige Nachricht war ein Wermutstropfen inmitten der rauschenden Ballnacht im Stadtwald, die das Zeug hat, sich einzureihen in die Liste der Frankfurter Sternstunden der jüngeren Vergangenheit: 5:1 gegen Kaiserslautern, 6:3 gegen Reutlingen, Pokaltriumph gegen die Bayern vom Mai, vielleicht noch das 6:0 gegen Schalke, das 3:3 gegen Porto und das 2:2 gegen Wolfsburg.

Die Arena glich einem Tollhaus, es war ein Gänsehauterlebnis erster Güte. „Für solche Abende, für solche Momente spielst du Fußball“, sagte Kapitän Marco Russ, der auf dem Spielfeld das Trikot mit Lazio-Verteidiger Francesco Acerbi tauschte. Die beiden eint ein gemeinsames Schicksal: Beide waren an Hodenkrebs erkrankt, beide hatten die Krankheit überwunden und waren auf den Rasen zurückgekehrt. Ein weiterer Mosaikstein bei diesem Abend der großen Gefühle.

Kevin Trapp, der Nationaltorwart, der von Bundestrainer Joachim Löw für die anstehenden Partien im Nations Cup nominiert wurde, hatte alle Mühe, die Contenance zu bewahren. „Das war die beste Stimmung, die ich hier jemals erlebt habe, und ich habe hier schon einiges erlebt.“ Auch Hütter war von den Socken, welch elektrisierende Atmosphäre im weiten Rund herrschte. „Ich hatte eine Gänsehaut. Man hat gespürt, was hinter diesem Verein steckt. Es war eine Nacht, die ich nie vergessen werde.“

Und er war gottfroh, dass seine Mannschaft die Wechselwirkung zwischen dem Treiben auf den Rängen und dem auf dem Feld zusätzlich befeuern konnte. Die Eintracht schwang sich zu ihrer mit Abstand besten Leistung in dieser Saison auf, klammert man das Pokalfinale gegen die Bayern aus, dann war es ganz sicher auch die stärkste Vorstellung in diesem Kalenderjahr.

Die Frankfurter stehen hinten mittlerweile stabiler, was ursächlich mit dem ungeheuerlich guten Makoto Hasebe und der Rückkehr zur Dreierkette zu tun hat, sie hat sich im Mittelfeld berappelt, legt mehr Wert auf die spielerische Linie. Und vorne sind sie für einen eher dem Mittelfeld anzusiedelnden Club herausragend gut besetzt: Sébastien Haller, an fast allen Toren beteiligt, befindet sich in der Form seines Lebens, Luka Jovic ist ein Ausnahme-Torjäger und Filip Kostic, halb Verteidiger, halb Außenstürmer, steckte so ziemlich in allen falschen Schubladen, in denen ein Spieler stecken kann: Er ist, anders als erwartet, giftig, bissig, zweikampfstark, ein Teamplayer par excellence, der sich für die Mannschaft zerreißt. Gegen Lazio Rom konnte sich Hütter gar den großen Luxus erlauben, seinen eigentlich besten Angreifer, den Kroaten Ante Rebic, erst in der Schlussphase einzuwechseln – da war das Spiel bereits entschieden.

Die Hessen haben in den zurückliegenden beiden Begegnungen gegen Hannover und Rom satte acht Tore geschossen, „es waren unterschiedliche Torschützen“, hob der Fußballlehrer hervor. Was er damit sagen wollte: „Das Spiel ist auf mehrere Schultern verteilt. Es freut mich, dass wir grundsätzlich in der Lage sind, mehr als ein oder zwei Tore zu schießen.“ Seine Mannschaft gebe sich nie mit dem Erreichten zufrieden: „Wir sind immer hungrig auf mehr Tore, die Spielfreude ist immer mehr da.“

Einer der Torschützen gegen Rom: Rechtsverteidiger Danny da Costa, der gleich doppelt traf und sich folgerichtig den frech stibitzten Spielball in seine Vitrine zu Hause legen will. Vielleicht ist der 25-Jährige ja sogar bald einer für Joachim Löw – so viele gute Rechtsverteidiger hat das Land des entthronten Weltmeisters nicht in seinen Reihen.

In der Europa League führt die Eintracht ihre Gruppe mit sechs Punkten an. „In den nächsten beiden Spielen“, frohlockte der Trainer, „können wir den Sack zumachen.“

Morgen geht es erst einmal im Alltag weiter, im Kraichgau wartet der Champions-League-Teilnehmer aus Hoffenheim. Ob da nach dem Europa-Highlight nun der Spannungsabfall droht? „Dafür hätte ich kein Verständnis“, warnte Hütter. Die Partie sei eine von „hohem Stellenwert“. Klar ist, dass die Frankfurter mit neuem Selbstvertrauen und breiter Brust ins Spiel gehen können. Die jüngsten Auftritte, stellte Torwart Trapp heraus, „haben uns Rückenwind gegeben“. Und im Aufwind segelt es sich deutlich leichter.

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