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ARCHIV - 20.10.2018, Baden-Württemberg, Stuttgart: Fußball: Bundesliga, 8.Spieltag: VfB Stuttgart - Borussia Dortmund in der Mercedes-Benz-Arena.Stuttgarts Trainer Markus Weinzierl steht vor dem Spiel in der Arena. (zu dpa-Meldung: "VfB-Coach Weinzierl über Badstuber: Gibt "kein kritisches Verhältnis"" vom 25.10.2018) Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit

Eintracht Frankfurt

Gegner-Check: Die Dämonen kehren zurück

Beim VfB Stuttgart ist schon länger Horror angesagt. Wir haben den Eintracht-Gegner einmal genauer unter die Lupe genommen.

  Der Trainer: Gesetzt den Fall, man neigt zur GAG, der größten anzunehmenden Gemeinheit, könnte man Markus Weinzierl als den idealen Übungsleiter-Experten für das Fußball-Unterhaus bezeichnen. Als Spieler (2003) und als Trainer (2012) ist der Straubinger mit Jahn Regensburg in die Zweite Liga aufgestiegen. Bald könnte er mit dem VfB Stuttgart wieder dort landen – aber mit dem Fahrstuhl von oben, Richtung abwärts.

Es fällt leicht, den Namen Weinzierl mit Misserfolg in Verbindung zu bringen, wenn man nur auf die tatsächlichen und selbst ernannten Spitzenclubs schaut. Auf Schalke gab man ihm gerade eine Saison. 2017 musste er schon wieder gehen, weil Platz zehn dem chronisch überhitzten Umfeld nicht reichte. Am Ende konnte der gelernte Verteidiger die Angriffe auf seine Person nicht mehr abwehren.

Es gibt aber auch den anderen Markus Weinzierl. Den Weinzierl, der von der Vereinigung der Vertragsfußballspieler mit 30,7 Prozent noch vor Meistertrainer Pep Guardiola (25,6 Prozent) und Vizemeister Jürgen Klopp (18,6) zum besten Trainer der Saison 2013/14 gewählt wurde. Seine vier Jahre im Biotop Augsburg, wo eigentlich immer nur ehrlicher Fußball und der Klassenerhalt gefordert waren, gestalteten sich äußerst ertragreich, gekrönt mit der erstmaligen Europapokal-Teilnahme des Clubs.

Seit seinem Einstieg beim VfB lässt Weinzierl sich einen Dreitagebart stehen. Damit kann man auch als 43-Jähriger ganz schön alt aussehen – siehe Karl-Heinz Rummenigge. Bei dem liegt’s aber auch an der verunglückten Interpretation des Grundgesetzes.

  Die Stimmung: Am Mittwoch war Halloween, das alljährliche Grusel-Fest. „Süßes oder Saures“ heißt es da an der Haustür aus Kindermund. Beim VfB Stuttgart ist indes auf sportlicher Ebene schon länger Horror angesagt – und beim 0:4 in Hoffenheim gab es trotz guter Phasen wieder nur „Saures“. „Es geht nur noch darum, die Klasse zu halten“, sagt Sportdirektor Michael Reschke inzwischen. Seine Sommerprognose, der VfB werde diesmal mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben, ist von der Realität überholt worden.

Es ging schon gleich schlecht los: 0:2 bei Drittligist Hansa Rostock in der ersten Runde des DFB-Pokals. Von zehn Pflichtspielen erst eines gewonnen (2:1 gegen Bremen). In zehn Pflichtspielen siebenmal kein eigenes Tor erzielt. Mit fünf Punkten nach neun Bundesliga-Spieltagen den schlechtesten Erstliga-Start in der Vereinshistorie markiert. Zusammen mit Fortuna Düsseldorf die „Rote Laterne“ in der Hand. Bei so manchem Fan kehrten schon vor Halloween die Dämonen aus der Abstiegssaison 2015/16 zurück,

Ganz klar: Die VfB-Krise ist handfest, das schlägt sich auch in den bundesweiten Medien nieder. „Spiegel Online“ schreibt gar: „Stuttgart ist der neue HSV“. Erfüllt das schon den Tatbestand der üblen Nachrede? Tatsache ist: Trainer beim VfB Stuttgart zu sein ist – wie in Hamburg – eher ein Job von kurzer Dauer. Das zeigt zumindest die jüngere Vergangenheit. Nach nur acht Monaten im Amt musste Tayfun Korkut vor drei Wochen seine Koffer packen. Sein Nachfolger, Weinzierl, der in seinen ersten beiden Spielen jeweils ein 0:4 (gegen Dortmund, bei Hoffenheim) kassiert hat, greift bei seiner Situationsbeschreibung nun schon ganz tief in die Schatzkiste der fußballerischen Allgemeinplätze: „Der Mannschaft fehlt ein Erfolgserlebnis, ihr fehlt das Selbstverständnis und die Leichtigkeit. Dass ein Tabellenletzter nicht vor Selbstvertrauen strotzt, ist klar. Aber dem stelle ich mich. Es geht weiter!“ Aber womit? Mit Niederlagen?

  Der Kader: Zieler, Badstuber, Gentner, Gomez – das ist die Mittelachse, um die sich bei den Stuttgartern das Spiel drehen soll. Das war bei Korkut so, und auch Weinzierl vertraut auf sie. Zweimal 29 und zweimal 33 Jahre alt sind sie, erfahren und ehrgeizig. Allerdings schaffen es Gentner und Co. nicht, der Mannschaft Halt zu geben. Gerade wenn sie es am nötigsten hat. Das Gerüst wird klapprig, wenn es unter Druck gerät. In Timo Baumgartl, Christian Gentner, Emiliano Insua und Daniel Didavi steht nur noch ein Quartett aus der Abstiegssaison im aktuellen Kader. Mit diesem Team der Gescheiterten hat der aktuelle VfB also nicht mehr viel gemein. Damals wie heute lautete die einhellige Meinung: Die Truppe ist zu gut zum Absteigen. Doch dieser Schein kann trügen, das weiß man auch in Frankfurt.

  Und das noch: Die Bundesliga sei ein Dorf, hat Niko Kovac treuherzig lächelnd bei seinem Abschied aus Frankfurt festgestellt. Das bedeutet, dass man sich immer wieder mal über den Weg läuft. So gibt es am Freitag ein Wiedersehen mit bekannten Gesichtern für Eintracht-Flügelflitzer Filip Kostic. Der Serbe wechselte 2014 vom niederländischen Club FC Groningen zum VfB Stuttgart. Eingefädelt wurde der Wechsel nach Deutschland von zwei Herren namens Fredi Bobic und Ben Manga, die damals noch in Stuttgart tätig waren. Mittlerweile arbeiten die beiden seit über zwei Jahren als Sportvorstand und Chefscout erfolgreich in Frankfurter Diensten.

Man läuft sich in der Bundesliga übrigens auch über den Weg, wenn man das eigentlich gar nicht möchte. Bobic schied damals in Stuttgart im Unfrieden. Ein Punkt oder gar drei wären ein schönes nachträgliches Geburtstagsgeschenk. Den tiefen Schmerz so manchen EintrachtFans würde aber wohl nur der neuerliche Abstieg der Schwaben lindern. Es ist ein Schmerz, der seit der verpassten und vom VfB weg geschnappten Meisterschaft 1992 wühlt. Gut, dass die Frankfurter den Rostockern nicht mehr so oft über den Weg laufen. rich

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