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Eigentlich kein Geheimnis: Olympique-Kapitän Dimitri Payet und ganz Marseille haben sich in der Europa League viel vorgenommen.

Eintracht Frankfurt

Gegner-Check: Schwierige Aufgabe bei Olympique Marseille

Marseille ist stimmungsmäßig das Beste, was Frankreich zu bieten hat – was die Gäste aus Frankfurt beim Geisterspiel dort nicht erleben werden. Dafür dürfen sie sich auf andere gefasst machen.

Als Florian Thauvin einen langen Ball elegant mit seinem in die Höhe gereckten Fuß aus der Luft pflückte, ihn in einer fließenden Bewegung von der rechten Außenbahn in die Mitte trieb und dann mit dem linken Fuß in bester Arjen-Robben-Manier ins lange Eck schlenzte, da explodierte ein ganzes Stadion. Die Fans schnellten von ihren Sitzen hoch, jubelten, genossen diesen technisch feinen Moment und am Ende ein lockeres 4:0 gegen EA Guingamp, Schlusslicht der Ligue 1. Das Stade Velodrome, in dem der Duft des nur zwei Kilometer entfernten Mittelmeers den 50 000 Anwesenden am Sonntag ins Gesicht wehte, ist mit seinen geschwungenen Tribünen nicht nur architektonisch ein Hingucker, es ist auch stimmungsmäßig das Beste, was Frankreich zu bieten hat.

Olympique Marseille, der heimische Club, der am Donnerstag Eintracht Frankfurt in der Europa League empfängt, weist eine außergewöhnliche Fankultur auf. 27 000 Ultras, die größte Szene des Landes, dazu nach Abonnement-Meister Paris den höchsten Zuschauerschnitt (46 600). Ach, wie schön hätte das doch werden können! Auf der einen Seite die temperamentvollen Südfranzosen, auf der anderen die reiselustigen Hessen. Europapokal, wie er sein sollte. Wie er aber nicht sein wird. Denn bekanntlich haben sich die Olympique-Anhänger in den vergangenen Monaten doch allzu oft danebenbenommen. Pyrotechnik, Sachbeschädigung, Ausschreitungen. Gleich in vier Europapokalpartien. Folge: ein Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Gegen Frankfurt also werden nur Menschen, die zur Delegation beider Clubs gehören, im Stadion sein, jede Anweisung der Trainer wird zu verstehen sein.

„Dann hört man mich wenigstens“, sagte am Montag Eintracht--Coach Adi Hütter gequält. Wie gut, dass nicht nur Hütter an der Seitenlinie ein eher ruhiger Zeitgenosse ist, sondern auch sein Gegenüber Rudi Garcia. Der 54-jährige Franzose mit spanischen Wurzeln trainiert Marseille seit Oktober 2016. Er ist der Ruhepol des unruhigen Traditionsvereins. Unter Garcia reichte es zuletzt für die Plätze fünf, vier und wieder vier. Des Trainers größter Erfolg: Im Mai stand er mit Olympique im Finale der Europa League gegen Atletico Madrid. Das ging zwar mit 0:3 verloren, weckte aber die Gier in der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Die Gier nach Titeln. Der letzte, die Meisterschaft, liegt acht Jahre zurück. Ein internationaler, die Champions League, gar 26. „Wir wollen wieder eine gute Saison spielen und in der Europa League weit kommen“, sagte Garcia.

Dafür gab man im Sommer viel Geld aus. 65 Millionen Euro, alleine 25 für den niederländischen Nationalspieler Kevin Strootman, den Trainer Garcia von der gemeinsamen Zeit beim AS Rom kannte. Einst bezeichnete er ihn als „Quarterback“. Als Spieler, der ein Team aus der Tiefe des Raumes führt. Strootman, ein solider, aber nicht spektakulärer Kicker, ist der Kopf der Mannschaft, für die Aha-Momente sorgen andere. Da ist Dimitri Payet, 31 Jahre alt, Kapitän, mit einer überragenden Schusstechnik gesegnet. Oder Rechtsaußen Thauvin, 25 Jahre alt, französischer Nationalspieler, Marktwert: 50 Millionen. „Marseille ist eine bärenstarke Mannschaft, ein absolutes Spitzenteam im Land des Weltmeisters“, sagte Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic. Ziemlich treffend. Drei Spieler des letztjährigen französischen Tabellenvierten waren im Sommer in Russland mit dabei – wenngleich sie nur eine Statistenrolle bei der weltmeisterlichen Aufführung der Topstars um Kylian Mbappe, Antoine Griezmann oder Paul Pogba einnahmen. Der 33-jährige Torhüter Steve Mandanda etwa durfte nur im bedeutungslosen dritten Gruppenspiel gegen Dänemark ran. Am Donnerstag gegen die Eintracht fehlt er zudem verletzt. Und Thauvin, der wohl talentierteste in Reihen von Olympique, half immerhin im Achtelfinale gegen Argentinien mit, das 4:3 in den letzten Minuten über die Zeit zu schaukeln.

Das blieb Adil Rami verwehrt. Der 32-jährige Innenverteidiger-Brocken kam als einziger französischer Feldspieler bei der WM nicht zum Einsatz. Seit Monaten bestimmt er dafür abseits des Rasens die Schlagzeilen, erst vor wenigen Tagen wurde die angebliche Trennung (oder auch Nicht-Trennung, niemand weiß Genaues) von Ex-Baywatch-Nixe Pamela Anderson durch jegliche Boulevard-Blätter Frankreichs genudelt. Für Trainer Garcia offenbar kein Problem. Er vertraut Rami, genauso wie er immer seinem 4-2-3-1-System vertraut. Mit Rami im Abwehrzentrum an der Seite von zwei Ex-Bundesligakickern. Luiz Gustavo, einst in Hoffenheim, München und Wolfsburg aktiv, verteidigt in der Mitte, Hiroki Sakai wie einst in Hannover rechts.

Olympique wird auch ohne ihre tobenden, temperamentvollen und leider zu oft über die Grenze des Erlaubten hinausschießenden Fans eine schwer zu lösende Aufgabe für die Eintracht. Oder wie es Hütter nach der Auslosung formuliert hatte: „Knackig.“

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