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Eintracht Frankfurt

Historisches Spiel: Köln als Abschiedsgast im alten Waldstadion

Die Partie gegen den 1. FC Köln am 19. Mai 1973 ist für die Eintracht das vorletzte Bundesligaheimspiel der Saison 1972/73, doch bereits der vorzeitige Abschied aus dem Waldstadion, das wegen der Fußball-Weltmeisterschaft umgebaut wird.

Den Stadionumbau will die Vereinsführung auch zur Mitgliederakquise nutzen. „Werden Sie Stammgast im neuen Frankfurter Waldstadion und Förderndes Mitglied der Eintracht. Im Club 20 000.“ Diese Überschrift prangt in großen Lettern auf der Sportzeitung der Frankfurter Eintracht zum Spiel gegen die Domstädter. „Dauerkunden der Eintracht können mit Beginn der neuen Saison für 50 Mark Förderndes Mitglied werden und dann alle Bundesliga-Heimspiele der Eintracht von einem Stehplatz kostenlos sehen oder wahlweise einen Sitzplatz mit einem Rabatt von drei Mark erwerben“, heißt es weiter.

„Erstens soll das Zugehörigkeitsgefühl zum Verein gestärkt werden“, erläutert der scheidende Präsident Zellekens, „zweitens erhofft sich der Verein eine sichere finanzielle Grundlage.“ Der „Eintracht Frankfurt-Club 20 000“ soll mehrere Tausend Mitglieder umfassen und ein erster Schritt zu einem Massenclub spanischen Ausmaßes sein. Real Madrid hat rund 70 000 Mitglieder, der FC Barcelona rund 60 000.

Der heutige Gegner ist nicht nur aktueller Tabellenzweiter, sondern steht auch im Endspiel des DFB-Pokals. Vor drei Tagen machten die Kölner auf dem Bieberer Berg alles klar, nachdem sie die Kickers bereits im Hinspiel mit 5:0 vom Platz gefegt hatten. Für Trainer Ribbeck, der das 1:1 der Kölner im Pokalrückspiel beobachtet hat, ist die Partie heute Teil des Prestigekampfs zwischen Hessens Bundesligisten: „Wir wollen in diesem Überkreuzvergleich beweisen, dass die Eintracht noch zu den heimstärksten Mannschaften gehört.“

Das ist keine einfache Aufgabe. Seit dem 27. August 1966 haben die Frankfurter zu Hause in sieben Anläufen, zwei davon im DFB-Pokal, gegen die Elf vom Rhein kein Pflichtspiel mehr gewonnen. Außerdem ist die Elf von Trainer Schlott in der laufenden Saison seit dem 23. Spieltag ungeschlagen.

Magere Kulisse

Um 15.30 Uhr pfeift Schiedsrichter Peter Gabor aus Berlin vor mageren 13 000 Besuchern die Partie an. Die Eintracht, der eine gewisse Launenhaftigkeit nicht fremd ist, zeigt wenig Respekt vor dem Pokalfinalisten und legt eine furiose Anfangsviertelstunde auf den Rasen. Die Abwehr der Kölner übersteht diese Frankfurter Drangphase jedoch, ohne Schaden zu nehmen.

Es ist vermutlich der bisher heißeste Tag des Jahres. Bei gut 30 Grad läuft nicht nur den Spielern das Wasser am Körper herunter, sondern auch den Zuschauern. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass es bis zur Pause keiner der beiden Mannschaften gelingt, sich einen gewinnbringenden Vorteil zu verschaffen.

Nach dem Seitenwechsel sind es die Gäste, die mit Cleverness und Macht das Tor der Frankfurter angreifen. Die Kölner Angriffswellen erscheinen so zwingend, dass man jeden Augenblick mit dem Führungstreffer rechnet. Doch mehr als ein Lattenknaller von Löhr in der 55. Minute springt für die stürmischen Geißböcke nicht heraus.

Mitten in die Drangperiode der Domstädter schaltet sich Frankfurts Außenverteidiger Reichel in einen Entlastungsangriff seiner Elf ein. Grabowski sieht den mitgelaufenen Kollegen und bedient ihn mit einem Querpass im Kölner Strafraum. Reichel schießt sofort, es gelingt ihm jedoch nur ein im Grunde harmloser Roller, der sich gemächlich in Richtung des Kölner Heiligtums bewegt.

Welz macht sich lang, doch die Kugel geht an seiner ausgestreckten linken Hand vorbei an den Innenpfosten und von dort zur Frankfurter Führung ins Netz. 1:0 heißt es also für die Eintracht nach 59 Minuten.

Wütend berennen die Kölner direkt nach dem Anstoß das Frankfurter Tor. Den nun folgenden Sturmlauf muss die Eintracht aber ohne den bis dahin wieder vortrefflich haltenden Wienhold überstehen. Wienhold wird mit einem Wadenbeinbruch ausgewechselt. Bei der Abwehr einer Flanke wurde er von Simmet unterlaufen, stürzte, und Simmet fiel dabei auf Wienholds Unterschenkel.

Die Frankfurter Mannschaft lässt sich von der schweren Verletzung ihres Keepers nicht beeindrucken. Wolfgang „Scheppe“ Kraus, der dem Kölner Regisseur Overath mit seiner Hartnäckigkeit bereits in der ersten Stunde das Leben sauer gemacht hat, legt noch eine Schippe drauf, und auch Flohe sieht gegen Thomas Rohrbach, der heute die ganz harten Bandagen trägt, kein Land mehr. Dagegen gerät die bis dahin sichere Kölner Defensive um Torhüter Welz und Libero Cullmann plötzlich gehörig unter Druck.

Die Eintracht verlagert das Spiel auch durch die Sprints von Kalb durch die unterbesetzten Gebiete des Kölner Mittelfeldes in des Gegners Hälfte, wo Grabowski ebenso auf die Anspiele wartet wie Hölzenbein. Grabowskis Widersacher Konopka wird bei seinen Sturmläufen von anderen gebremst, Hölzenbeins Bewacher Kapellmann nach der Pause nur noch in Nebenrollen entdeckt.

Die Kölner wollen mit dem Kopf durch die Wand. So verständlich das ist, so absehbar ist meist das Ergebnis: Der Kopf wird von der Wand gestoppt. Zunächst stößt Bernd Hölzenbein in der 67. Minute zu – Zentimeter vor den Fingerspitzen von Torwart Welz lenkt er eine Flanke von Grabowski mit dem Kopf zum 2:0 ein.

Dampf gemacht

Zwei Minuten später nimmt Rohrbach eine Vorlage von Kraus als Aufforderung zu einem Solo, das er mit dem 3:0 abschließt. „Man sieht, wenn die Frankfurter konsequent Dampf machen, können sie auch die Kölner Abwehr überrennen“, lobt Bundestrainer Helmut Schön die Hausherren.

Der Kölner Trainer Schlott wirkt am Spielfeldrand mittlerweile so hilflos wie seine Spieler auf dem Platz. Nach 76 Minuten bringt er Stürmer Gebauer für den Mittelfeldmann Jürgen Glowacz. Zwei Minuten später beantwortet die Eintracht diese Aktion mit dem 4:0 für die Frankfurter. Einen Tag vor seinem 25. Geburtstag drückt Jürgen Kalb eine Flanke von Weidle aus kurzer Distanz ins Kölner Tor.

Den Schlusspunkt unter das halbstündige Feuerwerk der Eintracht setzt Libero Gert Trinklein eine Minute vor dem Ende. Nach einem Doppelpass mit Grabowski degradiert er bei seinem Sololauf nahezu die gesamte Kölner Abwehr zu Zuschauern, wartet nervenstark, bis Kölns Keeper Welz Bodenkontakt sucht, um den bedauernswerten Schlussmann dann elegant zu umspielen und zum 5:0 einzuschieben. Grandios.

Trainer Ribbeck, der seine Mannschaft am Spielfeldrand selbst in den letzten Spielminuten zu weiteren Angriffen anspornte, strahlt nach dem Schlusspfiff: „Von einem 5:0-Sieg hätte ich bei Halbzeit nie zu träumen gewagt.“ „Typisch für uns“, sagt er außerdem: „Wenn’s nur erst mal läuft …“

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