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Frankfurts Torschütze Luka Jovic (l) und Cheftrainer Adi Hütter freuen sich nach dem 2:1-Sieg über Marseille in der Europa League.

Eintracht Frankfurt

Adi Hütter ist heimlich, still und leise aus Kovacs Schatten getreten

Die Eintracht hat sich schneller von Erfolgscoach Kovac emanzipiert, als das zu erwarten war. Nachfolger Adi Hütter ist ein ganz anderer Typ – was ihm durchaus zupass kommt.

Dass Niko Kovac an der Säbener Straße in Turbulenzen geraten ist, beobachtet man an der alten Wirkungsstätte aus sicherer Entfernung und mit einer gewissen Nonchalance. Die Verantwortlichen in Frankfurt wissen, was sie ihrem Ex zu verdanken haben und welche Verdienste er sich um den Club erworben hat. Aber klar ist ja auch, dass ihn niemand gezwungen hat, die Pferde zu wechseln. Und vor allen Dingen: hat sich – Stand jetzt – sehr viel schneller von seinem zu Bayern München abgewanderten Pokalsieger-Trainer emanzipiert, als dies ehemals zu erwarten war.

Gerade zu Saisonbeginn waren die Befürchtungen, dass da jetzt einiges aus dem Ruder laufen könnte, recht groß. Vier Leistungsträger weg, der Erfolgscoach weg, viele Spieler im Formtief, auch wegen den Nachwirkungen der WM, und Neuzugänge, die nicht wirklich gleich funktionierten. Obendrauf setzte es zwei böse Auftaktschlappen (0:5 gegen Kovacs Bayern im Supercup, 1:2 als Titelverteidiger im Pokal in Ulm) – und dann gab es ja noch einen neuen Trainer aus Österreich, für den die deutsche Bundesliga Neuland und Abenteuerland zugleich war und der sich erst mal finden und akklimatisieren musste. Das hat er geschafft, der Adi Hütter aus Vorarlberg, mit etwas Anlauf und viel Geduld, aber er wird wahrgenommen in Frankfurt, er ist aus dem Schatten Niko Kovacs getreten. Heimlich, still und leise, wie es so seine Art ist.

Der 48-Jährige steht seit 105 Tagen auf dem Trainingsplatz und seiner neuen Mannschaft vor, und er hat sich im Laufe der Zeit freigeschwommen, ein eigenes Profil entwickelt oder es vielleicht auch nur stärker zum Vorschein gebracht. Dabei kam es ihm durchaus zupass, dass er ein anderer Typ als sein Vorgänger ist, weniger impulsiv, ruhiger, ausgleichender. Hütter ist auch wegen dieser Unterschiede ausgesucht worden. „Wir brauchen keinen Niko Kovac 2.0“, hatte Sportvorstand Fredi Bobic früh verlauten lassen. Unter General Kovac herrschte kein Klima der Angst, das wäre überzogen, aber doch eine stetige Anspannung. Hütter lässt die Zügel lockerer, aber nicht schleifen. Vielleicht war nach zweieinhalb Jahren Dauerdruck einfach mal eine andere Herangehensweise nötig, was nicht gegen Kovacs unbestrittene Trainer-Qualität sprechen soll.

Ihrem Spielstil ist die Eintracht weitgehend treu geblieben, er ist etwas modifiziert worden. „Unser Fußball ist nicht schick“, sagte Bobic, „aber rau und robust.“ Das trifft es gut. Hütter hat seine Mannschaft erst finden müssen, er hat genau hingesehen und sich auch nicht gescheut, die Neuzugänge, von denen er nicht überzeugt war, auf die Tribüne zu setzen. Er hat die zwischenzeitlich aussortierten Spieler wieder eingegliedert und ihnen zumindest eine gewisse Wertigkeit gegeben, auch wenn es ja (verschiedene) Gründe gab, weshalb sie temporär nicht mehr mitmachen durften. Er hat seine Mannschaft peu à peu entwickelt und geformt.

Auch der Coach hat dazu lernen müssen, dass etwa diesem Ensemble eine Dreierkette einfach besser steht. Es ist eine Mannschaft, die nicht die Sterne vom Himmel spielt, die aber mit Wucht, Willen und Leidenschaft ihrer Arbeit nachgeht. Und die Akteure hat, die den Unterschied machen können. Hütter war auch schon auf ein paar Schlüsselerlebnisse angewiesen, nachdem es am Anfang gar nicht rund lief: Die erste Europa-League-Partie in Marseille vor Geisterkulisse, der 2:1-Sieg in Unterzahl, war eine Art Hallo-Wach-Erlebnis, nach dem Motto: „Seht her, wir können es ja doch.“ Es sind diese kleinen Momente, die eine Saison oder zumindest einen gewissen Abschnitt entscheidend beeinflussen können.

Zumal die Spieler mit wachsendem Selbstvertrauen zu besserer Form fanden. Sie fertigten Hannover 96 in einem ersten echten Druckspiel mit 4:1 ab – der zweite Schlüsselfaktor. Der trug die Eintracht zum ersten Europapokalheimspiel gegen Lazio Rom und von einer gigantischen Stimmung angepeitscht zum nächsten 4:1-Erfolg. Das 2:1 in Hoffenheim gab es als Sahnehäubchen oben drauf. Macht mal eben 10:3 Tore und neun Punkte binnen einer Woche. Nicht übel.

Lokomotive Hütter wirkte nach dem Erfolg im Kraichgau gelöst, aber in sich ruhend, wie einer, der weiß, dass er den Zug aufs richtige Gleis gesetzt hat, aber dass noch ein paar unangenehme Kurven zu befahren sind. Bange muss ihm davor nicht sein, eine Irrfahrt ist zumindest nicht sehr wahrscheinlich.

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