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Schwarzer Derby-Abend: Armin Veh nach dem Abpfiff ? vor Polizisten, die wegen der auf die Barrikaden gegangenen Fans Stellung beziehen.

Eintracht Frankfurt

„Ich gehe hier nicht weg“

Veh richtet an seine aktuellen Eintracht-Spieler scharfe Worte, Verstärkung ist in Sicht: „Wir können das nicht laufenlassen.“

Von MARKUS KATZENBACH UND KLAUS VEIT

Am Mittwochmorgen hat die Firma Betsafe eine Wette ins Programm genommen. Gesetzt werden kann auf einen Rücktritt oder eine Entlassung von Armin Veh als Trainer der Frankfurter Eintracht bis zum 21. Dezember – wobei für die Buchmacher Vehs Rücktritt wahrscheinlicher ist als die Entlassung: Für diesen Fall jedenfalls gibt es die schlechtere Quote. So oder so kann niemandem geraten werden, in dieser Frage sein Geld aufs Spiel zu setzen. In der Führung des Bundesligisten genießt der Fußballlehrer auch in der tiefen Krise volle Rückendeckung. Und das Gefühl, es stünde ein freiwilliger Abgang bevor, vielleicht bei zwei weiteren Niederlagen vor den Weihnachtsferien, vermittelt Veh nicht. Ganz im Gegenteil.

„Ich habe Armin Veh noch nie so kämpferisch erlebt wie jetzt“, sagte Sportdirektor Bruno Hübner gestern, der Trainer selbst betonte noch einmal: „Ich gehe hier nicht weg. Dafür liegt mir die Sache auch viel zu sehr am Herzen.“ Veh leidet selbst schwer unter der Krise, die Kampfbereitschaft aber ist ihm nicht abhanden gekommen. Von seinen alten Führungskräften allerdings hätte er zuletzt mehr davon erwartet. Der Stachel der peinlichen Hessenderby-Pleite am Sonntag gegen Darmstadt als vorläufiger Tiefpunkt des erschreckenden Niedergangs saß auch drei Tage später immer noch tief – und ließ sich für ihn an Zahlen festmachen.

„Ich bin richtig angefressen. Nicht weil wir ein Spiel verloren haben, aber weil wir Zuhause bei diesem unheimlich wichtigen Spiel nur 41 Prozent der Zweikämpfe gewonnen haben. Mehr muss ich dazu nicht sagen, da habe ich kein Verständnis“, zürnte der geladene Veh, und man bekam einen Eindruck, in welcher Tonlage er diese Zahlen seinen Spielern bei der Sitzung am Morgen vorgehalten hatte. „Ich will auch keine Erklärungen dafür. Ich will auf dem Platz sehen, dass man vorangeht, wenn man ein Führungsspieler ist“, forderte er. „Ich habe ihnen gesagt, dass nicht ein 19-Jähriger die Mannschaft führt, sondern dass es die vermeintlichen Führungsspieler tun sollten“, und sprach damit Marc Stendera als positives Beispiel an, der an diesem Donnerstag 20 wird und ungeachtet seiner Jugend zuletzt der einzige Feldspieler war, der sich richtig gegen den Abwärtstrend wehrte. Nebenbei ärgerte sich Veh, dass sich seine Profis ohne Gegenwehr Provokationen des Lilien-Stürmers Sandro Wagner gefallen ließen: „Dann lassen wir uns auch noch von Wagner verarschen“, grollte Veh und hoffte, dass sich vieles beim Wiedersehen ändert: „So können wir nicht auftreten. Aber es gibt ja noch ein Rückspiel.“

An seine vermeintlichen Führungsspieler richtete er scharfe Worte: „Ich verlange von Profis, die jahrelang dabei sind, dass sie Eigenverantwortung übernehmen, dass sie selbstkritisch sind und selbst etwas ändern. Das sind ordentliche Jungs. Aber ordentlich sein reicht nicht als Profifußballer. Irgendwann kann man auch als Trainer nichts mehr erzählen. Es gibt Situationen wo man mal selbst den Arsch hochkriegen muss.“ Sie könnten es ja ändern, ein anderes Gesicht zeigen, ergänzte Veh. „Und wenn nicht, haben wir die Möglichkeit, im Winter etwas zu tun. Das machen wir sowieso, weil es notwendig ist.“

An den Sinn eines Trainerwechsels glaubt in der Eintracht-Leitung keiner, einschließlich Veh selbst – anders als bei seinem Rückzug in Stuttgart vor gut einem Jahr. Der Eintracht-Plan im Abstiegskampf ist ein anderer: Statt einem neuen Trainer sollen in der Winterpause neue Spieler kommen. „Für uns kann es nur darum gehen, drei Mannschaften hinter uns zu lassen. Es ist noch nichts verloren, aber die Situation ist kritisch. Da müssen wir etwas machen und Neue holen. So können wir es nicht laufenlassen“, meinte Veh, Hübner assistierte: „Unsere einzige Chance ist es, frisches Blut zuzuführen. Auch um die anderen Spieler aufzuwecken. Wir brauchen einen gesunden Konkurrenzkampf.“

Die Leerstelle vorne links soll dabei auf jeden Fall gefüllt werden. Gehandelt werden weiter Sidney Sam und Chinedu Obasi, auch der Pole Kamil Grosicki. Verstärkung gesucht wird in allen Mannschaftsteilen, möglichst bis zum Start des Trainingslagers in Abu Dhabi am 4. Januar. „Wir suchen Spieler, die uns kurzfristig helfen, aber auch welche, die uns über die hoffentlich gute Rückrunde hinaus für die Zukunft helfen“, erklärte der Sportdirektor. Dafür gebe es ein gewisses Budget. Über einzelne Spieler müsse darüberhinaus vielleicht separat nachgedacht werden. Auch nur bis zum Saisonende befristete Leihgeschäfte sind vorstellbar.

An Spielerverkäufe ist hingegen eher nicht gedacht. „Der Kader ist ja nicht so groß“, sagte Hübner. „Es gibt Situationen wie in Dortmund, wo sich die Mannschaft fast von alleine aufstellt.“ Gerade in der Innenverteidigung wird es dünn. Marco Russ und Carlos Zambrano fehlen gesperrt. Letzterer hat sich beim 0:1 gegen Darmstadt einen Muskelfaserriss zugezogen, der ihn schon beim Gegentor daran hinderte Aytac Sulu zu stoppen. „Da kommt alles zusammen“, stöhnte Veh. Zumal David Abraham zwar wohl fit für den Sonntag in Dortmund ist, den als Abwehr-Aushilfe angedachten Stefan Reinartz aber wieder die Patellasehne zwickt.

Erklärungen dafür, wie der hoch gelobte Kader derart in Schieflage geraten konnte, gibt es keine. „Da läuft eine Eigendynamik rein, das ist verrückt“, sagt Veh. „Wer gegen Darmstadt verliert, hat keine Argumente“, weiß Hübner. Dass die Mannschaft falsch zusammengesetzt ist, glaubt der Sportdirektor nicht. „Die Leistungsträger müssen aber ihre Form wieder abrufen. Wir nehmen sie in die Pflicht, sie müssen den Bock umstoßen.“ Jetzt gilt es erst einmal, sich gegen Dortmund und Bremen in die Winterpause zu retten, bis dahin möglichst viele Punkte holen – und dann, so Hübner, die „Reset-Taste zu drücken“. Mit neuen Spielern und altem Trainer.

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