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Goldköpfchen Schur

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© Frank

Die Eintracht ist im November 2002 wieder im Aufwind, als Mainz zu Besuch kommt. Es gibt einen Vorgeschmack auf das große Drama am Saisonende.

Von Frank Gotta

Es kann in der Saison 2002/2003 eigentlich nur besser werden bei der Eintracht: Die letzte Spielzeit brachte einen enttäuschenden siebten Platz in der Zweiten Liga, finanziell ist man nach dem Octagon-Rückzug ordentlich in Schieflage geraten. Und die Lizenz für die neue Saison war nach einer Klage der Spvgg. Unterhaching massiv in Gefahr geraten. Langmut gegenüber dem Geschehen auf und neben dem Platz ist also bei den Fans gefragt. Zumindest sportlich werden sie dabei nicht auf eine allzu harte Probe gestellt. Nach 13 Spieltagen rangiert man auf dem dritten Rang und damit auf einem Aufstiegsplatz. Und dieser soll am 22. November 2002 im Heimspiel gegen Mainz 05 abgesichert werden.

Der selbst ernannte Karnevalsverein aus Rheinland-Pfalz hinkt als letztjähriger „Aufsteiger der Herzen“ derzeit etwas hinter den Erwartungen hinterher. Nichtsdestotrotz wollen 10 000 Fans der „05er“ nach Frankfurt kommen, um ihre Mannschaft anzufeuern – zumindest ist dies den vollmundigen Ankündigungen zu entnehmen. Letztlich sind es dann aber nur knapp 3 000 fröhliche Mainzer, die das aufgrund der Bauarbeiten mit 24 000 Besuchern ausverkaufte Waldstadion aufsuchen.

Bei der Eintracht gibt sich Trainer Willi Reimann trotz der verletzungsbedingten Ausfälle von Jones und Wiedener sowie der alkoholbedingten Nichtberücksichtigung des Nachtschwärmers Montero vor dem Spiel optimistisch: „Mit der Power von so vielen Zuschauern sowie unserer Leistungsbereitschaft wollen wir ein schönes Paket schnüren, das zum Erfolg führt. Wir wollen zeigen, wer Herr im Hause ist.“ Gegenüber dem 1:1 bei den Eisernen von Union Berlin im letzten Spiel ändert er die Mannschaft nur auf einer Position. Sven Günther rückt für Serge Branco ins Team, Henning Bürger wird den offensiven Part auf der linken Seite übernehmen. Keine Änderung in der Mannschaft nimmt hingegen Gästetrainer Klopp nach dem 3:1-Heimsieg gegen Aachen vor. Neben Woronin, der bereits elf Tore in dieser Saison erzielt hat, sollen Auer und Thurk die Abwehr der Adler beschäftigen.

Stürmische Eintracht

Wie angekündigt gehen die Frankfurter stürmisch und selbstbewusst in das Spiel. Immer wieder wird der Ball von Bürger und Streit über die Außenbahnen nach vorne getragen, während sich Woronin in steter Gesellschaft von Tsoumou-Madza befindet und sich mangels gescheiter Pässe langweilt. Im defensiven Mittelfeld gibt es für die Gäste kein Durchkommen gegen den emsigen Schur, der zudem auch Gelegenheit findet, sich ins Spiel nach vorne einzuschalten.

Schur ist es auch, der die ersten Ausrufezeichen setzt. Etwa in der 13. Spielminute, als er einen Rückpass von Streit aufnimmt, aus 18 Metern abzieht, dabei allerdings knapp über den Kasten von Torhüter Wache schießt. Fünf Minuten später erspielt sich die Eintracht die dritte Ecke gegen die in kanarienvogelgelb spielenden Mainzer. Bürger flankt von rechts in den Strafraum, Keller will mit dem Kopf verlängern, verfehlt aber die Kugel. Nicht aber Schur, der vom rechten Eck des Fünfmeterraums den Ball in Richtung Tor köpft. Kryszalowicz will ran, auch Torhüter Wache versucht sich, doch zu spät. Der Ball zappelt im Netz, das 1:0 für die Eintracht (18.).

Auch in der Folge bleibt die Eintracht am Drücker, immer wieder gibt es schnelle Seitenwechsel und Mainz ist sichtlich überfordert. Nur durch Fouls können die „05er“ die Eintracht stoppen, wenn die sie sich das Leben nicht gerade selbst schwer macht. So spurtet Kryszalowicz ein ums andere Mal ins Abseits und auch Guié-Mien will nichts so richtig gelingen.

Aber auch der Mainzer „Wundersturm“ ist nicht mehr als ein laues Lüftchen, von Woronin, Auer und Thurk ist kaum etwas zu sehen. Einzig nach einem Fehlpass von Bindewald kann Woronin einmal aus 20 Metern abschließen, doch Kapitän Keller ist zur Stelle und kann zur Ecke klären (27.). So ist von den Gästen wenig bis nichts zu sehen, denn die Adler sind schneller und spielen direkter. Vor allem das Mittelfeld um Schur, Günther und Streit hat die Mainzer fest im Griff. Gute Torgelegenheiten hat die Eintracht nun aber auch nicht mehr, so dass es mit der 1:0-Führung in die Pause geht.

Der Motor stottert

Nach dem Wechsel bleibt die Eintracht spielbestimmend, doch der Motor beginnt nun immer mehr zu stottern. Es ist nicht zu übersehen, dass Tsoumou-Madza und Kryszalowicz angeschlagen sind. Doch während der Kongolese sich durchbeißt, muss „Paule“ ausgewechselt werden. Für ihn kommt Diakité in der 67. Minute. Zwei Minuten später die erste gute Möglichkeit in der zweiten Halbzeit für die Eintracht, als Günther aus 25 Metern abzieht. Doch Torhüter Wache bekommt gerade noch seine Fäuste an den Ball. Danach ist Schluss für den 28 Jahre alten Eintrachtspieler, er muss mit Leistenproblemen vom Platz und wird durch Branco ersetzt (69.).

In der Schlussphase macht Mainz Druck, die viel gepriesene Angriffsformation der Gäste kommt nun zu Torchancen. So mogelt sich Thurk auf halblinks an Tsoumou-Madza vorbei, taucht plötzlich frei vor Torhüter Nikolov auf. Doch er schießt überhastet und Nikolov kann parieren. Zehn Minuten vor Abpfiff wühlt sich dann Woronin im Strafraum durch, könnte selbst schießen, entscheidet sich aber für eine Rückgabe mit der Hacke auf den frei stehenden Buck, der aus sechs Metern abzieht. Aber wieder ist Nikolov zur Stelle, reagiert prächtig und kann den Ausgleich verhindern.

In der 84. Minute muss schließlich auch Streit mit Muskelproblemen ausgewechselt werden, und Trainer Reimann hadert ob der Verletzungen im Sturm: „Wenn nun auch Kryszalowicz ausfallen sollte, dann werde ich wohl meinen Pass wieder rauskramen müssen.“ Große Aufregung herrscht in der 85. Minute: Buck prallt im Strafraum bei einem Kopfballversuch mit Nikolov und Tsoumou-Madza zusammen, das Spielgerät kommt zu Thurk, der den Ball ins Tor schießt. Doch Schiedsrichter Jansen hat völlig zu Recht bereits abgepfiffen.

Mainz versucht sich weiter, aber die Frankfurter Abwehr steht bis zuletzt. Es bleibt beim verdienten Sieg der Eintrachtler, die zusammen mit den Fans die Welle durch das Waldstadion laufenlassen. „Die Zuschauer und wir – das ist wieder eine Einheit“, stellt Schur tief zufrieden fest. Während der Mainzer Manager Christian Heidel klagt: „Die erste Stunde haben wir geschlafen. Das war kein Derby, wir haben gegen eine biedere Mannschaft verloren und wegen unserer Blödheit.“ Dass er als Torschütze des Tages daran auch nicht unschuldig ist, erfreut Schur besonders: „Es ist ein sehr schönes Gefühl, so ein wichtiges Tor zu schießen. So kann es ruhig weiter gehen.“ Tatsächlich ist dieses Rhein-Main-Treffen auch in dieser Hinsicht ein Vorgeschmack auf das große Drama, das sich ganz am Ende der Saison auf der Baustelle Waldstadion und in Braunschweig abspielen wird – dem Fernduell zwischen Frankfurtern und Mainzern um den Aufstieg in die Bundesliga, das wiederum Goldköpfchen Schur in wahnwitzigen letzten Minuten zugunsten der Eintracht entscheiden wird.

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