+
Gert Trinklein (links) heute

Eintracht-Pokal-Held von 1974 und 1975

Gert Trinklein: Libero, Liberaler, Kämpfer

  • schließen

Am Tag des Pokalfinales fiebert Gert Trinklein nicht in Berlin, sondern in Frankfurt mit. Für den Ur-Frankfurter geht es mittlerweile mehr um die Gesundheit als um Fußball.

Diesmal müssen sie ohne ihn auskommen. Als die damals frisch gewählte FDP-Fraktion im Frankfurter Stadtparlament vor elf Jahren zum Pokalfinale zwischen Eintracht Frankfurt und Bayern München nach Berlin aufbrach, saß ein Kollege als „Reiseleiter“ mit im Flugzeug, dessen Gedanken immer wieder 32 Jahre zurückgeflogen sein dürften. Als Fußballer gewinnt man den „Pott“ nicht allzu oft im Leben. Gert Trinklein hat es mit der Frankfurter Eintracht gleich zwei Mal hintereinander geschafft: 1974 und 1975. „Können nicht viele von sich sagen“, freut sich Trinklein, der „Frankfurter Bub“, mit leisem Lächeln.

Diesmal ist er nicht in Berlin dabei. Die Eintracht hat ihn eingeladen, aber er hat abgesagt: „Ich habe mich sehr gefreut, aber ich bleibe in Frankfurt. Ich möchte jede freie Minute mit meiner Frau verbringen. Außerdem gehe ich davon aus, dass wir gewinnen. Und eine Party bis zum frühen Morgen ist nichts mehr für mich.“ Das ist eine deutliche Ansage von einem, den sie früher wegen seiner Affinität zu gerippten Gläsern und deren Inhalt den „Schoppe-Gert“ nannten.

Doch die Prioritäten in Gert Trinkleins Leben haben sich entscheidend verschoben. Wann er die niederschmetternde Diagnose bekommen hat, weiß er selbst nicht mehr ganz genau. Alles begann mit einem Hinterwandinfarkt des Herzens. Im Zuge von nachfolgenden Bluttests stellte sich heraus, dass der damals schon über 60-Jährige an Leukämie litt. Sie hat einen komplizierten Verlauf, ist zum Beispiel nicht durch eine Knochenmarkspende behandelbar.

Trinklein ist seit jenem verhängnisvollen Tag in Therapie. Behandelt wird er mit einem Mix aus Schulmedizin und der klassischen Homöopathie. Seine Frau Anja, ausgebildete und international vernetzte Homöopathin, koordiniert die Therapie mit der Onkologie des Heilig-Geist-Krankenhaus. Er empfindet die interdisziplinäre Zusammenarbeit beider Methoden als Segen. Es ist ein Marathonlauf, und sie bestreiten ihn gemeinsam. Mal ist die Krankheit vorne, mal die Trinkleins.

Schmal ist er geworden, der einstige Eintracht-Libero der 70er Jahre. Es waren aufregende Zeiten damals im deutschen Fußball. Viele Spieler, auch Trinklein, trugen die Haare lang. Passend dazu offenbarten sie mitunter auch eine rebellische Gesinnung. Vielleicht wäre das Pokal-Endspiel am 17. August 1974 in Düsseldorf, das die Eintracht mit 3:1 nach Verlängerung gegen den Hamburger SV gewann, anders verlaufen, wenn sich der junge Mann nicht ein wenig gegen seinen Trainer aufgelehnt hätte.

„Trinklein, du darfst nicht über die Mittellinie“, hatte Dietrich Weise seinem Abwehrspieler vor dem Anpfiff als taktisches Konzept für die erste Halbzeit mit auf den Weg gegeben. „Gott sei Dank habe ich mich nicht daran gehalten“, erinnert der sich heute schmunzelnd. Es war Gert Trinklein, der die Eintracht nach einem Solo in der HSV-Hälfte mit einem Flachschuss in die lange Ecke in der 40. Minute in Führung brachte.

Carl-Heinz Huthmacher, damals Sport-Ressortchef dieser Zeitung, machte sich auf der Tribüne seine eigenen Gedanken über den Tatendrang des Torschützen. „Er zog los, als ob er die Einweihung seines Lokals ’The Pub of the Pubs’ in der Sachsenhäuser Rittergasse sich nicht durch ein Wiederholungsspiel vermasseln lassen wollte“, schrieb Huthmacher in seiner Reportage. Sachsenhausen hat den gebürtigen Bockenheimer Trinklein nie ganz losgelassen. Seit einigen Jahren lebt er mit seiner Frau in der Nähe des Hainer Weges.

Zurück nach Düsseldorf, zurück ins Jahr 1974. Ole Björnmose glich in der 75. Minute aus, in der Verlängerung machten Bernd Hölzenbein (95.) und der eingewechselte Wolfgang Kraus (116.) den hart erkämpften Triumph über den HSV perfekt. Ein gewisser Willi Reimann hätte der Eintracht fast noch Schwierigkeiten bereitet. Doch sein Tor in der 105. Minute wurde wegen einer Abseitsstellung nicht anerkannt.

Das Pech des späteren Frankfurter Trainers war das Glück von Trinklein und seinen Teamkameraden: „Für den Pokalsieg gab es die erste größere Prämie bei der Eintracht, an die ich mich erinnern kann.“ Aber auch die besonderen Umstände dieses Endspiels bleiben unvergesslich. Wegen der WM in Deutschland wurde es nicht am Ende der Saison 1973/74, sondern erst zu Beginn der folgenden Spielzeit ausgetragen.

Für Uwe Kliemann hatte das fatale Folgen. Der Abwehrhüne, der mit seinen Taten zum Finaleinzug der Eintracht viel beigetragen hatte, konnte nicht mehr mitspielen, weil er schon bei seinem neuen Verein Hertha BSC unter Vertrag stand. Für Bernd Hölzenbein und Jürgen Grabowski hingegen setzten sich die Jubelfeste fort. Die beiden Stars waren kurz zuvor mit Deutschland Weltmeister geworden.

Ein Jahr später, diesmal Ende Juni, Niedersachsenstadion Hannover, Pokalfinale gegen den MSV Duisburg: Der Trainer hieß immer noch Dietrich Weise, der Libero Gert Trinklein. Aber die Hauptperson hieß damals Karl-Heinz Körbel. „Es war damals sehr regnerisch. Wir kamen mit unserer spielerischen Komponente nicht durch“, erinnert sich Trinklein: „Zum Glück hat der Charly dann in der zweiten Halbzeit das Ding reingemacht.“

Letztlich sind es zwei kuriose Geschichten, die Gert Trinklein mit dem Pokalsieg 1975 verbindet. Zum einen war es eigentlich sein letztes Spiel für die Eintracht: „Man war der Meinung, dass mein Vertrag nicht verlängert werden sollte.“ Doch nach einem Fehlstart in die Saison überredeten die Spieler Trainer Weise, Trinklein, der in Frankfurt geblieben war und noch keinen neuen Verein hatte, zurückzuholen: „Er hat mich dann in 14 Tagen Einzeltraining fit gemacht.“

Noch unterhaltsamer ist allerdings die Geschichte von der verpassten Pokalparty. Trinklein erinnert sich: „Ich war verhältnismäßig früh im Bett, hatte als einziger ein Einzelzimmer, wurde um acht Uhr wach und wunderte mich, dass es keinen Weckruf gegeben hatte.“

Der Hotel-Flur ist leer, die Mitspieler weg. Im Aufzug trifft Trinklein den „Kicker“-Reporter Wolfgang Tobien – und muss feststellen: „Die haben uns vergessen.“

Trinklein fliegt mit einer späteren Maschine allein nach Frankfurt zurück – und fährt gleich weiter zum Römer: „Als ich ankam, war der Balkon längst leer. Die Jungs feierten im Keller. Und begrüßten mich: ,Wo warst du denn? Komm, lass uns einen trinken.’ Ich war auch keinem böse. Wir sind dann später in mein Lokal ,Trinkleins Pub’ nach Sachsenhausen weitergezogen.“

Das ist alles Geschichte. Heute kämpft er nicht mehr auf dem Platz, sondern um seine Gesundheit. Der gelernte Kaufmann und heutige Kommunalpolitiker freut sich darauf, demnächst wieder seinen Biergarten im Frankfurter Brentanobad zu eröffnen. Und er möchte noch einmal das Hallenturnier veranstalten, das 2015 und 2016 wegen Terminproblemen auf Eintracht-Seite ausgefallen ist. Der Fußball lässt Gert Trinklein auch in schweren Zeiten nicht los.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare